Markt Indersdorf Rückkehr an den Ort der Kindheit

Ehemalige Fürsorgezöglinge besuchen nach mehr als 70 Jahren das Kloster Indersdorf - einst war hier ein Heim für 300 Mädchen und Buben.

Von Gregor Schiegl

"Luftschutzwart" haben sie die hölzerne Petrusfigur in der Nische genannt. Aber an diesem denkwürdigen Nachmittag ist der Luftschutzwart nicht da; er wird restauriert. Und doch staunen die Gebrüder Moosholzer und ihr Freund Thomas Laumer, wie wenig sich verändert hat seit ihren Kindertagen: die Gänge des Klosters Indersdorfs mit ihren gotischen Kreuzbogendecken, die breiten Holztreppen, die Heiligenfiguren - es ist fast alles wie damals.

Ludwig Moosholzer (links) und sein Bruder Josef staunten beim Besuch in Indersdorf, wie wenig sich dort verändert hat, seit sie in den dreißiger Jahren dort als Fürsorgezöglinge untergebracht waren.

(Foto: DAH)

Anton Wagatha, Vorsitzender des Heimatvereins Indersdorf und Leiter der Realschule Vinzenz-von-Paul, und Heimatforscherin Anna Andlauer begleiten die drei alten Herren zurück an den Ort ihrer Kindheit, in die Zeit zwischen 1929 und 1940. Josef Moosholzer kam mit drei Jahren in das Kloster, sein Bruder Ludwig, den alle nur "Wiggerl" nennen, mit zehn, Josefs bester Freund Thomas Laumer war vier. Jetzt sind sie alle alte Männer. Laumer ist 82, Josef Moosholzer 85 und "Wiggerl" stolze 92.

Das Kloster Indersdorf war einstmals eine Fürsorgeeinrichtung. Die Barmherzigen Schwestern kümmerten sich um etwa 300 Kinder. "Wir waren von früh bis spät gut behütet", sagt Josef Moosholzer. Man könnte auch sagen: gut bewacht. Schulleiter Wagatha berichtet von "Gucklöchern", die man in den Wänden zu den ehemaligen Schlafsälen gefunden habe. Aber davon wissen die drei Alten nichts. "Die Schwestern sind nachts immer reingekommen, um nach dem Rechten zu sehen", sagt Thomas Laumer.

Wie es in solchen Einrichtungen für "Fürsorgezöglinge" Ende der 1920er Jahre zuging, hat Wolfram Schäfer vom Institut für Erziehungswissenschaft an der Uni Marburg einmal in einem Vortrag umrissen: "Zahlreiche Prozesse gegen Erzieher und Zöglinge enthüllten, dass zentrale Elemente der damaligen ,Pädagogik' aus militärischem Drill und brutalsten Prügelstrafen bestanden, dass Dunkelarrest und Kostentzug in den Heimen an der Tagesordnung waren und sexuelle Übergriffe durch Erzieher durchaus nicht selten vorkamen." Am Kloster Indersdorf scheint das nicht so gewesen zu sein. Richtig zu Hause gefühlt haben sich die Kinder trotzdem nicht immer. Ludwig Moosholzer, der Älteste der drei, erzählt, dass er mehrmals "abgebrätscht" sei. Als man ihn aufgriff, habe er behauptet, seinen Zug nach München verpasst zu haben. Sie brachten ihn zurück ins Kloster. "Wiggerl" war kein Einzelfall. Nur dass ihm im Gegensatz zu den anderen die "Tatzen" - Schläge auf die Finger - erspart blieben.

1933 kam auch Thomas Laumer ins Kloster Indersdorf. Den Vater hatten sie ins Konzentrationslager Dachau gesteckt, die Mutter musste arbeiten und konnte sich um den damals Vierjährigen nicht kümmern. Fünf Jahre später - da waren Laumer und Josef Moosholzer immer noch in der Einrichtung und schon "die dicksten Freunde" - mussten die Barmherzigen Schwestern die Koffer packen. Der Bayerische Wander- und Heimatdienst (LVW) der Nazis übernahm die Einrichtung. Zweck des Vereins war die Verfolgung von "Asozialen", unter anderem durch Einweisung in Zwangsfürsorgeeinrichtungen und der Anlage einer "Asozialenkartei". Friedrich Goller übernahm die katholische Fürsorgeanstalt als "Jugenderziehungsheim Indersdorf" für den LVW.

Man hätte erwarten können, dass die Nazis einen Bildersturm veranstalten, aber die Heiligenfiguren blieben; sogar der Pfarrer durfte weiter Religionsunterricht abhalten, auch wenn er nicht mehr verpflichtend war. Im Sommer konnten die Buben auf dem Blechdach unter dem offenen Sternenhimmel übernachten. Als Realschulleiter Anton Wagatha das hört, schaut er ungläubig. Das Blechdach ist geneigt, unter der Dachkante geht es zehn Meter in die Tiefe. Abenteuerlich! Und so wie es Kinder lieben. Nach den steifen Betschwestern kamen endlich junge Erzieher ins Haus. Wo die Knaben sich zuvor immer nur hatten brav unterordnen müssen, wurden sie nun gefordert. Sie veranstalten Geländespiele und trainierten, mit der Hitlerjugend fuhren sie ins Ferienlager, sangen und musizierten. Eine aufregende Zeit für die Jungen. "Alles war auf die Gemeinschaft ausgerichtet", schwärmt Josef Moosholzer, der als kleiner Junge so oft auf sich alleingestellt war. "Ich weiß, dass es manchen Leuten nicht passt, was ich über diese Zeit sage. Aber ich habe nur gute Erinnerungen."

Die Erzählungen der Fürsorgezöglinge von Indersdorf zeigen, wie geschickt das NS-System die Bedürfnisse der Kinder für seine Zwecke auszunutzen wusste. Denn natürlich war Indersdorf kein erlebnispädagogisches Paradies, es diente vielmehr der Indoktrination von Kindesbeinen an. In Paragraph 5 der Bekanntmachung des Bayerischen Landesjugendamtes über Fürsorgeerziehung von 1941 heißt es: "Die Kinder und Jugendlichen sollen zu Menschen herangebildet werden, die sittlich, deutsch und sozial empfinden und sich dem nationalsozialistischen Staate und der deutschen Volksgemeinschaft verbunden fühlen."

Als Josef Moosholzer im November 1938 zum ersten Mal in seinem Leben Knäckebrot zu essen bekam und Essiggurken, war das ein Festtag für den Neunjährigen. Es waren Lebensmittel, die die Nazis aus jüdischen Geschäften geplündert hatten. Aber begreift ein Kind das? "Wir waren auch nur Produkte unserer Zeit", sagt der jüngere der Moosholzers.

Ansonsten reden sie nicht über Politik und Geschichte, sondern lieber über ihre Lausbubengeschichten. Wie sie heimlich auf dem Dachboden des alten Kloster spielten. Oder wie Thomas Laumer beim Glockenläuten einmal von dem Seil in die Höhe gerissen wurde. Nein, das ist kein historischer oder gar politischer Besuch. Es sind nur drei alte Herren, die den Ort besuchen, an dem sie Kinder waren. Und wenn ihre Erinnerungen sie nicht trügen, waren es glückliche Tage.