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Landratsamt Dachau:Das Corona-Telefon endet nach 2660 Fragen

77 Tage lang findet Manfred Stelzer Antworten auf Fragen, die Bürger bewegen. Die Themen sind vielfältig

Von Emily Strunk

Dachau Nach 77 Tagen hat das Corona-Servicetelefon am Freitag seinen Dienst eingestellt. Die Ungewissheit und die großen Fragezeichen der ersten Wochen haben sich gelegt und einer neuen Form der Normalität Platz gemacht: der Corona-Normalität. Am 10. März, als das Landratsamt das Corona-Telefon eingerichtet hat, war das noch völlig anders. Es herrschte allgemeine Unsicherheit, nachdem die Regierung die Bevölkerung erst aufgefordert hatte, Kontakte zu reduzieren und dann sogar Ausgangsbeschränkungen verhängt hatte. Diese Unsicherheit spiegelte sich auch in den zahlreichen Fragen der Anrufer wider. 2660 mal meldeten sich Landkreisbürger in den vergangenen Monaten beim Servicetelefon.

Am Ende der Strippe saß zum Beispiel Manfred Stelzer. Er war Leiter des Bürgertelefons und erinnert sich noch gut an die Anfänge: "Viele wollten wissen, in welcher Reichweite vom eigenen Heim Spaziergänge, Ausflüge und Wanderungen erlaubt seien." Hohe Geldstrafen bei Verstößen gegen die Ausgangsbeschränkungen vergrößerte die Unsicherheit. Viele wussten nicht, ob Besuche erlaubt sind, oder unter welchen Voraussetzungen. Viele Fragen rankten sich auch um geplante Umzüge, sei es innerhalb des Landkreises oder des Bundeslandes. Und was war mit Kontakten über die bayerischen Grenzen hinaus?

Doch die Fragen änderten sich im Laufe der Zeit, besonders als finanzielle Unterstützungen von der Regierung in Aussicht gestellt und erste Lockerungen angekündigt wurden. Von April an rückte ein Aspekt immer stärker ins Zentrum der Aufmerksamkeit, an den nicht alle sofort dachten: die Tiere. Oder vielmehr das Wohl der geliebten Haustiere. Die Leute wollten wissen, wann Hundeschulen und -friseure wieder öffnen würden. Andere plagte zum Beispiel die Frage, ob ein Stallwechsel für das Pferd derzeit möglich sei. Ein Hundehalter war sehr verzweifelt, erinnert sich Stelzer. Er hatte seinen Jagdgefährten zur dreimonatigen Abrichtung einer Hundetrainerin in Frankreich überlassen. Wegen der Corona-Krise konnte er ihn jedoch nicht wieder abholen. Aber Stelzer und sein Team fanden eine Lösung: Herr und Hund mussten wieder zusammenfinden. Die französische Ausbilderin brachte das Tier schließlich nach Karlsruhe, wo sein Herrchen sehnsüchtig wartete. Der Mann hatte aus Sicht des Amtes einen "triftigen Grund zum Verlassen der Wohnung". Man merke, das Wohl der eigenen Tiere stand bei vielen Landkreisbürgern an erster Stelle.

Nach Wochen im familieneigenen Homeoffice rückten im April dann die Themen Kinderbetreuung, Corona-Soforthilfen und der "Komplex der erlaubten und der zu schließenden Geschäfte, Dienstleistungen und Einrichtungen" in den Vordergrund. In der Bevölkerung herrschte große Sorge um die eigene Existenz, manch Selbstständiger fürchtete schon das Schlimmste: die Insolvenz. Andere hatten Langeweile, wollten dringend ihre Kurse weiter besuchen, sei es in der Volkshochschule oder in der Musikschule

Besonders die Situation der Musikschulen sorgte für sehr viele Rückfragen, sagt Stelzer. Die Anrufer fragten nach Möglichkeiten des Gruppen- und Einzelunterrichts, wollten wissen, welche Räumlichkeiten für den Unterricht genutzt werden könnten und erkundigten sich nach der Ansteckungsgefahr, die vom Spielen der unterschiedlichsten Musikinstrumente ausgehen würde und welchen Abstand man in diesem Fall etwa zum Lehrer halten müsste.

Starke Unsicherheit in der Bevölkerung habe auch die Einführung der Maskenpflicht verursacht. Häufig sei die Frage aufgekommen, wann und wo diese Pflicht gelte, erinnert sich der Leiter des Servicetelefons. So entwarfen die Bürger des Landkreises am Telefon bis ins Detail entwickelte Szenarien, von denen sie dann wissen wollten, ob die Maskenpflicht auch in diesem speziellen Fall greife. Viele empfinden den Stoff im Gesicht als unangenehm. Die Fragen der Anrufer waren mitunter so spezifisch, dass die Anfragen am Bürgertelefon nicht restlos geklärt und deshalb an zuständige Stellen weitergeleitet werden mussten, sagt Stelzer.

Im Mai hatten die Menschen verstärkt das Bedürfnis, ihre Wohnungen zu verlassen, Sport zu machen oder die schönen Dinge des Lebens zu genießen, zum Beispiel die Liebe. Die Anfragen rund ums Thema Hochzeit häuften sich. Viele Liebespaare und Angehörige fragten: Wann kann die Hochzeit nachgeholt werden, ab wann ist eine Feier im größeren Rahmen wieder möglich? Doch bis die strengen Regeln für Veranstaltungen gelockert wurden, mussten die Liebenden noch mehr als einen weiteren Monat warten.

Mittlerweile sind die Anfragen an das Landratsamt Dachau aufgrund der stetigen Lockerungen stark zurückgegangen, sagt Stelzer. Wenn das Telefon in letzter Zeit noch klingelte oder ein Pling eine neue E-Mail ankündigte, waren es meistens Anfragen zu geplanten Veranstaltungen oder Fragen von Reiserückkehrern, die sich über Quarantäneregeln informieren wollten. Zuletzt waren es so wenige Anrufe, dass der Corona-Hörer am Freitag endgültig aufgelegt wurde.

© SZ vom 13.07.2020

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