Mehr als eine Lesung Skurrile Dorfgeschichten

Ein Wasserschlauch als Blasinstrument. Peter Holzapfel in der Stadtbücherei Dachau.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Erwin Rehling und Pit Holzapfel erzählen von früher mit grandioser Musik

Von Walter Gierlich, Dachau

"Valentinesk". Das Urteil von Rosa Rühl, der bald 90-jährigen früheren Stadträtin, über das Programm "Neues von früher" fällt kurz und knapp aus. Und es ist zutreffend. Was Erwin Rehling und Peter Holzapfel mit ihrem skurrilen Literatur- und Musikprogramm in der Dachauer Stadtbücherei präsentieren, erinnert stark an Auftritte Karl Valentins. Wie der "Linksdenker", als den ihn Kurt Tucholsky einst bezeichnete, geben auch Rehling und Holzapfel Geschichten aus dem Alltag - in diesem Fall der Sechzigerjahre im Dorf Soyen bei Wasserburg - zum Besten: lakonisch, nur wenige Sätze lang und bisweilen mit Pointen, deren Hintersinn sich erst beim nochmaligen Überdenken erschließt. Und so manchem älteren Zuschauer, wie Josef Baur vom Vorstands des Fördervereins Wasserturm, fällt auf, dass sich die Dorfgeschichten nicht allzu sehr von dem unterscheiden, was er selbst in den ersten Nachkriegsjahrzehnten in der Kleinstadt Dachau erlebt hat.

Schon wenn man den vollbesetzten Raum der Stadtbücherei betritt, in dem sonst Lesungen oder Filmvorführungen stattfinden, sieht man erstaunt die Bühne, die mit Musikinstrumenten wie Posaune, Gitarre und Schlagzeug sowie selbstgebauten Klanggeräten aus Gartenschläuchen, Blechdosen, Holzscheiten, Fliesen oder Kuhglocken vollgestellt ist. Die beiden brauchen das alles in den gut 80 Minuten der Vorführung und spielen die Instrumente grandios, jeweils angepasst an die Texte, die meist Rehling spricht - in steifer Körperhaltung und ohne eine Miene dabei zu verziehen. Mal klingt die Musik von Perkussionist Rehling und Multiinstrumentalist Holzapfel rockig mit Gitarre und Schlagzeug, dann erinnert sie an Free Jazz mit Posaune und Vibrafon aus Fliesenstücken, mal wirkt sie experimentell, wenn ein Gartenschlauch Holzapfel als Blasinstrument dient und Rehling auf unterschiedlich großen Kuhglocken einen melodischen Rhythmus klopft, oder man meint Volksmusik auf der E-Gitarre zu hören.

Jeder kennt jeden im Dorf, nennt ihn natürlich auf bairisch immer zuerst mit Nachnamen und dann mit Vornamen. Auch in den kurzen, manchmal absurden Geschichten, die Rehling erzählt. Von dem winzigen Lastwagenfahrer, der zwei Obstkisten auf den Fahrersitz legen musste, damit er über das Lenkrad hinausschauen konnte. Von den Stammtischbrüdern, die wenig tranken und wenig redeten - und wenn, dann führten sie nur Selbstgespräche. Vom Stier, vor dem sich der Bub fürchtete, oder von den Zirkustieren, die über den Winter im leer stehenden Stall des Nachbarn untergebracht waren. Vom alten Giglmoar, zu dessen Haus die Dorfjugend ging, wenn ihr langweilig war. Die Burschen schauten ihm beim Essen zu, das er jeden Tag am Fensterbrett einnahm, während der Rest der Familie am Tisch speiste. Und warum? Weil er sich sein Leben lang geweigert hat, mit seinem Schwiegersohn am Tisch zu sitzen.

Dann gibt's die Geschichte von der "Prinzessin", der Frau eines Zugezogenen: Wenn der mit seinem Bulldog ins Dorf fuhr, saß sie hinten in einem Plüschsessel, der auf dem Anhänger festgebunden war. Oder von der Wirtin aus Leidenschaft, die ihren todkranken Mann auf dem Bett in die Küche mitnahm und sagte: "I ko doch die Wirtschaft ned zuasperrn, bloß wei der stirbt." Ungeliebte Flüchtlinge und traumatisierte Kriegsheimkehrer, die in der Psychiatrie landen, kommen ebenfalls in dem Anekdoten-Panorama der späten Adenauer-Zeit vor. Und grausig wird es in einer der wenigen Begebenheiten, die nicht Rehling sondern Holzapfel erzählt: Von einem Zug, der zwischen Wasserburg und Reitmehring hielt, Patienten aus der psychiatrischen Klinik Gabersee einlud und sie nach Hartheim zum Vergasen brachte. Erzählt hat den Burschen im Dorf davon einer, der durch glückliche Umstände davongekommen war.

Langanhaltender Beifall vom begeisterten Publikum am Ende, das ein solches musikalisch-literarisches Theater wohl noch nie erlebt hat und bedauert, dass nach einer Zugabe bereits Schluss ist. Aber es gibt alles auch auf CD.