Es muss nicht immer München sein. Auch rings um die Landeshauptstadt hat sich eine Museumslandschaft entwickelt, mit sehenswerten Sammlungen zu Kultur und Geschichte in der Region. Um auf dieses Angebot abseits der Großstadt aufmerksam zu machen, haben sich 1996 die Museen in Dachau, Erding, Freising, Fürstenfeldbruck, Ismaning, Starnberg, Wolfratshausen und auf dem Jexhof bei Schöngeising zusammengetan. „Landpartie – Museen rund um München“, heißt ihr Verbund. Und in diesem Jahr feiert er sein 30-jähriges Bestehen.
Zum Jubiläum gibt es eine Ausstellungsreihe zum Thema: „Mit allen Sinnen“. Denn man selbst will auch gehört und vor allem gesehen werden. Den Auftakt hat das Bezirksmuseum in Dachau bereits gemacht. Dort läuft seit Ende April die Ausstellung „Sinne – Zur Kulturgeschichte unserer Wahrnehmung“. Für Bezirksmuseumsleiterin und Kuratorin Ursula Nauderer war klar: „Diese Ausstellung muss als Flaggschiff am Anfang stehen.“

Im Kern dieser Ausstellung gehe es nämlich darum, „dass man sich seine Sinne wieder bewusst macht“. Augen, Ohren, Nase, Zunge und Haut sammeln zwar unsere Eindrücke von der Umwelt, doch das Bild, das wir uns schließlich von ihr machen, entsteht erst durch die Verarbeitung dieser „Rohdaten“ in der zentralen menschlichen Verarbeitungs- und Deutungszentrale: dem Gehirn.
Die erste Station der Ausstellung ist ein abgedunkelter Raum. Durch einen kleinen Kasten wird das Licht von draußen projiziert. Es dauert eine Weile, bis man erkennt, was man sieht: Autos, die über das Kopfsteinpflaster der Dachauer Altstadt schaukeln, dazwischen Passanten mit Einkaufstaschen. Nur steht, läuft und fährt alles auf dem Kopf. Die „camera obscura“, die hier eingebaut ist, funktioniert genauso wie das Auge. Der Rest ist Kopfarbeit.
Genau darin liegt der entscheidende Unterschied. Eine Kamera bildet nur ab, Menschen bewerten auch, was sie sehen, hören, riechen. Und sie tun es sehr verschieden. „Der Sinn ist immer unserer Bewertung und der Gesellschaft unterworfen“, sagt Ursula Nauderer. Und er sei auch immer stark geprägt von Kultur und Moden. Und wer je in einer oberbayerischen Barockkirche mit ihren Legionen von Engelchen, Heiligen, Gemälden und Fresken war, versteht sofort, was die Kuratorin meint, wenn sie sagt: „Wir leben in einer sehr visuellen Kultur.“
Los geht es daher mit der Abteilung „Sehen“. Besonders wertvoll ist hier der Lesestein, bei dem es sich in der Regel um einen geschliffenen Beryll oder Bergkristall handelt. Wie ein großer Wassertropfen vergrößert er die Fraktur-Lettern des aufgeschlagenen Buchs. Solche Lesehilfen waren kostbar und wurden oftmals wie Artefakte gestaltet.

Der Beryll, so lernt man in dieser Ausstellung, ist auch der Namensgeber der Brille. Davon hat das Bezirksmuseum eine ganze Sammlung. Öffentlich zu sehen war sie zuletzt vor knapp 70 Jahren, 1957. Jetzt war der perfekte Anlass, sie wieder aus dem Fundus zu holen. Die Leihgaben stammen größtenteils vom Medizinhistorischen Museum in Ingolstadt und aus der Privatsammlung Heiner Meininghaus.
Wie begrenzt die Wirksamkeit der zur Verfügung stehenden Hilfsmittel früher war, ist auch eindrücklich im nächsten Kabinett zu sehen. Auf dem Gemälde „Künstlerstammtisch“ müht sich ein schnurrbärtiger Mann mittleren Alters ab, dem Gespräch der Runde mit einem wuchtigen Hörrohr zu folgen. Ohne seine fünf Sinne ist man schnell isoliert von der Welt und abgeschnitten von der Gesellschaft.

