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Literatur Warum "Dachau liest" fortgesetzt werden muss

Die Literaturtage der Stadtbibliothek gewähren überraschende Entdeckungen zu Lesen und Schreiben.
Von Wolfgang Eitler , Dachau

Die Empörung darüber, dass ein italienischer Journalist das Pseudonym "Elena Ferrante" entlarvte, hinter dem sich eine der international erfolgreichsten Schriftstellerinnen verbirgt, ist bei der lokalen Reihe "Dachau liest" von Mittwoch bis Sonntagabend vergangener Woche ausdrücklich und gleichzeitig unterschwellig präsent gewesen. So empörte sich Nina George ("Das Traumbuch") als Vertreterin des Schriftstellerverbands PEN über die Recherche bis hinein in den intim-privaten Bereich der Kollegin. Und bei Friedrich Ani ("Der nackte Mann, der brennt") deutete sich die Sympathie für Pseudonyme in dem biografischen Hinweis auf seine Vorliebe für "versteckte Menschen" und deren Geschichten an. Aber die Faszination gerät schnell zu einem Widerspruch in sich selbst. Denn Autoren, die sich in der Öffentlichkeit nicht zeigen, können nicht über sich und ihr Werk reden. Lesereihen wie in Dachau wären nicht möglich. Und damit auch nicht die vielen kleinen und großen Überraschungen über das Schreiben und die Entstehung von Romanen.

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Fakten

Vor drei Jahren freuten sich Steffen Mollnow, Leiter der Stadtbibliothek, und der städtische Kulturamtsleiter Tobias Schneider darüber, dass überhaupt jemand zu den ersten Literaturtagen kam. Im zweiten Jahr deutete sich schon an, dass die Dachauer dieses Angebot zumindest wahrnehmen. Die vergangenen Tage lassen die beiden hoffen, dass der Kulturausschuss des Stadtrats die nächsten 15 000 Euro für 2017 genehmigen wird.

Bedauerlicherweise fanden sich bei Nina George gerade 30 Zuhörer in der Stadtbibliothek ein, was sicherlich am Mittwochstermin lag. Erfahrungsgemäß sind kulturelle Veranstaltungen mitten in der Woche sehr schlecht besucht. Martin Walser und Thekla Chabbi füllten am Donnerstag den großen Hermann-Stockmann-Saal im Ludwig-Thoma-Haus. Da waren die Veranstalter und auch viele Zuhörer froh. "Sonst hätte sich Dachau ja blamiert", hieß es. Neben den sechs Lesungen abends bot die Stadtbibliothek ein eigenes Programm für Kinder und Schulen. Steffen Mollnow meldet stolz, dass erstmals die 1000er-Besucher-Grenze überschritten wurde. Außerdem liest Dachau tatsächlich: 400 000 Ausleihen verzeichnet die Stadtbücherei pro Jahr. 250 000 davon sind Bücher.

Die Form

Die Freude über den Erfolg ist deswegen groß, weil die Form des Literaturgesprächs sperrig ist, man kann sagen, eventlos. Da saß Moderator Thomas Kraft, der als Literaturagent die Reihe "Dachau liest" vorgeschlagen hatte und auch die Autoren besorgte, in einem Sessel und stellte Fragen zu dem jeweiligen Roman, den die meisten Zuhörer noch nicht kennen, weil er neu ist und auch sein soll. Es hängt dann schon vom Geschick des jeweiligen Autors ab, dass ein solcher Dialog kurzweilig wird. Friedrich Ani erzählte lässig, im sonoren Bairisch, davon, dass es ihm nicht gelungen sei, ein Pseudonym für sich zu finden, obwohl er doch im Namensuchen für seine Romanfiguren so gut sei. Tanja Kinkel ("Schlaf der Vernunft") gewährte Einblicke in die Entstehungsgeschichte ihre Romans über Nachkommen von Opfern und Tätern des Terrors der Roten Armee Fraktion im Deutschland der siebziger Jahre. Und Nina George faszinierte ihre Zuhörer, indem sie Auszüge des Romans vorspielte und musikalisch über das Handy untermalte.

Nina George mit Veranstalter Steffen Mollnow, Leiter der Dachauer Stadtbibliothek.

