bedeckt München 29°

Mehr als tausend Kirchenaustritte in Dachau:Exodus

Der Turm der Stadtpfarrkirche Sankt Jakob wird jeden Abend hell angestrahlt. Doch die Perspektiven der Kirche als Institution sind eher düster.

(Foto: Toni Heigl)

Nie gab es in Deutschland mehr Kirchenaustritte als 2019. Allein im Landkreis kehrten mehr als tausend Katholiken der Institution den Rücken - und die Folgen der Corona-Pandemie könnten die Entwicklung noch beschleunigen

Von Thomas Balbierer, Dachau

Die katholische Kirche im Landkreis Dachau schrumpft immer schneller. Nach Angaben der Erzdiözese München und Freising traten im vergangenen Jahr 1070 Menschen aus der Kirche aus, 2018 waren es noch 883 gewesen und im Jahr davor 752. Laut kirchlicher Statistik gibt es im Landkreis noch 72 269 Katholiken. Die Zahlen aus dem Dachauer Land bestätigen einen bundesweiten Abwärtsrekord: Nie gab es in Deutschland mehr Kirchenaustritte als 2019 - bei Katholiken und Protestanten. Mehr als eine halbe Million Deutsche haben den christlichen Kirchen den Rücken gekehrt. Wie viele Protestanten im Landkreis ausgetreten sind, kann das evangelisch-lutherische Dekanat München derzeit nicht beziffern. Die Auswertung läuft laut einer Sprecherin noch, aber positive Zahlen sind auch hier nicht zu erwarten. Was bedeutet das für die Kirche vor Ort?

Der Dachauer Stadtpfarrer und Leiter des katholischen Pfarrverbandes Sankt Jakob, Benjamin Gnan, ist von den hohen Austrittszahlen nicht überrascht. Für ihn sind sie Ausdruck einer mangelnden "christlichen Sozialisation", die seit langem zu beobachten sei. Jahrzehntelang sei Dachau vom katholischen Glauben geprägt gewesen, doch die Kirche habe längst ihr Monopol als Seelsorger verloren. "Religion ist nur noch ein Anbieter auf dem Markt, das Leben zu gestalten", sagt Gnan. In der vielfältigen modernen Gesellschaft könne sich jeder Mensch seine eigene Weltanschauung schaffen - unabhängig von der "Monokultur Christentum", erklärt Gnan. In seiner Analyse sind die vielen Kirchenaustritte nur Symptom einer tieferen Krise. Viele junge Menschen würden die Kirche verlassen, sobald sie ihr erstes Geld verdienen und Kirchensteuer zahlen müssen, glaubt der Stadtpfarrer. Das liege daran, dass sie mit der Kirche ihr Leben lang "nichts am Hut gehabt" hätten. Als Babys würden sie von ihren Eltern getauft und als Schulkinder vielleicht noch zu Kommunion und Firmung geschickt, doch sonst spielten Glaube und Kirche im Leben vieler Familien keine Rolle mehr, so Gnan. Weil im Erwachsenenalter dann der Bezug zur Kirche völlig fehle, würden sich viele die Kirchensteuer lieber sparen und kündigten ihre Mitgliedschaft aus finanziellen Gründen. Wer sein Kind taufen lasse, betont der Pfarrer, habe aber die Aufgabe, es auch in den Glauben einzuführen.

