Leierkasten Dachau Alles so schön bunt hier

Wie die Lust am Malen zur Quelle für schöpferisches Denken in einer großstädtischen Umgebung wird, führen Melanie Sowa und Philipp Michael Börner vom Berliner Ensemble "United Puppets" beim Leierkasten Dachau eindrucksvoll vor.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Die "United Puppets" zeigen, wie Theater im multimedialen Zeitalter aussehen kann

Von Renate Zauscher, Dachau

Was tun, wenn eine ganze Stadt grau, nichts als grau ist? Grau die Häuser, Straßen und Plätze, grau die Autos, das Kaufhaus und alles, was es darin zu kaufen gibt - und grau schließlich auch die Menschen und ihre Kleider. Die Bewohner der Stadt haben sich gewöhnt an dieses graue Leben. Wie man dennoch herausfinden kann aus diesem grauen Einerlei, das zeigt die Truppe der "United Puppets" aus Berlin in ihrem Stück "Zinnober in der grauen Stadt". Am Sonntag präsentierte sie es kleinen wie großen Zuschauern in einer Veranstaltung des Leierkastens Dachau in der Gastwirtschaft "Drei Rosen".

Bei dem Theaterstück rund um die graue Stadt und den Malermeister Zinnober, der mit diesem langweiligen, alles beherrschenden Grau nicht einverstanden ist, handelt es sich um die Adaption eines Bilderbuchs der mittlerweile verstorbenen Autorin und Illustratorin Margret Rettlich von 1973. Die Puppenspielerin Melanie Sowa und ihr Mann Mario Hohmann haben in Kooperation mit Schauspieler Philipp Michael Börner vom Berliner Theater an der Parkaue daraus ein multimediales Theaterstück für Kinder zwischen vier und neun Jahren entwickelt, in dem sie unterschiedlichste Visualisierungsmethoden miteinander verbinden. Zwei Rechner und ein Beamer sind mit im Spiel, ein Grafiktablett, aber auch so traditionelle Mittel wie das des Schattenspiels, der Fotografie und einfacher Papiermasken, mit denen sich Melanie Sowa ganz schnell in unterschiedliche Bewohner der grauen Stadt verwandeln kann.

Malermeister Zinnober ist derjenige in der Geschichte, der nur zu gern Farbe in die graue Stadt bringen möchte: Richtig schönes Rot oder Gelb, Blau oder Grün in allen Schattierungen. Aber er scheitert an der Beharrlichkeit, mit der die Stadt am althergebrachten Grau festhalten will. Das ändert sich erst, als die Kinder Paula und Jonas eines Tages einen Platz bunt bemalen - und Malermeister Zinnober versehentlich einen Kübel mit grauer Farbe auf die Bilder der Kinder ausschüttet. Als Wiedergutmachung beschließ Zinnober, es den Kindern gleichzutun und heimlich in der Nacht aktiv zu werden. Mit atemloser Spannung schauen die Dachauer Kinder dem Malermeister zu, wie er, in kompletter Finsternis, nur mit Taschenlampe ausgerüstet, das Pflaster nach dem Vorbild von Paula und Jonas mit farbenprächtigen Flamingos und Fischen bemalt. Und dann geschieht das Unerwartete, ja Wunderbare: Den Leuten gefällt am nächsten Morgen, was sie da sehen - und sie fangen, an die eigene Lust an Farbe zu entdecken.

Die Stadt beginnt sich in eine kunterbunte Pracht zu verwandeln, und mit ihrer Umgebung werden natürlich auch die Menschen bunter und freundlicher. Sie beginnen, farbige Kleider zu tragen und entwickeln Ideen, wie man Dächer bepflanzen oder Bienen auf dem Balkon halten könnte. Sie tragen Tische ins Freie, um dort mit ihren Freunden zusammen zu sitzen, sie feiern Straßenfeste, machen Picknick auf dem alten Flughafen - und Meister Zinnober macht seine Arbeit endlich wieder Spaß.

Idealistische Visionen aus der Zeit der Siebzigerjahre, könnte man über den Inhalt der Geschichte sagen. Der Gedanke aber, dass man sein Leben selber in die Hand nehmen kann und soll und dass das nicht nur für den Einzelnen gut ist sondern für die Gesellschaft insgesamt, ist natürlich auch heute so gültig wie vor vierzig, fünfzig Jahren. Die Umsetzung dieses Gedankens durch die "United Puppets" schließlich ist so modern, so hinreißend fantasievoll, dass sich die vielen Kinder in der Dachauer Vorstellung davon sichtlich faszinieren lassen. Voller Spannung verfolgen auch die Vier- und Fünfjährigen das Geschehen vor und auf der großen "Leinwand" aus Papier, auf die die Bilder teils projiziert, teils von Malermeister Zinnober alias Philipp Michael Börner und seiner Mitspielerin Melanie Sowa mit viel echter Farbe gepinselt wurden.

Am Freitag, 25. März, wird das Stück "Zinnober in der grauen Stadt" noch einmal im Rahmen des 20. Jubiläums von "Lampenfieber", einem Zusammenschluss von Kinder- und Jugendtheaterveranstaltern in Bayern, in der Pasinger Fabrik, August-Exter-Straße 1, aufgeführt. Beginn ist um 15 Uhr. Daran anschließend gibt es für Kinder ab zehn Jahren und für Erwachsene einen "Insektenkrimi" mit dem Titel "Die Wanze" zu sehen. Beginn ist um 18 Uhr. Karten für die Veranstaltungen zu jeweils fünf Euro für Kinder und sieben Euro für Erwachsene kann man unter www.lampenfieber-bayern.de bestellen.