Ludwigsfeld:Ungeschütztes Gotteshaus

Die Landesdenkmalbehörde sieht die Golgathakirche, erbaut nach Plänen von Otto Bartning, in Ludwigsfeld nicht als erhaltenswert an. Ein Verein, der sich um das Erbe des Architekten bemüht, übt scharfe Kritik - denn das Gebäude steht auf dem Areal eines ehemaligen KZ-Außenlagers

Von Jerzy Sobotta, Ludwigsfeld/Karlsfeld

Die vom Abriss bedrohte Golgathakirche des Architekten Otto Bartning wird nicht unter Denkmalschutz gestellt. Das hat das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege auf Anfrage der SZ mitgeteilt. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Kirche der Nachverdichtung der Siedlung zum Opfer fällt, die die Stadt München und Siedlungseigentümer zurzeit planen.

Die Golgathakirche ist 1952 auf dem Gelände der ehemaligen Außenstelle des Konzentrationslagers Dachau errichtet worden, als Diasporakapelle nach einem Entwurf Bartnings. Sie war Teil eines Notbauprogramms, im Zuge dessen er bundesweit rund 50 Gotteshäuser in einer praktischen Bauweise entworfen hatte. Der bedeutende Architekt stand während den Zeiten der Weimarer Republik Walter Gropius nahe, mit dem er architektonische Grundsätze der Bauhausbewegung entwickelt hatte. Bartnings Entwürfe gelten als revolutionär für den evangelischen Kirchenbau und als prägend für die Gestalt der Sakralbauten der Nachkriegszeit.

Die Golgathakirche ist 1967 vom Gelände des KZ Dachau an die Kristallstraße 8 in Ludwigsfeld in unmittelbarer Nachbarschaft zu Karlsfeld versetzt worden, um der evangelischen Gemeinde ein Gotteshaus zu geben. Dieser Umzug der Kirche ist auch der Grund dafür, dass die Denkmalpfleger ihr nun keinen Schutzstatus gewähren. Bei der Versetzung sei nur die hölzerne Tragkonstruktion des Kirchenschiffs mitgenommen worden, die übrigen Bauelemente stammten aus Ludwigsfeld, heißt es in der Begründung des Landesamts für Denkmalpflege. "Da Bartning in seinem Notkirchenprogramm die Versetzung der Kirchenbauten ausgeschlossen hatte, wurde gegen die Vorgaben des Architekten verstoßen." Die Denkmalschützer sehen darin eine Missachtung der architektonischen Grundprinzipien Bartnings.

Kirche der georgisch-orthodoxen Gemeinde in München, 2019

"Wir haben immer noch keinen Ersatz gefunden": Priester Tamaz Lomidze vor der Golgathakirche an der Kristallstraße in Ludwigsfeld. Seit 2006 nutzt die georgisch-orthodoxe Gemeinde das Gotteshaus; das Grundstück gehört aber der evangelischen Landeskirche. Und die hat den Mietvertrag gekündigt.

(Foto: Stephan Rumpf)

Heftiger Widerspruch zu dieser Entscheidung kommt von der Otto Bartning Arbeitsgemeinschaft Kirchenbau (OBAK), einem gemeinnützigen Verein, der sich für das Erbe des Architekten in Deutschland und anderen europäischen Ländern einsetzt. "Es befremdet an und für sich schon, dass bei einer KZ-Gedächtniskapelle von hohem Erinnerungswert überhaupt der Denkmalschutz bemüht werden muss", teilt der OBAK-Vorstand in einer Stellungnahme mit. Die Besonderheit des Ortes bleibe auch deshalb gewahrt, weil auch Ludwigsfeld ein ehemaliges KZ-Außenlager war. Besonders denkmalwürdig sieht die OBAK das Notkirchenprogramm, weil es einen praktischen Beitrag zu Versöhnung, Frieden und Völkerverständigung im Nachkriegsdeutschland geleistet habe. Der Verein bemüht sich darum, die Kirchen Bartnings als herausragende Zeugnisse der klassischen Moderne im Unesco-Weltkulturerbe eintragen zu lassen. "Im Falle einer Zerstörung auch nur einer der Bartningschen Notkirchen erscheint uns dies als die Amputation eines Körperteils aus einem intakten lebendigen Organismus, und zwar ohne Narkose", schreibt der OBAK-Vorstand.