(Foto: Toni Heigl)
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Tango

Es ist die Schlüsselszene des Romans "Das Traumbuch", und es ist die Szene, die Nina George anscheinend nahe geht. Sie erzählt, wie sich Eddie und Henri beim Tango zufällig in einer dunklen Seitenstraße von London kennenlernen. Wie die Musik die beiden anzieht, wie sie um sich kreisen, sich nähern. Der Rhythmus der Sprache übernimmt den Tangoschritt und dessen nur in einem einzigen Takt verzögerte Bewegung. Der Roman eröffnet autobiografische Züge. Die Nähe des Publikums zu Autorin wird noch enger, als George die dritte Hauptfigur Sam beschreibt, der 13 Jahre alt und wie sie Synästhetiker ist. Er erlebt also Töne als Farben oder Geschmacksnuancen als Musik. Georges kurzer Hinweis darauf, dass solche Menschen früher aus der Gesellschaft ausgeschlossen wurden und jetzt als hochbegabt gelten, verdeutlicht den Weg der Schriftstellerin zu einer Karriere, die jetzt in die USA führt. Dort wird ihr Bestseller "Das Lavendelzimmer" verfilmt. Nina George tanzt übrigens Tango. Thekla Chabbi auch.

Männer und Frauen, Teil 1

Die Sinologin hat mit Martin Walser gemeinsam den von der Literaturkritik hymnisch gelobten Briefroman "Der sterbende Mann" geschrieben. Die Tangoszene, von der Thekla Chabbi berichtet, entfaltet sich nicht in der Direktheit wie bei Nina George. Im Stil des reflektierenden Erzählens führt Chabbi zu dem Erlebnis des Umkreisens und Tanzens hin. Sex oder Intimität? Martin Walser zitiert Bernard Shaw: "Der Tango ist der vertikale Ausdruck eines horizontalen Verlangens." Thekla Chabbi lächelt und sagt: "Intimität - kein Sex." Irgendwie können sich Chabbi und Walser über die Idee des Romans und über den jeweiligen Anteil an dem Werk in Dachau nicht so recht einigen. Deshalb sagt Moderator Thomas Kraft, der selbst Schriftsteller ist und am Aufbau des Literaturhauses in München beteiligt war: "Man würde meinen, dass die Beziehungsfragen geklärt sind, wenn ein Roman beendet ist. Anscheinend geht der Roman noch weiter."

Zufall und Schicksal

Wie bei Nina George steht der Tango für eine schicksalhafte Begegnung, die aus dem Zufall heraus resultiert. Walser und Chabbi nehmen ein Grundthema des modernen Romans auf, das schon Autoren des 19. Jahrhunderts beschäftigte (Wilhelm Rabe: "Es war Zufall, aber auch Schicksal"). Auf dieser Folie erzählt George, wie kleine Entscheidungen ein Leben fundamental ändern. Walser und Chabbi schreiben über Theo Schadt, der nach einem Verrat bankrott ist. Er fühlt sich dem Tod geweiht, "nicht weil ich 72 Jahre alt bin, sondern weil ich am Ende bin". Martin Walser geht es in seinem Roman um ein Wort, an dem sich die ganze Geschichte orientiert: "Irreversibilität".

Männer und Frauen, Teil 2

Michael Kumpfmüllers Roman befasst sich mit dem Verhältnis von Mann und Frau in heutiger Zeit. Die Revolution der Geschlechterrollen sieht er nicht nur darin, dass Frauen eine eigene berufliche Existenz aufbauen können. Viel entscheidender sei, dass Männer Kinder erziehen dürfen, also auch zu Hause bleiben können. Eine solche Haltung erfordert allerdings ein Nachdenken über sich selbst. Seine Hauptfigur beginnt damit im Alter von 65 Jahren und offenbart seine fatale Neigung zur Indifferenz und zum Gewährenlassen. Scheitern und Gelingen, wie es im Klappentext des Buches heißt, prägen die Erzählung. Genau deswegen faszinieren alle bei den Literaturtagen vorgestellten Romane.

