Süddeutsche Zeitung

Landkreis unterstützt Einrichtung:Mehr Zeit für Schutzbedürftige

Das Frauenhaus erhält mehr Personal, bräuchte aber auch weitere Wohnplätze

Von Petra Schafflik, Dachau

Für Opfer häuslicher Gewalt ist das Frauenhaus eine wichtige Anlaufstelle. Denn dort finden betroffene Frauen nicht nur einen sicheren Unterschlupf auf Zeit, sondern auch qualifizierte Beratung und menschliche Unterstützung. Allerdings: Im ständig wachsenden Landkreis müssten Wohnplätze wie auch Arbeitszeit des Teams aufgestockt werden. Das hat bereits 2016 eine Studie ergeben, die für alle Frauenhäuser in Bayern ein Defizit an Kapazitäten ausweist. In Dachau ist die gültige Bedarfsberechnung so alt wie das Frauenhaus, nämlich 20 Jahre. Vieles, was die Mitarbeiterinnen in der Schutzeinrichtung Tag für Tag leisten, ist in den Richtlinien gar nicht vorgesehen, berichtet Birgit van Gunsteren vom Frauenhaus-Team. Dieses Manko hat der Landkreis nun erkannt und für 2018 eine Aufstockung der Personalkapazitäten bewilligt. "Wir freuen uns über dieses wichtige positive Signal", sagt Wiebke Kappaun von der Arbeiterwohlfahrt, die als Träger das Dachauer Frauenhaus organisiert.

Ein dreiköpfiges Team betreut bisher die Bewohnerinnen im Frauenhaus und ihre Kinder. 82 Wochenstunden standen dafür zur Verfügung. Zu wenig, betont Birgit van Gunsteren vom Frauenhaus-Team, denn dieses Zeitbudget reiche für die Betreuung der Frauen in der Schutzeinrichtung kaum oder gar nicht für die Begleitung der oft traumatisierten Kinder, fürs Kontakthalten mit Frauen, die aus der Schutzeinrichtung in eine eigene Wohnung umziehen, für die wirtschaftliche Organisation des Frauenhauses oder die wichtige Öffentlichkeits- und Informationsarbeit. Die personelle Aufstockung, für die der Kreistag jetzt von diesem Jahr an 20 zusätzliche Stunden bewilligt hat, ist deshalb ein wichtiger Schritt. "Damit die Betreuung erst einmal stimmt für den aktuellen Bestand an Wohnplätzen." Qualifizierte Mitarbeiterinnen für das erweiterte Team "haben wir bereits zusammen", erklärt AWO-Geschäftsführerin Kappaun. Zusätzlich wird mit einem Kontingent von zehn Stunden die hauswirtschaftliche Organisation der Schutzeinrichtung gestärkt.

Längerfristig müssten jedoch auch die Wohnkapazitäten ausgebaut werden. Aktuell verfügt die Einrichtung über elf Plätze, die von fünf Frauen mit bis zu sechs Kindern belegt werden können. Benötigt würden 15 Plätze, so das Ergebnis der bayernweiten Studie. Dieser Bedarf spiegelt sich auch im Jahresbericht des Frauenhauses: Den 173 Platz-Anfragen, die im vorigen Jahr eingegangen sind, stehen acht Frauen gegenüber, die einziehen konnten. Immer schon gibt es mehr Anfragen als Plätze, weil für manche Betroffene nach telefonischer Beratung andere Optionen gefunden werden. Oder Frauen an andere geeignete Einrichtungen weitervermittelt werden. Doch die Situation spitzt sich seit Jahren zu. Grund dafür ist die Wohnungsnot im Landkreis, die dazu führt, dass Opfer häuslicher Gewalt immer länger in der Schutzeinrichtung verweilen. Auch die Frauen, die ihre Lebenssituation nach einigen Wochen wieder im Griff haben und nun auf eigenen Beinen stehen möchten, finden kein eigenes Appartement für sich und ihre Kinder. Diese Frauen bleiben länger als notwendig in dem als Notunterkunft konzipierten Frauenhaus. Die Plätze werden nicht frei für andere Schutzbedürftige. Allein die Wartezeit für eine Sozialwohnung beträgt in Dachau bis zu drei Jahre. So lange können die Frauen nicht im Frauenhaus leben. Eine Postkartenaktion, mit der die Bewohnerinnen auf ihre Situation aufmerksam gemacht haben, brachte öffentliche Aufmerksamkeit, aber keine Wohnung, so van Gunsteren. "Wir bräuchten Übergangswohnungen, um diese Blockade aufzulösen."

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Quelle:
SZ vom 21.03.2018
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