Er bezweifelt grundsätzlich die fachliche Einschätzung der Behörde: "Was das Denkmalschutzamt hier als 'Vorgabe des Architekten' bezeichnet, hat nichts mit Bartnings eigenen Intentionen zu tun und findet sich auch in keinem Text des Architekten. Weder dem Bayerischen Landeskirchenamt noch aber den anerkannten Bartning-Experten vom Bartning-Archiv der Uni Darmstadt sind diesbezügliche 'Vorgaben' von Bartning bekannt." Gerade die Holzkonstruktion der Kirche sei das Besondere an den Arbeiten des Architekten, sagt der ehemalige Pfarrer und OBAK-Mitglied Hans-Jürgen Kutzner. Die praktische Bauweise sei von Anfang an so angelegt, dass die Träger mit Bauschutt aufgefüllt werden konnten, der im zerstörten Nachkriegsdeutschland überall zu finden war. Kutzner verweist auf weitere Diasporakapellen Bartnings, die an andere Orte versetzt wurden: etwa die Emmauskirche aus dem niedersächsischen Visbek, die nach der Wende mit dem Lkw ins litauische Sudargas gebracht worden sei.

Ludwigsfeld: Innen ist die Golgathakirche mit Ikonen ausgestattet. So wie es der georgisch-orthodoxen Tradition entspricht.

Innen ist die Golgathakirche mit Ikonen ausgestattet. So wie es der georgisch-orthodoxen Tradition entspricht.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die Maranathakerk in Den Haag, die am ehemaligen "Atlantikwall" Hitlers gelegen ist, werde heute als Begegnungsstätte für Religions- und Völkerverständigung genutzt, sagt Kutzner. So käme auch die Ludwigsfelder Golgathakirche als Erinnerungs- und Begegnungsort infrage, dies sei sogar ganz im Sinne des Architekten. Eine Anregung, die in Ludwigsfeld auf Gehör stoßen dürfte, denn dort sucht man bereits seit Jahren nach einem Versammlungsort, der auch an die Lagervergangenheit der Siedlung erinnert.

Noch befindet sich die Golgathakirche im Besitz der evangelischen Landeskirche. Doch die hat der Stadt schon vor über zehn Jahren signalisiert, dass sie zum Verkauf des Grundstücks bereit sei. Die Zahl der praktizierenden Lutheraner hatte sich in Ludwigsfeld mit der Zeit so sehr verringert, dass die evangelischen Gottesdienste eingestellt wurden. Seit 2006 nutzt die georgisch-orthodoxe Gemeinde das Gotteshaus. Der hat die Landeskirche dieses Jahr allerdings den Mietvertrag gekündigt.

"Wir haben immer noch keinen Ersatz gefunden", klagt Priester Tamaz Lomidze. Die Gemeinde habe eine letzte Verlängerung bis Februar bekommen, doch dann müssten sie endgültig raus. Daher hat Lomidze nun auch die höhere Kirchenebene eingeschaltet. Der Metropolit hat sich mit einem Hilfegesuch an Kardinal Reinhard Marx und den Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, Heinrich Bedford-Strohm, gewandt. Angebote für eine neue Bleibe seien trotzdem noch nicht eingegangen. Dabei würde man sich auch mit einem größeren Saal für die Sonntagsgottesdienste zufrieden geben, sagt Lomidze. Die Kirche ist nicht groß, etwa 120 Quadratmeter schätzt er, doch das Grundstück drumherum zählt 1600 Quadratmeter. "Was ich nicht verstehe: Wieso baut man die Häuser nicht drumherum - und rettet die Kirche?," fragt der Priester.

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