Lesung Auf Ich-Entzug

Selbsterhöhung, Egomanie, Anerkennungssucht - Dagegen kämpft die Autorin Nina Ruge mit ihrem sympathischen Buch

Von Dorothea Friedrich, Dachau

Nina Ruge gehört zu den Frauen, die ihr Alter nicht verschweigen, was im Zeitalter des Jugendlichkeitswahns keine Selbstverständlichkeit ist. Die 62-jährige Journalistin, Autorin und Moderatorin ist aber auch eine Frau, die gegen Selbstoptimierungssucht, Egomanie und Gefühlskälte ankämpft. Sie tut das auf eine persönliche Art, wie sich zuletzt im vollbesetzen Pfarrheim von Heilig Kreuz in Dachau erleben ließ.

Dort las Nina Ruge im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Kreuz und quer" aus ihrem Buch mit dem Titel "Sei du der Leuchtturm deines Lebens - selbstbestimmt und frei durch innere Führung". Dass Nina Ruge unter "innere Führung" etwas ganz anderes versteht, als der Begriff womöglich suggeriert, war ziemlich schnell klar. Dass sich dieses Buch zwar in die unendliche Reihe diverser Werke zum Thema "richtig leben" einreiht, aber kein Ratgeber im üblichen Sinn ist, ebenfalls.

Nina Ruge spricht und schreibt über Ich-Bezogenheit, "Selbsterhöhung" und "Verwichtigung", wie sie das nennt, über die "Sucht nach Anerkennung, die zur Droge werden kann" - und über deren unselige Folgen. Dabei greift sie auf ihre Lebenserfahrungen zurück. Sie sei als Kind "total verhuscht" gewesen, sagte sie, zugleich eine "Streberin und Perfektionistin" - und nicht gerade beliebt bei ihren Mitschülern. "Kindgerechte Gespräche über die eigene Gefühlswelt gab es nicht in der Welt der fünfziger und sechziger Jahre. Es gab nichts, was geholfen hätte, das innere Wachstum zu unterstützen", sagte sie. Was wohl nicht nur bei ihr zur Folge hatte, dass das Streben nach Anerkennung "zur Droge wurde", wie zustimmendes Nicken ihrer Zuhörer zeigte. Diese Ich-Fixierung führe zu Wut, Aggression und Frustration und irgendwann zu der Erkenntnis: "Das kann doch nicht alles gewesen sein".

Die 62-jährige Journalistin, Autorin und Moderatorin Nina Ruge liest aus ihrem Buch vor.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Doch wie sich von dieser Sucht lösen, zumal "der Ich-Reflex mittlerweile alle Lebensbereiche durchdringt"? Nina Ruges Antwort: "Selbst-Bewusstsein, das Ich im Außen und im Inneren koordinieren." Wie das gehen könnte? Nina Ruge hat keine Pauschalantwort, kein allein selig machendes Rezept. Das machte diese Lesung so sympathisch - genauso wie die vielen Lebensweisheiten und Zitate, für die sie eine Vorliebe hat, wie sie sagte - und die keineswegs banale Sprüche sind.

Ihre auf den ersten Blick gar nicht so neue Idee, den Weg zum inneren Ich zu erkunden, lässt sich auf die einfache Formel bringen: "Achtsam und nüchtern suchen." Ihre Hilfsmittel: Meditieren und Notieren. Letzteres soll dabei helfen, Handlungen und Emotionen zu analysieren, also erkennen zu lernen, ob gerade mal wieder das alte Ego die Oberhand gewinnt, "das, was halb- oder unbewusst mein Leben steuert". Letzteres ist für Nina Ruge keine Frage des Individuums, sondern mittlerweile ein gesamtgesellschaftliches Problem.

Der Saal im Pfarrheim von Heilig Kreuz in Dachau ist rappelvoll.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Dass ihr dieses "sich immer weiter Aufplustern, dieses unbedingt Recht haben wollen" gehörig auf den Geist geht, merkt man ihr an. Ebenso offensichtlich ist, dass sie nicht davon ausgeht, den Königsweg zur Lösung dieses Problems gefunden zu haben. Sie will dem Einzelnen eine Möglichkeit aufzeigen, "sich in sich selbst zu Hause zu fühlen". Sind doch für sie "die schönsten Dinge des Lebens keine Dinge, sondern eine Haltung - und die führt zu gelungenen Beziehungen, zu Wärme, Liebe und Geborgenheit. Dann verschwindet auch der Ich-Reflex". Mit dieser Aussicht endete ein spannender Nachmittag mit vielen bedenkenswerten Aussagen. Ob damit alles gut wird, wie Nina Ruge in ihrer Moderatorinnen-Zeit stets sagte, blieb naturgemäß offen.