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Literatur:Alte Männer und Nomaden im Speck

Stadtbibibliothek und Kulturamt organisieren wieder die literarische Reihe "Dachau liest". Nach schwieriger Anlaufphase haben sie das Angebot erfolgreich etabliert. Jetzt verwöhnen sie das Publikum mit Autoren von internationalem Rang

Jeder, der als Kind mit Tom Sawyer und Huckleberry Finn auf dem Mississippi Pirat gespielt hat, der mit Pippi Langstrumpf nach Taka-Tuka-Land gesegelt ist oder mit Nils Holgersson, Akka von Kebnekaise und den anderen Wildgänsen durch Schweden geflogen, kennt dieses Gefühl: Sich in einem Buch zu verkriechen, in eine andere Welt zu träumen, alles zu vergessen und irgendwann aufzutauchen aus der Geschichte, noch ganz von ihr eingenommen. Lesen bildet, es macht kreativ, es fördert Vorstellungskraft und Konzentration. Und doch werden Bücher zunehmend verdrängt von Blockbustern und Serien, oder bloß von Konzerten und Kabarett. "Die Literatur ist nicht mehr selbstverständlich", sagt Steffen Mollnow, der die städtische Bücherei leitet, "sie wird an den Rand gedrängt, weil sie nicht mehr die große Bedeutung für die Leute hat." Mit dem Leiter des Kulturamts, Tobias Schneider, hat er sich auf die Suche nach einem Gegenmittel gemacht, einer Initiative, die die Menschen wieder zu den Büchern bringt. Gefunden haben sie die im Lesefestival "Dachau liest". Am Mittwoch, 5. Oktober, beginnt die dritte Auflage.

Sie sind so verschieden wie ihre Bücher

Dann lesen sechs Autoren an fünf Tagen aus ihren neuesten Werken. Sie sind so verschieden wie ihre Bücher. Da ist zum einen Martin Walser, der Berühmte. Das Zugpferd, sozusagen, auf dessen Zusage Mollnow und Schneider "schon stolz" sind. Er liest aus seinem Briefroman "Ein sterbender Mann". "Ein bewundernswert verrückter und verwilderter Liebesroman, ein energisches Nichtsterbenwollen-Buch eines Achtundachtzigjährigen", findet Mollnow. Zustande gekommen ist die Zusammenarbeit mit Walser letztlich wegen Daniel Kehlmann, der im vergangenen Jahr gelesen hatte und den Kontakt herstellte. "Die Verlage machen inzwischen mit", sagt Schneider. Das hat auch damit zu tun, dass sich das Dachauer Literaturfestival endlich etabliert hat. Nach Startschwierigkeiten im ersten Jahr, als durchschnittlich etwa 20 Zuhörer kamen, wuchsen die Besucherzahlen 2015 auf mehr als das Doppelte. Daraus haben Schneider und Mollnow gelernt, dass der Fokus Zeitgeschichte, der auf dem Auftaktfestival lag, nicht genug Zuhörer anzieht. Darum haben sie das diesjährige Programm deutlich erweitert.

Wie aus Opfern Täter werden

Da ist zum einen Nina George, deren bislang größter Erfolg "Das Lavendelzimmer" international bekannt wurde. In Dachau liest sie aus dem Folgewerk, "Das Traumbuch". Eine Geschichte, die von einem Unfall ausgeht, der das Leben von drei Menschen für immer verändert. George thematisiert darin aus der Ich-Perspektive der einzelnen Charaktere die Welt zwischen Realität und Traum, Leben und Tod. Tanja Kinkel, die in München lebt und vor allem für ihre historischen Romane bekannt ist, schreibt in "Schlaf der Vernunft" über den Deutschen Herbst. "Letztendlich ist es ein politischer Roman, der ins Thriller-Genre gleitet", sagt Mollnow. Täter und Opfer sind nicht nur bei Kinkel Thema. Friedrich Ani, in Kochel am See in ein schlesisch-syrisches Elternhaus geboren, ist einer der anerkanntesten Kriminalschriftsteller in Deutschland. Er hat immer wieder Drehbücher verfasst, unter anderem für "Operation Zucker", das erschütternde ARD-Drama über Kindesmissbrauch. Sein neuester Roman "Nackter Mann, der brennt" ist ein Buch zum selben Thema. Es geht um die Frage, wie aus Opfern Täter werden. Ani zieht sie anhand der Geschichte eines Jungen auf, der mit 14 Jahren aus seinem süddeutschen Heimatdorf flieht, wo er missbraucht wurde. Vierzig Jahre später kehrt er zurück, und plötzlich geschehen in dem Ort Morde.