Wie die Sinnesorgane genau funktionieren, sei „vor der Wissenschaftsrevolution“ noch unbekannt gewesen, sagt Nauderer. Und das führt zu einem der spannendsten Aspekte dieser Ausstellung. Mit Amuletten, Wundermittelchen und Votivtafeln versuchten Betroffene, ihre Gesundheit wieder herzustellen. Ohren aus Halbedelstein sollten die Hörkraft verbessern, ein Pülverchen mit dem giftigen Bleiacetat wurde gegen blutunterlaufene Augen eingesetzt, das Loreto-Glöckchen zur Minderung von Schmerzen.
Als Allzweckwaffe gegen so gut wie alles diente das Krebsauge. Dabei handelt es sich um einen weißen linsenförmigen Kalkrückstand, der sich in den Mägen von Krebsen findet. Oftmals wurden Krebsaugen wie wertvolle Reliquien in Schmuckstücke eingefasst. Bei einem Stück ihrer Ausstellung vermutet die Kuratorin indes, dass es sich um ein Imitat handelt. Offenbar wurden Heilmittel schon gefälscht, ehe es die moderne Pharmazie gab.
In jedem Kabinett können Besucherinnen und Besucher auch selber Sachen ausprobieren. Etwa in Kisten hineinschnuppern, um dem Unterschied der Räuchermischung armer und betuchter Haushalte auf den Grund zu gehen. Vor der Entdeckung der Bakterien galten Ausdünstungen aus Fäulnisprozessen als Auslöser von Krankheiten, etwa der Pest. Von bestimmten Räuchermischungen erhofften die Menschen sich Schutz. Die Variante mit Rosenwasser war allerdings genauso wirkungslos wie die mit Pferdehufspänen.
Wohlgeruch ist dennoch immer angenehm und war lange Zeit ein Luxusgut. Ein Behältnis aus dem 17. Jahrhundert, von dem es nach Angaben des Sammlers weltweit nur vier Stück gibt, zeigt das in spektakulärem Kleinstformat: eine karmesinrot gefärbte Walnuss mit vier Kammern für duftende Ingredienzien. In die Schale ist eine Szene von Mariä Verkündigung geschnitzt. Das Objekt illustriere die innige Verbindung von Duft und Kult, sagt Nauderer.

An einer Wand reihen sich Flakons von der Römerzeit bis in die 1930er-Jahre. Manche haben die Form kunstvoller Figurinen. Der Mops auf dem Arm einer Porzellandame dient als Stöpsel für das Riechwasser. Inzwischen wird so gut wie alles beduftet: Achselhöhlen, Wohnräume, Handtücher. Auch Autos werden immer noch olfaktorisch getunt mit „Wunderbäumen“. In einer Ecke hängt ein ganzer Wald davon mit Aromen wie „Pina-Colada“, „Leather“ und „Black Ice“.
Die letzte Abteilung ist dem Tastsinn gewidmet, der bei Museumsbesuchen meist zu kurz kommt. „Nicht berühren“ ist eine der häufigsten Ermahnungen. Auch im Bezirksmuseum stehen die Worte groß auf einer Tafel, wenn auch mit einer Prise Selbstironie. In einer geschlossenen Vitrine schlummern Objekte, die auch für eine taktile Erkundung hochinteressant wären. Die Oberfläche einer alten Buchseite oder die Beschaffenheit der unterschiedlichen Stoffe eines historischen Gewands. So muss man am Ende eine andere menschliche Kraft bemühen: die Vorstellungskraft.
Weitere Ausstellungen zum Thema Sinne
Wer Lust auf eine Reise durch die Sinneswelt hat, findet in den Museen rund um München noch bis in den Herbst reichlich Anregungen:
Museum Erding: „Ohne Worte– Schönes, Skurriles & Rätselhaftes“, 8. Mai bis 31. Mai;
Museum Starnberg: „See, Sinn und Gesellschaft – Das Museum als Atelier“, 17. Mai bis 13. September;
Schlossmuseum Ismaning: „Kraut, Torf und Odel … Die verschwundenen Gerüche Ismanings“, 18. Mai bis 18. Oktober;
Gemäldegalerie Dachau: „Löcher und andere Fallen – Arbeiten von Judith Egger und Oliver Westerbarkey“, 21. Mai bis 16. August;
Museum und Stadtraum Fürstenfeldbruck: „Du = Wir: Fürstenfeldbrucker Stadtgeschichte(n) 2026“, 22. Mai bis 20. September.


