63 Tage, 102 Tage, 19 Tage – länger lebten die meisten Kleinkinder in der Kinderbaracke in Markt Indersdorf nicht. Mindestens 35 Kleinkinder starben in den letzten Kriegsjahren unter der Aufsicht der Nationalsozialisten in der Baracke, die direkt hinter den Klostermauern Markt Indersdorf stand. Überall im Deutschen Reich richteten die Nationalsozialisten in den letzten Kriegsjahren sogenannte Kinderbaracken ein, in denen die Babys der osteuropäischen Zwangsarbeiterinnen untergebracht wurden, die auf umliegenden Bauernhöfen arbeiten mussten. Viele dieser Kinder starben an grober Mangelernährung, bei einigen ist nicht einmal die genaue Todesursache angegeben.
So erging es auch den 35 Kleinkindern, die in der Baracke in Markt Indersdorf nach kurzer Zeit starben. Ihrer wird nun mit einer Gedenkskulptur am Beerdigungsort gedacht. Die Skulptur der Bildhauerin Ingrid Gottschalk zeigt einen gebrochenen und zerfledderten Flügel, aus dem ein kleines Kindergesicht hervorschaut. „Es ist ein stummer aber doch sichtbarer Schrei um Hilfe und nach Gerechtigkeit“, deutet die Historikerin Anna Andlauer. Neben der Bronzeskulptur ist auf dem Grabhügel zudem eine Tafel mit den Namen der 35 Kleinkinder sowie ihres Alters in Tagen angebracht.
Bei der feierlichen Zeremonie zur Einweihung entzündeten Schülerinnen und Schüler der Fachoberschule Kerzen, lasen Namen und das Alter der Kinder in Tagen vor. Dass die wohl kleinsten Opfer der Nationalsozialisten in Dachau endlich keine anonyme Masse mehr sind, ist dabei ein zentrales Anliegen.
„Die Mütter waren rechtlos und konnten sich nicht wehren“, erklärte die Historikerin. „Während deutsche Wehrmachtssoldaten ihre Heimat zerstörten, sollten diese Frauen die Arbeitskräfte ersetzen“, sagte sie. Wenn sie schwanger wurden, haben sie die Kinder nach der Geburt abgeben müssen und sie in den meisten Fällen nie wieder gesehen. Nur selten durften die Frauen an den Bestattungen ihrer Kinder teilnehmen, erinnerte sich Konrad Mentner, der die letzten Kriegsjahre als Kind erlebte und den Beerdigungsort der Kinder identifizierte.

Unter den Gästen befanden sich auch die Generalkonsuln der Ukraine und Polens, die beide die Aktualität der Gedenkveranstaltung betonten. Auch heute täten sich Unternehmen noch schwer, ihre Verstrickung im NS-Apparat anzuerkennen, führte der polnische Generalkonsul Rafal Wolski aus.
Auch der ukrainische Generalkonsul Yurii Nykytiuk bedankte sich „für den Mut, dieses Kapitel der Geschichte nicht zu verdrängen“. Kinder dürften niemals zu Opfern werden, wie es in Markt Indersdorf geschehen sei und gerade in der Ukraine geschehe, sagte der Konsul. Seit 2022 habe Russland im Zuge seines Angriffskriegs knapp 20 000 ukrainische Kinder deportiert und verschleppt. Hier sehe er nun einen Flügel als Zeichen der Unschuld, der ein Kindergesicht zu schützen versuche. „Vor den Gräbern der NS-Opfer stehend, sehen wir hier im Schmerz der Vergangenheit den Schatten der Gegenwart“, schloss Nykytiuk seine Rede.
Neben den Generalkonsuln erinnerte auch der ukrainische Kaplan Augustin Atamanyuk mit Gebeten auf Ukrainisch, Polnisch und Deutsch an die getöteten Kinder. „Es ist heute sehr kalt, aber vielleicht erinnert die Kälte uns daran, was diese Kinder gefühlt haben müssen“, sagte der Kaplan über das Schicksal der Kleinkinder zu den Anwesenden.