Spannung

Tanja Kinkel ("Schlaf der Vernunft") entwickelt die Geschichte über die Nachkommen von Tätern und Opfern der Roten Armee Fraktion wie einen Kriminalroman, dessen unterschiedlichen Erzählebenen sich überlappen. Nach der Lesung sagte eine Zuhörerin: "Man ist wirklich gespannt darauf, wie sie sich alle (Anm. d. Red.: die Romanfiguren) aus den Verstrickungen befreien." Kann das gelingen? Nina Georges Eddie muss herausfinden, ob sie die Liebe ihres Lebens, Henri, der im Koma liegt, tatsächlich im Krankenhaus besuchen und sich um ihn kümmern soll. Er hatte sie verlassen. Martin Walser und Thekla Chabbi gehen an die Grenze des Existenziellen, wenn sie Theo Schadts Neigung zum Selbstmord erzählerisch reflektieren. Michael Kumpfmüllers Roman ("Die Erziehung des Mannes") dringt in die Komplexität des Lebens eines Mannes vor und führt das literarische Gespräch in der Stadtbibliothek an die Grenzen seiner Möglichkeiten. Denn die Formulierungen ergeben sich nicht mehr selbstverständlich. Die ironisch gemeinte Frage aus dem Publikum, ob Männer überhaupt erziehbar sind, war ein Lacherfolg, aber auch eine Abwehrreaktion.

Erotik

Da ist es gut, dass Wiglaf Droste ("Wasabi Dir nur getan?") einen heiteren Akzent setzt. Nicht bloß, weil er auf die "Nackt- oder Leerstelle" des Mannes zwischen Schuhe, Strümpfe und Hosenbein verweist. Er bezeichnet sie mit den Worten seines Kollegen F. W. Bernstein als "erotische Todeszone". Auch nicht, weil tags darauf beim Auftritt von Manfred Kumpfmüller diese Zone augenfällig wird. Der schwarze Anzug mit weißem Hemd und die passenden italienischen Schuhen wären bei Droste wohl noch durchgegangen. Nicht aber die Strümpfe und damit der Anblick der übereinander geschlagenen Beine. Vielmehr lassen die Eleganz der Prosa, die einprägsamen Bilder und hintergründigen Sprachspielereien einen Künstler aufscheinen, der genau komponiert und die Menschen wie nur noch Gerhard Polt beobachtet. Beispielsweise auf Reisen, wenn Touristen abschätzig über das fremde Land urteilen: "Bei uns ist der McDonald besser."

Michael Kumpfmüller vor dem Veranstaltungsort in Dachau.

(Foto: Toni Heigl)

Droste ist angezogen, wie man es von einem Dichter nicht erwarten würde, der bei der Berliner TAZ schrieb oder Redakteur der Satirezeitschrift Titanic war. Man würde einen solchen Künstler aus der linken Szene lässig gekleidet erwarten, und nicht im perfekt gebügelten Hemd zur eleganten Innenweste. Ähnlich elegant trat übrigens Tanja Kinkel im ihrem kurz geschnittenen schwarzen Kleid auf. Rote, vertikal gezogene Linien betonten die Mannequinfigur.

Engagement

Schließlich singt Wiglaf Droste den Dylan-Song "Blowin' in the wind", den er gemeinsam mit Nils Koppruch übersetzte, mit geschlossenen Augen und klarem Tenor. Ostwestfälisch angehaucht: "Müsse pfeife inne Wind". Diese Fassung des Songs ist eine wunderbare Version über den dringenden Wunsch nach Veränderung, Menschlichkeit und die Ungeduld des Hoffens. Dieser setzt Nina George das Engagement innerhalb des Schriftstellerverbands PEN für Autorenrechte entgegen. Und Tanja Kinkel berichtet von ihren beeindruckenden Initiativen für Kinder und Jugendlich in Indien, in Tansania und in Benin. Dort hat sie als neuestes Projekt gemeinsam mit Freunden eine Schule für behinderte Kinder gegründet, die sonst Opfer des illegalen Organhandels für Europa würden.

Mitten hinein

Dieses Engagement ist ganz nah am Buch von Friedrich Ani ("Der nackte Mann, der brennt"). Den formalen Bruch mit der klaren Form des Kriminalromans riskiert Ani, um den Leser mitten hinein in die Psyche eines Mannes zu ziehen, der sich vordergründig an den Peiniger seiner Jugendzeit rächen will, an Honoratioren im dörflichen "Paradies der Menschenlosigkeit". Die Metapher für einen Friedhof passt auf das ganze Dorf Heiligsheim. Die geachteten Herrschaften missbrauchten Kinder. Tatsächlich aber konzentriert sich der Autor darauf, die Abgründe und die Qual seiner Hauptfigur zu ergründen. Da wird das Reden im lockeren Kreis einer Lesung doch schwer und schwierig, aber umso eindrücklicher. Da braucht man als Schriftsteller und auch als Leser Mut zur Nähe. Und die schafft man am besten in der Stille und Abgeschiedenheit des Schreibens und Lesens.

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