Politisch, fast mit journalistischem Anklang, waren Michael Kumpfmüllers Bücher seit 2002. Dann folgte mit "Die Herrlichkeit des Lebens" über Franz Kafkas letzte Liebe ein Werk, das ganz und gar anders war. In "Die Erziehung des Mannes", woraus er in Dachau liest, versucht Kumpfmüller wieder etwas Neues. "Was heißt es, ein moderner Mann zu sein?", fragt er und lässt den Musikwissenschafts-Studenten Georg Liebe, Beziehungen und Scheitern erleben.

George beginnt

Alle Lesungen finden in der Stadtbücherei statt, Münchner Straße 7a. Nur Martin Walser liest im Ludwig-Thoma-Haus, Augsburger Straße 23. Karten gibt es in der Stadtbücherei, der Tourist-Information oder bei München Ticket. Mittwoch, 5. Oktober, 20 Uhr: Nina George, "Das Traumbuch". Donnerstag, 6. Oktober, 20 Uhr: Martin Walser, "Ein sterbender Mann". Freitag, 7. Oktober, 20 Uhr: Tanja Kinkel, "Schlaf der Vernunft". Samstag, 8. Oktober, 20 Uhr: Wiglaf Droste, "Nomade im Speck". Sonntag, 9. Oktober, 11 Uhr: Friedrich Ani, "Nackter Mann, der brennt". Sonntag, 9. Oktober, 18 Uhr: Michael Kumpfmüller, "Die Erziehung des Mannes". Kinder- und Jugendprogramm: Mittwoch, 5. Oktober, 15.30 Uhr: Henriette Wich, "Die drei !!!", Donnerstag, 6. Oktober, 15.30 Uhr: Andreas Schlüter, "Die Schattenjäger - In Medusas Bann", Freitag, 7. Oktober, 15.30 Uhr: "Star Wars mit Thi-Lo". Weitere Informationen zur gesamten Veranstaltungsreihe unter www.dachau.dachau-liest. asl

"Wir wollen mit Qualität überzeugen"

So richtig beißend humorvoll und abseits des Mainstream wird der Abend mit Wiglaf Droste, Autor, Sänger und immer wieder auch als Satiriker beschrieben. Lange schrieb er für die taz, verstritt sich, versöhnte sich wieder, war Redakteur bei Titanic und blieb immer ein streitbarer Geist. "Nomade im Speck" ist nicht nur der Titel seines Abends in Dachau, sondern auch seiner Kolumne, die er seit 2013 für das Magazin Folio der Neuen Züricher Zeitung schreibt - über seine Reisen, voll Anekdoten, Wissenswertem, und vor allem den Vorzügen der jeweiligen Küche.

"Wir wollen mit Qualität überzeugen", sagt Mollnow, "Literatur präsent machen, die Leute abholen." Also: Ein Programm bieten, das Spaß macht und anspruchsvoll ist. Keine einfache Aufgabe. "Literaturvermittlung ist ein schweres Brot geworden." Bei einer Lesung einen Tisch und ein Glas Wasser hinzustellen, "das funktioniert nicht mehr." Wichtig ist ihm deshalb, dass die Lesungen moderiert werden, in diesem Jahr vom Münchner Literaturkritiker und Schriftsteller Thomas Kraft. So sollen die Zuhörer den Autor hinter dem Buch kennenlernen können. "Der Dialog ist wichtig. So bleibt Literatur lebendig."

© SZ vom 29.09.2016
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