Dass das oftmals nicht mehr geschehe, sieht er als Grundproblem des Mitgliederschwunds. Manche Menschen seien aber auch einfach von der Kirche enttäuscht, gesteht Gnan ein. Dass vor allem Themen wie der Zölibat oder die Rolle der Frau für die hohen Austrittszahlen verantwortlich seien, glaubt der Geistliche nicht. Er verweist auf die evangelische Kirche, wo Pfarrer heiraten und Frauen predigen dürfen - und die Mitgliedszahlen trotzdem sinken. Gnan sieht die Entfremdung von der Kirche als Folge gesellschaftlicher Entwicklungen, während Reformbewegungen wie der bundesweite Verein "Wir sind Kirche" die Fehler bei der Institution selbst verorten. Die Austritte seien eine "erschütternde und traurige Bilanz des jahrzehntelangen Herumlavierens der Kirchenleitungen", teilte der Verein nach Bekanntgabe der Statistik vor wenigen Tagen mit. Er setzt sich seit Jahren für eine Erneuerung der katholischen Kirche ein und fordert die Verantwortlichen auf, mehr auf die Lebensrealitäten der heutigen Gesellschaft einzugehen. Die "zögerliche Aufarbeitung" von Missbrauchsskandalen sowie die "grundsätzliche Diskriminierung von Frauen durch die Verweigerung der Weihe" seien hauptsächliche Gründe für die hohen Austrittszahlen, analysiert der Verein. Hinzu kämen organisatorische Fehler wie die Schließung und Zusammenlegung von Kirchengemeinden. Die katholische Kirche befinde sich in einer "Multi-Krise", sagt Christian Weisner.

Der Dachauer hat "Wir sind Kirche" vor 25 Jahren in Deutschland mitgegründet und setzt sich für eine offene und menschennahe Institution ein. Er appelliert an die Geistlichkeit, die Austritte nicht achselzuckend hinzunehmen. "Dass die Kirche unter sich bleibt, das ist keine Überlebensstrategie", so Weisner. Stattdessen müsste die Kirche "über ihren Schatten springen", Missstände wie sexuelle Gewalt oder den Finanzskandal von Limburg schneller und transparenter aufklären und die Teilhabe von Laien sowie die Rolle von Frauen stärken. Auch dass etwa Geschiedenen die kirchliche Trauung verwehrt bleibe, findet Weisner entrückt. "Die Christen müssen sich als Teil der Zivilgesellschaft verstehen", fordert er und wünscht sich mehr Jugend- und Bildungsarbeit. Es gebe im Landkreis positive Beispiele wie das Programm der Katholischen Landvolkshochschule Petersberg oder kreative Gottesdienstformate während der Corona-Krise.

"Die Kirche ist nicht so unmodern", glaubt der Christ. Die Wahl von Papst Franziskus sei zum Beispiel ein Signal des Aufbruchs gewesen, ein Zeichen neuer Offenheit nach dem konservativen Joseph Ratzinger an der Spitze. Weisner hofft auf weitrechende Reformen, doch inzwischen ist auch Franziskus schon sieben Jahre im Amt. Der Wandel einer so hierarchischen und traditionellen Organisation sei eben mühsam und brauche Zeit, sagt Weisner. "Aber da ist noch Musik drin."

Tatenlos will auch Stadtpfarrer Gnan die Austritte nicht hinnehmen. Die Kirche müsse mit ihrer Seelsorge als "Aushängeschild" noch intensiver auf gesellschaftliche Gruppen zugehen. Zum Beispiel auf die Senioren, die für die Kirche zu der wichtigsten Zielgruppe zählen. Man könne Angebote gegen Vereinsamung schaffen und ältere Menschen aktiver ansprechen, findet Gnan. Auch um die Jugend will er sich bemühen: Der Pfarrverband müsse sich zum Beispiel stärker in den sozialen Medien präsentieren, es aber auch schaffen, die Jugendlichen im direkten Kontakt zu erreichen. "Die Kirche attraktiver zu machen, ist eine Riesenherausforderung", gibt der Stadtpfarrer zu.

Auch für ihn persönlich: Gnan ist erst seit September im Amt, als Bilanz seiner Arbeit kann die Abwärtsspirale der katholischen Kirche im Landkreis also nicht gewertet werden. Und dennoch lassen ihn die Austritte nicht kalt. Es ärgert ihn, dass die Kirche jedes Jahr aufs Neue die Negativzahlen kommentieren muss - er würde gerne mehr Positives über die Gemeindearbeit in der Zeitung lesen. Doch der Geistliche ahnt schon die nächste Austrittswelle voraus: Wegen der von Corona verursachten Wirtschaftskrise samt Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit könnten 2020 noch mehr Menschen aus finanzieller Sorge die Kirche verlassen. Dann müsste Gnan in einem Jahr erneut unerfreuliche Zahlen kommentieren.

© SZ vom 06.07.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite