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Matthäus-Passion:Hallelujah!

Die erste Aufführung von Bachs Matthäus-Passion in der Stadt Dachau allein ist schon eine kleine Sensation. Doch den Sängern von Liedertafel und Chorgemeinschaft gelingt mehr als das: Sie tragen das anspruchsvolle Werk in geradezu idealer Weise vor

Von Adolf Karl Gotttwald, Dachau

Dachau hat zwei große Chorvereinigungen, den aus einer 1879 gegründeten Liedertafel hervorgegangenen, von Peter Frank zum großen Konzertchor entwickelten Chor und die 1950 gegründete, seit 1978 von Rudi Forche geleitete Chorgemeinschaft. Beide Chöre pflegen das große Oratorien- und Messenrepertoire, angefangen von Händels "Messias", Joseph Haydns "Schöpfung" und den großen Orchestermessen von Haydn und Mozart über die populären Mendelssohn-Oratorien "Elias" und "Paulus" bis zum Brahms-Requiem und den "Carmina burana" von Carl Orff. An die Musik von Johann Sebastian Bach wagte man sich eher zögerlich, dessen Weihnachtsoratorium und die Johannes-Passion galten als der Gipfel des Erreichbaren; denn an eine Aufführung von Bachs Matthäus-Passion war schon allein wegen der außerordentlich großen Besetzung nicht zu denken. Jetzt aber wurde ein Traum der großen Dachauer Konzertchöre wahr, der junge Dirigent der Liedertafel, Tobias Hermanutz fasste beide Chöre zusammen und erarbeitete mit ihnen die Matthäus-Passion von Bach. Am vergangenen Sonntag war es soweit, und Dachau erlebte seine erste Aufführung von Johann Sebastian Bachs "Passionsmusik nach dem Evangelisten Matthäus".

Die Kirche Heilig Kreuz ist bis auf den letzten Platz besetzt. Die Neugier war groß; Alle Karten für das Konzert waren binnen weniger Tage verkauft.

(Foto: Toni Heigl)

Das allein wäre als musikalische (und organisatorische) Sensation zu würdigen, aber es kommt noch größer und absolut überwältigend. Diese Aufführung von Bachs Matthäus-Passion war nicht eine irgendwie gelungene, fürs erste Mal recht gute Aufführung, sondern eine in ihrer Art und Weise unübertreffliche Ideal-Aufführung, wie sie selbst in großen Städten so nicht zu erleben ist. Aufführungsort war die in ihrer Architektur und Atmosphäre für ein Passionskonzert geradezu prädestinierte Dachauer Kirche Heilig Kreuz. Eine Matthäus-Passion gehört in eine Kirche und nicht etwa in einen Schloss- oder Herkulessaal. Diese Kirche bot zudem Platz für die etwa 130 Sängerinnen und Sänger der beiden Dachauer Konzertchöre, für den Kinderchor von 19 Stimmen aus der Dachauer Kirche Sankt Peter, fünf Solisten sowie das in zwei selbständige Orchester geteilte Barockorchester La Banda. Dass die Chöre, die den Chorraum füllten und sich über die gesamte Breite des Kirchenschiffs ausdehnten, sich also gegenseitig kaum hören konnten, dennoch wie aus einem Guss sangen, war kaum zu fassen.

Die Kirche bietet der Chorgemeinschaft und der Liedertafel Dachau unter Leitung von Tobias Hermanutz den idealen Rahmen für die Erstaufführung von Bachs Matthäus-Passion in der Stadt Dachau.

(Foto: Toni Heigl)

Nicht nur der Chorklang, die gesamte Aufführung war aus einem Guss in einer eben nur im Idealfall erreichbaren Harmonie. Da wurde von jedem Vokal- und jedem Orchestersolisten auf dem gleichen sehr hohen Niveau gesungen und musiziert, da gab es keinen "Star", der mit besonderer Brillanz geglänzt und andere in den Schatten gestellt hätte, alles fügte sich in einen Aufführungsstil, der keinem erlaubte, sich auf Kosten des Werks zu profilieren. So bleibt wohl nur, von allen fünf Vokalsolisten mit der größten Hochachtung zu sprechen, von den beiden Frauenstimmen Anna Karmasin, Sopran, und Nadia Steinhardt, Alt, dem Tenor Marcus Elsäßer, der nicht nur in absoluter Reinheit der Intonation und überdies musikalisch differenziert dem Evangelientext folgend die sehr große Partie des Evangelisten und zudem noch die äußerst heiklen Tenor-Arien, die gern einem zweiten Tenor überlassen werden, sang, und nicht zuletzt Florian Dengler und Alban Lenzen für die Partien des Christus und die Bass-Arien. Im Konzertsaal gesungen, neigen Bachs Arien dazu, sich als Konzertarien vorzustellen und in ihrer Virtuosität zu glänzen, die Idealaufführung der Kirche ließ das nicht zu. Trotzdem sei auch an die Solisten aus dem Orchester erinnert, die in den Arien mit obligatem Solo-Instrument ihre virtuosen Partien nicht äußerlich großartig, sondern die Harmonie der Aufführung bestärkend spielten. Sie blieben auch im Programmheft ungenannt, selbst der Solist, der die geradezu erschreckend schweren Soli der Gambe richtig einbrachte. Es gab in dieser Aufführung eben keinen "Star".

Die Sänger stellen sich allesamt in den Dienst des Werks, niemand versucht sich in den Vordergrund zu spielen. Der Star ist das Ensemble.

(Foto: Toni Heigl)

Es gab aber auch keine vordergründig historische Aufführungspraxis, kein Überakzentuieren, kein Experimentieren mit den Chorälen und was man sonst alles als angeblich historisch erleben muss. Ebenso wenig gab es ein von romantischem Denken infiziertes Pathos. In dieser Aufführung von Bachs Matthäus-Passion war alles ganz natürlich und selbstverständlich richtig musiziert. Sie war ein Idealfall der musikalischen Aufführungspraxis. Zu verdanken ist das alles Tobias Hermanutz, aber er wäre wohl der letzte, der sich als der große Macher darstellen möchte. Er dirigierte ruhig, zurückhaltende, bescheiden dem Werk dienend als Bestandteil der großen, aus der grandiosen Zusammenarbeit der Dachauer Chöre und ihrer Chorleiter entstandenen absoluten Harmonie.

© SZ vom 13.03.2018
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