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Ludwig Thomas "Lokalbahn":Die Freiheit des Schriftstellers

Ludwig Thoma hat den Streit um die Streckenführung erlebt und schließlich literarisch nach Traunstein verlegt.

Von Martin A. Klaus

Bis die Dampflok durch das altbairische Hinterland des Landkreises Dachau fahren konnte, mussten die Honoratioren und Politiker einen heftigen Streit um die richtige Streckeführung auskämpfen. Die Dachauer wollten die Lösung ohne Röhrmoos. Die Indersdorfer nur mit dieser Gemeinde als Haltepunkt. Ludwig Thoma verfolgte diesen Konflikt hautnah mit und nahm ihn zur Grundlage für sein berühmtes Theaterstück Die Lokalbahn".

(Foto: DAH)

Für einen Lustspielautor war der Stoff ein gefundenes Fressen. Dass seine "Lokalbahn" am Ende zu einem Dachauer Stück würde, das gar nicht mehr in Dachau spielt, das konnte Ludwig Thoma da freilich ebenso wenig ahnen wie die folgende Notwendigkeit, das eigentlich fertige Stück in aller Eile soweit umzuschreiben, dass es auch woanders angesiedelt werden konnte. Als Thoma 1894 nach Dachau umzog, war die "Vizinalbahn" Thema an allen Stammtischen. Während der Autor Thoma sein Schreibtalent erst an kleinen Geschichten erprobte, die dann als Sammlung im "Agricola" erschienen, verfolgte der eifrige Zeitungsleser die wachsenden Auseinandersetzungen im Dachauer Amper- wie im Indersdorfer Glonntal-Boten natürlich mit großem Interesse.

Die beiden lokalen Blätter fochten im wohlverstandenen Interesse ihrer beiden Erscheinungsorte eine Pressefehde aus, die in ihren beiderseitigen Grobheiten selbst dann nur schwer zu überbieten wäre, wenn Zeitungen heute noch untereinander derart unfein miteinander umgehen würden. Thoma, auch das soll nicht verschwiegen werden, war hier in durchaus gegensätzlicher Hinsicht Partei und darum am Ende wieder neutral.

Den Amper-Boten und seinen Herausgeber Franz Mondrion einerseits und Ludwig Thoma andererseits einte eine tiefe gegenseitige Abneigung. Hinter der Redakteurs-Karikatur Heitzinger in der "Lokalbahn" darf man deshalb getrost den umtriebigen Mondrion vermuten. So gesehen hatte Thoma keinen Grund zu einer Vorliebe für die Dachauer Interessen, die so eifrig vom Dachauer Komitee-Mitglied Franz Mondrion betrieben wurden. Derartige Bahn-Komitees wurden auch an anderen Orten gegründet, Versammlungen abgehalten und dazu heftig gestritten. Stoff und Zoff für ein Stück wurde Thoma also geradezu mit den Morgenblättern auf den Frühstückstisch geliefert.

Mit seinem ersten Theaterstück "Witwen" erntete Thoma keine Lorbeeren. Der königliche-bayerische Staatsintendant Jozca Savits urteilte über Thomas Bühnenerstling: "Dieses Ei hat keinen Dotter." Mit der ausgeprägt Dachauerischen "Medaille" hingegen landete er einen Volltreffer. Er blieb also bei seinen Dachauern und kündigte dem Verleger Albert Langen am 17. Juli 1901 ausdrücklich eine "dreiaktige Bauernkomödie" an, in der er "das phrasenhafte Wesen unserer Berufspolitiker, den Gegensatz zur nüchternen und durchaus objektiven, wenn auch sehr kleinen Anschauung der Bauern herausfeilen" wollte. Eingedenk der zähen "Witwen" versprach er überdies, es solle "dabei an einer bewegten und hübschen Handlung nicht fehlen".

