Landschaftsbilder mit intensivem Licht Utopie im Niemandsland

Dünen, Wind und Wellen sind die Protagonisten in den Werken der Maler von Ahrenshoop. Hier das Werk ."Ostseedünen".

(Foto: Robert Daemmig)

Die Gemäldegalerie Dachau widmet ihre neue Ausstellung der Künstlerkolonie Ahrenshoop an der Ostsee. In die Szenen der kargen Landschaft projizierten die Maler aus der Großstadt um 1900 ihre Sehnsucht nach der Ursprünglichkeit der Natur.

Von Gregor Schiegl, Dachau

Rauchfarbene Wolken jagen über den blassen Himmel, das vom Wind flach gedrückte Gras duckt sich in den hellen Sand der Ostseedünen, auch die vereinzelt stehenden Bäume mit ihrem dunklen Geäst scheinen sich den Wind zu stemmen, so krumm krallen sie sich in den Boden. Es ist eine raue Idylle, die Paul Müller-Kaempff um 1910 in Ahrenshoop mit Ölfarbe auf die Leinwand gebracht hat. Menschen sucht man auf seinem Bild vergeblich, nur Möwen sind zu sehen, die sich mit ausgebreiteten Schwingen himmelwärts schwingen, ganz klein vor dem gischtzerkratzten Blau des Meeres. Es ist ein typisches Bild für die erste Periode aus der bekanntesten deutschen Künstlerkolonie an der Ostsee Ahrenshoop, als deren Begründer Müller-Kaempff gilt, obwohl nachweislich schon Jahre vor ihm andere Künstler hier malten, etwa Carl Malchin, dessen erste Zeichnung aus dem abgelegenen Ahrenshoop bereits auf das Jahr 1882 datiert,

Angesichts der Bedeutung der Künstlerkolonie, in der so berühmte Maler wie der Brücke-Maler Erich Heckel wirkten, war es nur eine Frage der Zeit, bis sich die Gemäldegalerie Dachau des Themas annehmen würde. Galerieleiterin Elisabeth Boser hat schon eine ganz Serie viel beachteter Ausstellungen über andere Künstlerkolonien in Dachau organisiert, zuletzt über Ekensund und Ønningeby, die hierzulande längst nicht so bekannt sind wie Ahrenshoop. Nun gibt es den krönenden Abschluss dieser kleinen, aber feinen Reihe der Ostsee-Künstlerkolonien, die wie immer auch eine Zeitreise ist. Ein paar Bauernhäuser, Fischerhütten und eine klapprige Windmühle auf einer Landzunge zwischen Bodden und Ostsee - mehr war das Ahrenshoop vor der Jahrhundertwende nicht. "Es war ein Ort am Ende der Welt", sagt Hans Götze, freischaffender Künstler und seit 1994 Bürgermeister von Ahrenshoop. Heute herrscht in dem Ostseebad ganzjähriger touristischer Betrieb, nicht zuletzt dank eines Kunstmuseums, das eine privaten Stiftung 2013 für rund 3,5 Millionen Euro errichtet hat. Rund die Hälfte der etwa 70 Exponate der neuen Ausstellung sind diesem Kunstmuseum entliehen. Es sind allerdings auch Bilder aus Privatbesitz in Dachau ausgestellt, teilweise noch nie öffentlich gezeigte Arbeiten, die bei den Nachkommen der Ahrenshoop-Maler hingen. Ein Bild von Heckel ist allerdings nicht darunter. "Wir hätten uns das gar nicht leisten können", sagt Bosers Kollegin Jutta Mannes vom Zweckverband der Dachauer Museen.

Präsentiert werden die Bilder wie bei den vorangegangenen Künstlerkolonie-Ausstellungen weitgehend chronologisch - mit naturalistischen Landschaftsgemälden zu Beginn und expressiven Darstellungen zum Ende, in denen sich der Aufbruch in die moderne Malerei abbildet. Ein hübsches Detail dieser Ausstellung: Die Stellwände sind in demselben Blau bemalt wie der 1909 nach Entwürfen der Maler Paul Müller-Kaempff und Theobald Schorn errichtete "Kunstkaten", der heute noch in Ahrenshoop steht und die Kurverwaltung beherbergt. Boser spricht von "Ahrenshoop-Blau", und dieses Blau bringt die Bilder tatsächlich noch besser zur Geltung.

