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Flüchtlinge:Mit der Geduld am Ende

In der beengten Notunterkunft für Flüchtlinge in Markt Indersdorf warten die Bewohner sehnlich auf ihre Verlegung. Bei einem Besuch von Mitarbeitern des Landratsamtes kommt es zu Unruhen, die Polizei greift ein

Von Viktoria Großmann, Markt Indersdorf

Die Halle mit der Aufschrift "SV Ampermoching, gegründet 1965" ist keine Tennishalle mehr, sondern eine Wartehalle. Die 87 Menschen aus elf Nationen, die jetzt dort leben, warten auf ihre Verlegung in eine bessere Unterkunft, auf einen Bescheid von der Regierung von Oberbayern. Sie warten auf ein besseres Leben. Warten kann sehr zermürbend sein. Am Dienstagnachmittag verloren einige der Bewohner der Markt Indersdorfer Tennishalle die Geduld. Sie wurden laut, kreisten Mitarbeiter von Landratsamt, Caritas und Bezirksregierung ein. Die Security kam hinzu und rief schließlich die Polizei zur Verstärkung.

Zwei Tage später sitzt Isabell Sittner in einem Nebenraum der Halle und wirbt um Verständnis. Die 32-Jährige ist seit Februar Asylkoordinatorin im Landkreis, fast jeden Tag besucht die große, blonde Frau die Menschen in ihrer Unterkunft. In der Halle steht ein Bett neben dem anderen, Kinder spielen in den Gängen, Wäsche hängt über halbhohen Trennwänden, Toiletten- und Duschcontainer stehen im Hof, Privatraum gibt es für niemanden.

Am Dienstag war Sittner mit einer Kollegin und einem Kollegen vom Landratsamt, zwei Frauen von der Caritas und einem Vertreter der Bezirksregierung in die Halle gefahren, um den Menschen zu erklären, wie die Verlegung in andere Unterkünfte funktioniert. Sie hatten dazu Informationsmaterial verfasst und ins Englische, Französische und Albanische übersetzt. Zum Schluss verlesen sie die Namen derer, die am folgenden Mittwoch in andere Unterkünfte gebracht werden sollen: 25 Menschen sind erleichtert. Ein großer Teil der 87 verbleibenden verärgert. "Da ist die Unzufriedenheit aus ihnen herausgebrochen", sagt Sittner lapidar. "Wir sind auf ziemlich großen Unmut gestoßen."

Privatsphäre gibt es in der Notunterkunft in Markt Indersdorf nicht. Für 144 Menschen ist die Halle zugelassen, 87 wohnen zur Zeit darin.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Sittner und ihre Kollegen vom Landratsamt entscheiden nicht, wer verlegt wird. Das hängt ab vom Stand des jeweiligen Asylverfahrens, davon, ob amtliche Befragungen und medizinische Untersuchungen erledigt sind und auch davon "wie viel und welche freien Plätze in den Anschlussunterkünften zur Verfügung stehen", so erklärt es Simone Hilgers von der Regierung von Oberbayern, welche die Verfahren zusammen mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) bearbeitet.

Bürokratie ist aber schon in der Muttersprache schwer vermittelbar - erst recht in einer Fremdsprache. Und wenn man hinter sich hat, was George Ohwonigho erlebt hat. Der Nigerianer ist über das Mittelmeer in einem Schiff nach Europa geflüchtet. Da, wo er herkommt, sagt er, herrsche Terror und Krieg. Viele hätten die Überfahrt mit dem Schiff nicht überlebt. Ohwonigho ist Handwerker, er möchte arbeiten, er möchte unbedingt Deutsch lernen, hat aber in den angebotenen Kursen noch keinen Platz bekommen. Er hat sich überlegt, einen privaten Deutschkurs zu nehmen. Doch die Angebote, die er in Münchner Sprachschulen fand, kosteten mindestens 250 Euro. Ohwonigho bekommt 160,25 Euro Taschengeld im Monat.

Brigitte Detering (links) und Isabell Sittner vom Landratsamt arbeiten täglich in der Flüchtlingsunterkunft in Indersdorf.

(Foto: Niels P. Joergensen)

George Ohwonigho glaubt, dass sein Antrag langsam bearbeitet wird, dass er die Notunterkunft nicht verlassen darf, dass er keinen Platz im Deutschkurs bekommt, weil er schwarz ist. In der Tennishalle leben einige Menschen aus Nigeria, Senegal, Sierra Leone, Somalia, Eritrea. Die Afrikaner sind in der Minderheit. Viele Flüchtlinge kommen aus Kosovo, andere aus Afghanistan, Pakistan, einer aus Syrien. Drei der 25 Menschen, die am Mittwoch an andere Orte gebracht wurden, waren Afrikaner. Die anderen Weiße, wie Ohwonigho es sagt. Das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden zusammen mit der Warterei und der Sprachbarriere haben die Unruhe ausgelöst. Man habe die Situation mit Reden letztendlich beruhigen können, sagt Sittner. Niemand sei handgreiflich geworden.

"Ich kann persönlich nachvollziehen, dass die Situation für die Flüchtlinge belastend ist", sagt Landrat Stefan Löwl (CSU). Noch längstens vier Wochen sollen sich die Flüchtlinge gedulden müssen. Laut Bezirksregierung sollen bis Ostern alle Bewohner umgezogen sein. Im Landratsamt stellt man sich allerdings darauf ein, dass die Tennishalle erneut als Not-Erstaufnahmeeinrichtung angefordert wird. Die Landkreise müssen Anforderungen der Bezirksregierung nachkommen. Löwl ist froh, dass er bisher noch keine aktiv genutzte Turnhalle zum Notlager erklären musste. Die Tennishalle in Indersdorf war in der Vergangenheit für einige Flüchtlinge zu einer monatelangen Dauerunterkunft geworden - und wurde stark kritisiert, auch von den Grünen im Landtag. Im Winternotfallplan war sie dennoch reaktiviert worden. Als Wartehalle für ein paar Wochen.

© SZ vom 13.03.2015

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