Der kurze Aufriss des Autors skizziert exakt die widerstreitenden Interessen in der Bahnfrage im Dachauer Raum, wo Lokalpolitiker und Bauern gegensätzliche Positionen in der Trassenfrage vertraten. Die von Kraftsprüchen geprägte Fehde um die Lokalbahn nahm ihren Anfang am 7. März 1896, gerade ein halbes Jahr nach der Grundsatzentscheidung zugunsten der Dachauer Lösung. Die Indersdorfer hielten weiter dagegen mit ihrem Plan einer Strecke Röhrmoos - Indersdorf- Altomünster.

Die Ausgangslage in der "Lokalbahn" entspricht damit durchaus der Indersdorfer Realität, wo die Chancen auf einen Bahnanschluss damals vergleichsweise gering, wenn nicht völlig zerronnen waren. Für Thoma war dies zweitrangig. Ihm ging es erklärtermaßen darum, "Menschen aus Fleisch und Blut auf die Bühne zu stellen und aus wahren Charakteren heraus die wirklichen Schäden unserer Zeit zu schildern, und auch das wieder nicht im hohlen Pathos des Moralisten, sondern im Ton eines Menschen, der nur lachend darauf hinweist".

Über ein Jahr lang hat Ludwig Thoma an der "Lokalbahn" gearbeitet, deren baldige Fertigstellung er Albert Langen schon einmal im August 1901 ankündigte. Daraus wurde nichts. In München, in Berlin, sogar in Paris hat er daran gefeilt, um schließlich im Juli 1902 Albert Langen mitteilen zu können: "Heute bin ich mit dem 3. Akt fertig geworden. Er ist organisch herausgewachsen und ist darum natürlich bei aller Lustigkeit." Fertig war das Stück freilich noch nicht, weshalb Thoma in dem Brief an Langen fortfährt: "Jetzt murkse ich noch den zweiten Akt um, was eine heitere Arbeit geben wird, und auch keine Schwierigkeiten mehr bietet. Denn die Szenen sind mir fast Wort für Wort im Kopfe fertig; ich habe sie ausgedacht in Paris, auf der Italientour und jede freie Minute in München."

Zu diesem Zeitpunkt weiß Thoma bereits, dass die "Lokalbahn", die eigentlich nur noch ausgefeilt werden muss, kein Dachauer Stück bleiben wird. Eine massive Wirtschaftskrise im Deutschen Reich hatte Thomas Pläne durchkreuzt. Als er das Stück zu schreiben begann, lag eine Detailprojektierung für die in Dachau beginnende Bahnstrecke bis Kleinberghofen vor. Nur mit dem Bau wurde, trotz des bereits eingerichteten Baubüros, nicht begonnen. Und dabei blieb es ganzes Jahr lang, bis schließlich 1902 das gesamte Projekt gestrichen und das Baubüro in Dachau geschlossen wurde. Thomas praktisch vollendete "Lokalbahn" hatte keine Heimat mehr.

Zeit seines Schriftstellerlebens nahm Thoma es stets sehr genau mit Namen und Handlungsorten. Da musste alles zusammenpassen und seine Richtigkeit haben. Eine Lokalbahn durch einen Bezirk ohne Bahnstrecke war für ihn unvorstellbar. Als das Dachauer Baubüro schloss, entschloss er sich für eine Umsiedlung. Den neuen Ort der Handlung hat er rasch gefunden. Er habe sich deshalb zwei Jahrgänge des "Traunsteiner Wochenblattes" nach Finsterwald kommen lassen, berichtete er Langen, "dadurch kriege ich das Kolorit für die Umarbeitung noch besser heraus". So geriet die Dachauer Lokalbahn unvermutet nach "Dornstein", Thomas Synonym für Traunstein.

Die lokalen Gegebenheiten dort kannte er gut, da die Mutter dort lange ein Gasthaus betrieb und er selbst als Rechtspraktikant am Amtsgericht und am Bezirksamt wirkte. Und eine Lokalbahn fuhr dort auch bereits zwischen Traunstein und Ruhpolding, der Thoma nachträglich Dachauer Verhältnisse andichtete.

Autor Martin A. Klaus war viele Jahre Redaktionsleiter der SZ Dachau, ist ein Thoma-Experte und schreibt an einer Biografie über den bayerischen Schriftsteller.

© SZ vom 11.10.2013

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