Die sonst in den Künstlerkolonie öfter zu findende Genre-Malerei gibt es in dieser Ausstellung kaum, selbst bei Elsbeth Müller-Kaempffs Darstellung des Interieurs einer Bauernstube zieht es das Auge des Betrachters bald hinaus aus dem schmucken, aber dunklen Raum zur offenen Tür; sie gibt den Blick frei auf einen sonnendurchfluteten Garten, der im Vergleich zur wohlgeordneten Stube anziehend verwildert wirkt. Die Natur und ihre Kräfte ziehen sich wie ein roter Faden durch die Motive dieser Ausstellung. Dramatische Licht- und Wolkenstimmungen sind allgegenwärtig, die See ist oft rau, der Rauch aus den Kaminen der Bauernhäuser flieht waagerecht. "Bei uns ist 300 Tage im Jahr Wind", sagt Bürgermeister Hans Götze und macht eine Pause. "An den übrigen ist Sturm." Insoweit sind die Motive einerseits der Realität geschuldet, aber natürlich sind sie immer auch künstlerisch überhöht und inszeniert. Eine Fiktion.

Im Katalog zur Ausstellung arbeitet die Leiterin des Kunstmuseums Ahrenshoop, Karin Arrieta, heraus, wie die Freilichtmaler in Ahrenshoop die Landschaft als utopische Sehnsuchtsorte konzipierten. Die Künstler suchten hier, am Ende der Welt, "das Unberührte und Ursprüngliche der Natur, die Gegenwelt zur gnadenlosen Ausbeutung von Mensch und Natur in der Industriegesellschaft der damaligen Zeit." Die meisten Künstler kamen aus Großstädten, vor allem aus dem lärmenden Berlin. Diese Sehnsucht nach dem Natürlichen, Ursprünglichen hat heute, im Jahr 2018, nichts von ihrer Wirkkraft verloren, im Zeitalter der Digitalisierung und Virtualisierung ist sie womöglich sogar noch größer geworden. So kann der Betrachter heute noch in utopischen Szenerien schwelgen, gewärmt vom klaren, warmen Licht, das dieses entrückte Traumbild dramatisch illuminiert.

Trotz des hohen Bekanntheitsgrads von Ahrenshoop ist gerade das Oeuvre der erste Malergeneration bis zum Ersten Weltkrieg - mit Ausnahme von Paul und Elsbeth Müller-Kaempff - nur bruchstückhaft erforscht. Als besonders schwierig erweist sich die Rekonstruktion des Werks von Anna Gerresheim, die wie viele Malerinnen dieser Zeit nie so bekannt geworden ist, wie es ihr gebührt hätte. Ihr Ölgemälde eines an sich unspektakulären Ausblicks vom verschneiten Balkons zeugt von ihrem Sinn für feinste farbliche Nuancen und Lichtstimmungen und einer unprätentiösen Bildsprache, die für das Jahr 1890 unerhört progressiv wirkt.

Während die Künstlerkolonie in Dachau mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs ein jähes Ende fand, blieb Ahrenshoop noch lange Zeit ein Anziehungspunkt für Maler, darunter auch Alfred Partikel. Er kam aus dem Umfeld der Berliner Secession. Nicht eine idealisierte Natur war das Ziel, sondern der moderne, individuelle Ausdruck - da darf die Wiese schon mal giftgrün aus dem Rahmen leuchten. Partikels Ende ist mysteriös: 1945 verschwand er beim Pilzesammeln in den Wäldern hinter Ahrenshoop. Seine Leiche wurde nie gefunden.

Auch in DDR-Zeiten sei Ahrenshoop "ein Refugium" gewesen, erzählt der Bürgermeister Hans Götze. "Hier ging es offener zu als im Rest des Landes." Auch die als westlich-kapitalistisch verpönte abstrakte Kunst habe man in Ahrenshoop zeigen können. Daran konnte der immer noch überschaubare Ort nach der Wende anknüpfen. "Das Stammpublikum war ja immer noch da." Die große Zeit der Künstlerkolonie ist freilich auch in Ahrenshoop schon lange zu Ende. In der Dachauer Ausstellung lebt sie noch einmal glanzvoll auf.

Die Künstlerkolonie Ahrenshoop. Vernissage in der Gemäldegalerie Dachau am Donnerstag, 15. November, um 19.30 Uhr. Die Ausstellung geht noch bis 10. März 2019. Am Sonntag, 18. November, findet von 14 bis 15 Uhr die erste Führung statt. Die Teilnahme kostet drei Euro zuzüglich Eintritt.