Dachau:Vier Wohnungen an Pflegekräfte vermittelt

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Dachau: Sabine Appel ist Vorstand der Wohnungs-Vermittlungs-Genossenschaft "Habt ein Herz für soziale Berufe"

Sabine Appel ist Vorstand der Wohnungs-Vermittlungs-Genossenschaft "Habt ein Herz für soziale Berufe"

(Foto: oh)

Rund 1800 Wohnungen im Landkreis Dachau stehen leer: Die Initiative "Habt ein Herz" will ungenutzten Wohnraum für Pflegekräfte erschließen

Von Isabell Gielisch, Dachau

Es gibt da diese eine Mitarbeiterin beim Pfegedienst, seit zehn Jahren ist sie Teil des Teams. "Eine super Pflege-Hilfskraft" sei sie, erzählt ihr Chef, Benjamin Schaffrina, Geschäftsführer der Micura Pflegedienste München und Dachau. Doch nun wurde ihr die Wohnung gekündigt, der Grund: Eigenbedarf. Nach 15 Jahren muss die Mieterin raus und findet nichts Neues, trotz Festanstellung. Sie hat einen Sohn und einen Hund, es nicht so einfach. Seit einem halben Jahr unterstützt Schaffrina bei der Suche, damit er seine Mitarbeiterin nicht verliert. Bisher erfolglos.

Erst durch diesen Fall habe er bemerkt, wie "krass" das Ausmaß des Wohnungsmangels im Landkreis ist, sagt Schaffrina. Gerne würde er mehr Pflegepersonal einstellen, sein Team erweitern, doch es gibt immer weniger gut ausgebildetes Personal. "Wer hat schon keinen Fachkraftmangel?", fragt er verzweifelt. Schaffrinna kann sich vorstellen, dass der Wohnungsmangel im Landkreis Dachau ein Teil dieses Problems ist. Auch Pia Ott, Pressesprecherin der Helios-Amper-Kliniken betont auf Nachfrage, dass die Bereitstellung bezahlbaren Wohnraums eine entscheidende Rolle beim Gewinnen und Halten von Fachkräften spiele.

Eine Wohnung ist schon an das Franziskuswerk Schönbrunn vermittelt worden

Genau an dieser Stelle setzt die Wohnungs-Vermittungs-Genossenschaft "Habt ein Herz für soziale Berufe" an, die im Sommer 2019 unter der Leitung des Dachauer Landtagsabgeordneten Bernhard Seidenath gegründet wurde. Die bayernweit einmalige Genossenschaft fördert der Freistaat Bayern mit 60000 Euro. "Schätzungen zufolge stehen allein im Landkreis Dachau rund 1 800 Wohnungen leer", sagt Seidenath. Um den Mangel an Fachkräften im Landkreis abzumildern, will die Vermittlungsinitiative ungenutzten Wohnraum erschließen und an Menschen in sozialen Berufe weitervermieten. "Eine Wohnung ist über die Genossenschaft inzwischen etwa auch an das Franziskuswerk Schönbrunn vermittelt worden", sagt Seidenath, "Ich bin deshalb überzeugt, dass die Genossenschaft weiter wachsen wird."

Als Gründungsmitglieder haben sich die Helios-Amper-Kliniken, der Pflegedienst Micura und der Pflegeheimbetreiber Kursana zusammengeschlossen. Die angemieteten Wohnungen der Genossenschaft werden dann wiederum von Arbeitnehmern dieser Institutionen belegt. Für die Vermieter sei es ein "Rundum-Sorglos-Paket" sagt Seidenath. Gabi Ulrich ist seit rund einem Jahr Vermieterin bei der Genossenschaft. Sie hat ihr Elternhaus in Bergkirchen renoviert und der Organisation zur Verfügung gestellt. "Als Vermieterin muss ich mich nicht um Kaution und Miete kümmern, das läuft einfach über die Genossenschaft. Die ist mein Mieter und von der Vermittlungs-Genossenschaft bekomme ich sicher mein Geld. Das ist ein große Vorteil für mich", so Ulrich.

"Grundstück kaufen, Schwesternheim hinstellen - so einfach ist das"

Wolfgang Winter, Vorsitzender des Mietervereins Dachau begrüßt den Ansatz der Vermittlungs-Genossenschaft - grundsätzlich. Es gäbe zwar hunderte, leerstehende Wohnungen im Landkreis, die bloß nicht angeboten würden, da die Vermieter es schlicht nicht wünschten oder aus finanziellen Gründen nicht nötig hätten. Winter hat jedoch seine Zweifel, ob es Seidenath gelingen wird, diesen Wohnraum zu erschließen. Um den Fachkräftemängel im Landkreis zu lindern, müssten neue Wohnungen gebaut werden, meint Winter. Er sieht die öffentliche Hand in der Verantwortung, beispielsweise die Helios-Amper-Kliniken. Der Mietervereinsvorsitzende wird wütend bei dem Thema. Wer sein Geld unter anderem mit der Arbeit von Pflegekräften mache, solle sich bitte "verdammt nochmal" darum kümmern, dass diese "unterdurchschnittlich bezahlten" Arbeitnehmer eine vernünftige Unterkunft bekämen. "Das verstehe ich nicht, wie private Arbeitgeber, die gutes Geld machen, so kurzsichtig sein können und nicht zu erkennen vorgeben, was die Lösung des Problems ist: Grundstück kaufen, Schwesternheim hinstellen - so einfach ist das", schließt Winter.

Vier Wohnungen sind inzwischen im Bestand der Genossenschaft. Vorständin Sabine Appel wertet dieses Ergebnis positiv: "Vier Wohnung sind schon gut, weil wir sie wirklich dauerhaft angemietet haben." Die jetzigen Bewohner hätten teilweise schon sehr lange erfolglos nach Wohnungen gesucht. Der Pflegedienst Micura konnte bisher nur bedingt von der Vermittlung der Genossenschaft profitieren, erklärt Schaffrinna. Es habe zwar Angebote für Wohnungen gegeben, allerdings sei nichts Passendes für seine Mitarbeiter dabei gewesen. Pia Ott beschreibt die Mitgliedschaft der Helios Amper-Kliniken als einen "weiteren wichtigen Baustein" in der Strategie zur Mitarbeiteranwerbung. Künftig wollen sie verstärkt ausländische Pflegekräfte und Auszubildende aus anderen deutschen Städten ansprechen. Die Bereitstellung passenden Wohnraums sei eine wichtige Voraussetzung für dieses Vorhaben. Erst diesen Monat hätten sie dank der Vermittlung der Genossenschaft einem jungen Mitarbeiter-Paar in direkter Nähe zum Klinikum eine bezahlbare Wohnung anbieten können. "Darüber freuen wir uns sehr", so Ott.

Die Genossenschaft sucht weiterhin nach Wohnungen: Benötigt werden vor allem kleinere Wohnungen mit bis zu zwei Zimmern in S-Bahn-Nähe. Dort sei der Bedarf am höchsten, erklärt Appel. Gesucht werden Wohnungsgrößen zwischen 30 und 60 Quadratmetern oder Wohnungen, die für eine WG-Gründung in Frage kämen. Wer ein Wohnungsangebot hat, kann Sabine Appel telefonisch unter 08131/275 80 25 oder per Mail unter wohnungsgenossenschaft@hvi-flack.de erreichen. Weitere Informationen zur Genossenschaft gibt es nun über die neue Homepage unter www.habteinherz.de.

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