Landwirtschaft "Wenn das durchgesetzt wird, höre ich sofort auf"

Tierschützer fordern schon seit Jahren ein Ende der Anbindehaltung von Kühen. Bauern wehren sich gegen eine Fristsetzung.

(Foto: Patrick Seeger/dpa)

Bauernverband und Landwirtschaftsministerium kritisieren eine Frist für das Ende der Anbindehaltung in Ställen. Es wäre das Aus für viele Betriebe, heißt es.

Von Anna Elisa Jakob, Dachau

Die Diskussion ist nicht neu, doch aktuell brisant: Ein Verbot der Anbindehaltung von Kühen fordern Tierschützer seit Jahren, der Bundesrat sprach sich bereits 2016 für dessen Einführung aus. Umgesetzt wurde das bundesweite Verbot nie. Bauernverbände und insbesondere die süddeutschen Landesministerien sprachen sich dagegen aus. Nun sorgt ein Zusammenschluss der Molkereiverbände ausgerechnet in Bayern und Baden-Württemberg für Aufsehen: In einem Strategiepapier fordern sie ein Verbot der ganzjährigen Anbindehaltung von Kühen bis 2030. Im Landkreis Dachau wäre rund ein Drittel der landwirtschaftlichen Betriebe von dieser Maßnahme betroffen, schätzt Anton Kreitmair, Kreisobmann des Bauernverbandes.

Sowohl das bayerische Landwirtschaftsministerium als auch der Bauernverband zeigen sich besorgt. Kreitmair bezeichnet den Vorstoß der Molkereien als "unanständig", vor allem als kontraproduktiv. Die Initiative der Molkereien stelle sich gegen den Weg, den Bauernverband und Politik eingeschlagen hatten und der auf eine nachhaltige Umstellung setze. Eine Fristsetzung würde zu vorzeitigen Betriebsaufgaben führen.

Anton Kreitmair, Kreisobmann des Bauernverbandes, bezeichnet den Vorstoß der Molkereien als unanständig.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Ein 54-jähriger Landwirt aus dem Dachauer Umland sagt es deutlich, möchte seinen Namen jedoch nicht in der Zeitung lesen: "Wenn das durchgesetzt wird, höre ich sofort auf." Früher habe er 35 Kühe gehabt, heute seien es noch 18. Eine hohe Investition für den Umbau und das kurz vor der Rente - das mache für ihn keinen Sinn. Einen Nachfolger für den Hof gebe es bislang nicht, vermutlich müsse er den Betrieb sowieso einstellen. Doch mit seiner Sorge sei er nicht allein: "Wir Landwirte reden ja untereinander", sagt er - und viele aus dem Landkreis wären von einem solchen Verbot stark betroffen. Sie fürchten um die Zukunft auf dem Hof.

Die Anzahl der Ställe mit Anbindehaltung geht sowohl bayernweit als auch im Landkreis Dachau zurück. Die Zahlen, die dem Landwirtschaftsministerium vorliegen, schließen rund zwei Drittel aller Betriebe im Freistaat ein und betreffen rund 80 Prozent der bayerischen Kühe. Die Tendenz ist deutlich: Von 2011 bis 2018 hat sich die Anzahl der Betriebe mit Anbindehaltung im Landkreis Dachau halbiert, diese Entwicklung entspricht dem gesamtbayerischen Trend.

Der Bundesrat bewertet die ganzjährige Anbindung als Verstoß gegen den Tierschutz

Konsumenten haben beim Kauf der Produkte anscheinend häufiger ein Bild von den Haltungsbedingungen vor Augen: Kühe in Anbindehaltung haben nahezu keinen Bewegungsfreiraum, sind angebunden vor dem Futtertrog, ohne Möglichkeit, auf die Weide und an die frische Luft zu kommen. Der Bundesrat bewertete die ganzjährige Anbindehaltung 2016 als einen Verstoß gegen das Tierschutzgesetz. In dem damaligen Beschluss heißt es, das geringe Platzangebot schränke Grundbedürfnisse der Tiere ein. Eine Kuh in Anbindehaltung kann schwer aufstehen und oder sich hinlegen, kann sich nicht in Gruppen zusammenschließen, nicht frei erkunden und ihre natürliche Körperpflege nicht ausüben.

Aktuell unterstützt das Landwirtschaftsministerium die Betriebe im Umbau auf Laufstallhaltung durch zwei Fördermaßnahmen. Größere Betriebe können das Agrarinvestitionsförderprogramm nutzen und erhalten einen Zuschuss von 30 Prozent, wenn sie ihren Betrieb von Anbindehaltung auf den Laufstall umstellen. Diese Förderung gibt es seit zehn Jahren, rund 370 Millionen Euro hat das Ministerium damit in die Betriebe investiert. "Die kleinen Betriebe sind hier jedoch häufig durch das Raster gefallen", sagt Pressesprecher Markus Heilmann - und betont damit auch die größte Sorge des Bauernverbandes. Seit letztem Jahr bietet das Landwirtschaftsministerium deswegen eine weitere Förderung an, diese ist für kleinere Betriebe mit maximal 25 Kühen gedacht und fördert einen Umbau mit 30 Prozent und maximal 45 000 Euro.

Konsumenten signalisieren deutlich, dass eine Umstellung unausweichlich ist

Die Beteiligten sind sich einig, dass es sich bei der Anbindehaltung um ein Auslaufmodell handelt. "In zehn Jahren wird das Ganze sowieso kein Thema mehr sein", prognostiziert Kreitmair. Dass die Molkereien sich nun auf einen konkreten Zeitpunkt - in zehn Jahren - festlegen wollen, geschehe auf Wunsch der Konsumenten, die sich eine tiergerechte Haltung wünschen. Handel und Molkereien ginge es darum, sich Marktanteile zu sichern, resümiert das Landwirtschaftsministerium. Das sei verständlich, heißt es aus dem Ministerium - gefährde aber den von der Politik eingeschlagenen Weg der sanften Umstellung.

Das Landwirtschaftsministerium kann noch nicht einschätzen, inwiefern die neuen Förderangebote für kleinere landwirtschaftliche Betriebe Wirkung zeigen. Konsumenten und damit auch der Handel signalisieren deutlich, dass eine Umstellung unausweichlich ist - die betroffenen Landwirte im Landkreis bilden hierbei das letzte Glied in einer langen Wirkungskette, selbst angebunden an die Wirkmacht des Marktes, der Verbraucher und der Politik.