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Mediation in Karlsfeld:Schlichten auf dem Pausenhof

Zwei Mediatorinnen klären Konflikte unter Kindern und Jugendlichen an der Mittel- und Grundschule Karlsfeld. Die Gemeinde unterstützt das Projekt finanziell

Trotz klammer Kasse unterstützt Karlsfeld weiterhin die Mediation an der Mittelschule, sowie der Grundschule an der Krenmoosstraße. Im vergangenen Jahr hatten die Gemeinderäte erstmals 16 000 Euro dafür bezahlt. Damals gab es noch Debatten darüber, ob die Kommune für Versäumnisse des Staates einspringen soll. "Wir sind nicht zuständig", erklärten einige CSU-Gemeinderäte und stimmten gegen den Zuschuss. Darüber wurde heuer im Hauptausschuss nicht diskutiert. Man war sich gleich einig, dass das Projekt gut ist und weiterlaufen soll, auch wenn die finanzielle Zukunft Karlsfelds auf wackligeren Beinen denn je steht. Kämmerer Alfred Giesinger mag keine Prognosen abgeben, wie viel Einnahmen Karlsfeld heuer durch Einkommens- und Gewerbesteuern generieren kann. Die Auswirkungen der Coronakrise sind nach dem ersten Quartal noch immer nicht erkennbar.

Johanna Pitzer und Magdalena Steib von der Mediationszentrale München, die die beiden Schulen je zwei Stunden pro Woche besuchen, sind jedenfalls froh um den Zuschuss. "Die finanzielle Unterstützung im vergangenen Jahr hat schon einen Energieschub gegeben", sagt Pitzer. "Es hat uns den Rücken gestärkt. Wir haben jetzt einen gesellschaftlichen Auftrag. Das wirkt motivierend." Dadurch sei eine "große Ernsthaftigkeit" in ihre Arbeit gekommen. Auch die Schulleiter unterstützten sie mehr und seien froh, dass die beiden Mediatorinnen da sind. "Früher haben wir uns bei den Schulen beworben. Mittlerweile müssen sich die Schulen bewerben", sagt Pitzer.

Dass sie Erfolg haben, bezeugt ihre kleine Statistik. Im gesamten Schuljahr 2018/19 klärten die beiden Mediatorinnen in der Grundschule acht Konflikte zwischen Schülern, heuer waren es bis Mitte März bereits zehn. Und in der Mittelschule gab es im vergangenen Jahr lediglich Einzelberatungen, heuer konnten schon vier Konflikte geklärt werden. "Es dauert einfach lang, bis die Kinder Vertrauen fassen", erklärt Pitzer. Um sich bekannter zu machen, sind die Expertinnen in verschiedene Klassen gegangen, haben so genannte Sozialkompetenztrainings mit den Schülern gemacht. Dabei helfen sie den Kindern und Jugendlichen Situationen zu erfassen und ihre Gefühle sowie Bedürfnisse auszudrücken - oder einfach zu sagen, wenn etwas nicht in Ordnung ist.

Sehr erfolgreich war ein Workshop zum Umgang mit Prüfungsangst oder Stress mit einer neunten Klasse, berichtet Pitzer. Ein Lehrer sei auf die Mediatorinnen zugekommen, weil er bemerkt hatte, dass einige Schüler sehr unter dem Druck vor dem Quali leiden. Trotz aller Coolness, die Jugendliche wahren wollen, erzählten einige von ihren Schwierigkeiten oder gaben anderen Tipps. Wieder andere kamen später in ihrer Not zu Einzelterminen, so Pitzer. "Wir saßen heuer sehr viel weniger in unserer Sprechstunde, ohne dass jemand kam."

Die Konflikte, die die Schüler an die beiden Expertinnen herangetragen haben, waren "sehr vielschichtig". Von Zickenkriegen bis hin zu häufigem Gerangel von Jungs auf dem Schulhof war alles dabei - auch Mobbing in vielen Varianten. Die Ursachen für manch einen Streit lag in Verständigungsschwierigkeiten, in Traumata, die manch ein Schüler in sich trägt, oder auch im Wunsch von anderen respektiert und angenommen zu werden, erklärt die Karlsfelder Psychotherapeutin.

Auch Lehrer und Eltern kamen zu ihr, mehr als im vergangenen Schuljahr. Stolz ist Pitzer darauf, dass sie einen Lehrer, dem sein Beruf immer Spaß machte, vor einem Burn-out retten konnte.

Während der Corona-Krise, als die Schulen geschlossen waren, boten sich Pitzer und Steib als Helfer in der Not an, nicht nur am Telefon oder per Videoschalte. Auch beim Spazieren und Einkaufen traf Pitzer Mütter, die ihr sofort ihr Herz ausschütteten. Statt sie abzuwimmeln, hörte die Psychotherapeutin zu und gab Tipps. "Für manche waren die beengten Verhältnisse der Horror", "manche Mütter dachten, sie müssten den Lehrer ersetzen" und seien deshalb total gestresst gewesen, so Pitzer.

Auch für Lehrer haben sich die beiden Mediatorinnen den Kopf zerbrochen. "Wir haben einen Leitfaden für den Wiedereinstieg entwickelt", sagt die Karlsfelderin. Darin finden Lehrer Ideen, wie sie das Erlebte mit den Schülern aufarbeiten und wieder mit ihnen als Klasse zusammenfinden können.

An der Verbandsgrundschule gibt es noch immer keine Mediation. Das bemängelte die Schulleiterin Ursula Weber bereits im vergangenen Jahr. Die Gemeinderäte sprachen sich dafür aus, das Thema erneut in der Verbandsversammlung zur Sprache bringen zu wollen. Die Entscheidung darüber hängt laut Schulreferentin Venera Sansone (SPD) weniger von Karlsfeld ab, als vielmehr von der Stadt München.

© SZ vom 02.06.2020

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