Lesung in Altomünster:Seliges Suhlen

Lesung in Altomünster: Thomas Koppold, Vroni Holzmüller und Wolfgang Henkel bei ihrer Lesung zum "Poetischen Herbst" im Pfarrheim Pipinsried.

Thomas Koppold, Vroni Holzmüller und Wolfgang Henkel bei ihrer Lesung zum "Poetischen Herbst" im Pfarrheim Pipinsried.

(Foto: Toni Heigl)

In Pipinsried erlebt das Publikum eine wortgewaltige Würdigung von Mensch und Vieh aus der Region

Von Dorothea Friedrich, Altomünster

Im und um das Pfarrheim Pipinsried geht es am vergangenen Freitagabend tierisch zu. "Hint im Hof grunzt die Sau", heißt es. Allerdings ist das keine reale Sau, sondern eine, die sich in vielfacher Gestalt, in Wort und Bild präsentiert. Ist doch der "Poetische Herbst" zu Gast in der ehemaligen Remise. Und dessen Motto lautet 2021 "InStallationen". Vroni Holzmüller, Thomas Koppold und Wolfgang Henkel von der Theatergruppe Altomünster sorgen für eine wortgewaltige Würdigung von Mensch und Vieh aus der Region mit szenischen Lesungen über "das Landleben in der bairischen Literatur", die Pipinsrieder Musikanten spielen mit begeisterndem Elan gewissermaßen die "Zwischenaktmusik". Die KVD-Künstler Johannes Karl und Florian Marschall schließlich bringen mit ihren oft hintersinnigen Kollagen die Mauern der Gebäude rund um den Pfarrsaal zum Glühen. Ihre "Landpartie" zeigt nicht nur längst in der Industrialisierung und Digitalisierung versunkene ländliche Idylle, sondern immer wieder auch deren Folgen - ohne erhobenen Zeigefinger, aber mit einer gehörigen Portion Witz.

Letzterer kommt auch bei der Lesung von Erzählungen, Romanauszügen und Theaterstücken nicht zu kurz. Der Pfarrsaal mit seiner schönen Gewölbedecke ist in schummriges Licht getaucht, das Publikum - coronakonform mit Abstand platziert - kann sich ganz in Musik und Literatur versenken. Und darf sich bisweilen wie in längst verflossenen Zeiten an einem Herbstabend in der Bauernstube fühlen, ohne Smartphone-Daddelei und TV-Beschallung. Eine echte Entdeckung sind die Erzählungen von Georg Josef Britting (1891-1964). Glücklicherweise hat Wolfgang Henkel gleich zwei ausgewählt: "Auf einem Hügel über Aichach" und "Der Major".

Vom Hügel aus lassen sich an einem sonnigen Aprilsonntagnachmittag zwei Männer beobachten: "In schwarzen Röhrenstiefeln, in eng anliegenden schwarzen Lederhosen, Westen mit Silberknöpfen und kurzen Jacken und runden, schwarzen Hüten, schwarz von oben bis unten, die Männer, bis auf die Silberknöpfe, und diese Tracht sieht lustig und verwegen aus, ein bisschen spanisch, nach Stierkämpfern." Sie demolieren im Suff einen Brückensteg über die Ecknach. Das ist in der detailliert beschriebenen stimmungsvollen Szenerie mit grünen Wiesen und "weißrindigen, grünbeflaumten Birken" gar nicht lustig, kommt wie ein dunkler Fleck auf einem Gemälde daher. Noch verstörender ist das Schicksal des Majors. Geradezu lieblich malt Britting mit Worten die Gegend um Altomünster und die sich in einer Grube genüsslich suhlenden Sauen - bis in einem völlig in Weiß gehaltenen Wirtshaus der Major auftritt. Ein Fremder in der Fremde, einer, der es nicht gut mit sich meint und der letztendlich seinem Leben ein Ende setzt. Weil Vroni Holzmüller diese magisch-realistische Prosa so eindrücklich liest, kommt mehr als Bedauern auf, dass Brittings Werke derzeit nur noch antiquarisch erhältlich sind. So beeindruckend wie die Britting-Lesung ist Lena Christs (1881-1920) "Die Kriegserklärung". Da geht es um die kaum nachvollziehbare Begeisterung vor Beginn des Ersten Weltkriegs, den schweren Abschied der Eltern von ihren Söhnen und die Sorge, wie es mit dem Hof nun weitergehen soll.

Wie seinerzeit die Obrigkeit mit dem berüchtigten "Haberfeldtreiben" umging, ist dagegen ebenso spannend wie - vor allem in Karl Stielers (1842-1885) "Vom Haberfeldtreiben" amüsanten Bericht - zu hören. Karl Valentins (1882-1948) Sketch "Am Heuboden" ist an diesem bayerischen Literaturabend ein echter Brüller. Doch im Mittelpunkt steht der mittlerweile ob seiner antisemitischen Hetzereien umstrittene Ludwig Thoma (1867-1921). Ob "Die Wallfahrt", "Der Ruepp", "Die Probier", "Die Sau" oder Szenen aus "Erster Klasse": Wenn Vroni Holzmülller, Thomas Koppold und Wolfgang Henkel lesen und spielen, zeigt sich Thomas andere Seite: die des akribischen Beobachters, des großen Satirikers und des Mannes, der dem Volk buchstäblich aufs Maul geschaut hat, bevor ihm völkische Propaganda und Judenfeindlichkeit das Hirn vernebelt haben. Diesem Trio mit seiner Leidenschaft für Bayerisches in Literatur und Theater hätte man gerne noch viel länger zugehört. Sie können einfach - literarisch betrachtet - die Sau rauslassen.

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