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Sportvereine im Landkreis Dachau in finanziellen Nöten:Ein verzweifelter Appell

Weil die Sportstätten im Landkreis wegen des Lockdowns erneut seit Wochen geschlossen sind, kündigen viele Bürger ihre Mitgliedschaft in den Vereinen. Zukunftsweisende Projekte bleiben in der Krise liegen

Von Benjamin Emonts, Dachau

Es ist seit Wochen ein trauriger Anblick, wenn man Sportstätten wie jene des TSV Eintracht Karlsfeld passiert. Wo früher Kinder lauthals einem Ball hinterherjagten und Zuschauer ihre Mannschaften anfeuerten, herrscht nun gespenstische Ruhe. Die vereinslose Zeit ohne Bewegung und Emotionen geht nicht spurlos an den Gemütern vorbei. "Es ist düster und leer", beschreibt Präsident Rüdiger Meyer das Seelenleben des TSV Eintracht Karlsfeld.

Meyer spricht aber nicht nur über gemeinsame Trainings und Wettkämpfe, die den Menschen fehlen und deshalb ihre Psyche belasten - den Vereinen generell setzt die Coronakrise immer mehr zu. Es fehlen ihnen Zuschauereinnahmen, Hallengebühren, Kursgebühren und besonders auch Mitgliedsbeiträge. Ohne sportliche Angebote nämlich stellen viele Landkreisbürger ihre Mitgliedschaften in den Vereinen infrage. "Viele sind ausgetreten, weil ihnen der Verein keine Leistung mehr bieten kann", sagt Meyer.

Seinen Podestplatz als mitgliederstärkster Verein des Landkreises Dachau droht der TSV Eintracht Karlsfeld deswegen zu verlieren. Seit Ausbruch der Pandemie hat der TSV von seinen einst 4000 Mitgliedern rund 700 verloren. Zwar seien bis zu 500 Kündigungen normal, doch dass es gleichzeitig keine Neueintritte gibt, stelle den Verein vor eine neue Situation, betont Meyer. Gerade jetzt sei der Verein eigentlich angewiesen auf die Unterstützung und Loyalität seiner Belegschaft. Zwischen den beiden Lockdowns habe man deutlich höhere Kosten gehabt, um den Sportbetrieb unter strengen Hygieneregeln am Laufen zu halten. Die bis dato geflossene staatliche Hilfe über 25 000 Euro konnte die Einbußen bei weitem nicht decken. Meyer richtet deshalb einen eindringlichen Appell an die Karlsfelder: "Wir sind als Verein eine Solidargemeinschaft. Ich kann nur alle bitten, dem Verein treu zu bleiben, wenn sie später wieder Sport treiben wollen."

Einen Mitgliederschwund verzeichnen auch die beiden großen Dachauer Vereine, wenn auch weniger dramatisch. Der ASV Dachau hat bislang zwischen 80 und 100 von seinen rund 3700 Mitgliedern eingebüßt; der TSV Dachau 1865 verzeichnet Verluste von etwa zehn bis 15 Prozent bei einer Mitgliederzahl von 2500. Für alle Vereine bedeutet die Krise drastische finanzielle Einbußen. Eintracht-Präsident Rüdiger Meyer rechnet insgesamt mit Einnahmeverlusten von mehr als 60 000 Euro infolge der Pandemie, die Hälfte allein wegen fehlender Mitgliedsbeiträge. Auch der Vorsitzende des TSV Dachau 1865, Wolfgang Moll, spricht von einem Einnahmerückgang von etwa 35 Prozent; dem Verein fehlten Zehntausende Euro in der Kasse, zumal einige Sponsoren nun weniger zahlten. Wenn nicht bald Besserung komme, müsse man über Einsparungen nachdenken. Treffen würde dies zuvorderst den Leistungssport. Der TSV Dachau leistet sich beispielsweise eine ambitionierte Herrenmannschaft in der Fußball-Bayernliga und eine auf Bundesebene erfolgreiche Taekwondo-Abteilung.

Beim ASV Dachau beziffern sich die Mindereinnahmen nach Rechnung des Vorsitzenden Andreas Wilhelm auf einen niedrigen sechsstelligen Betrag. Ebenso wie in Karlsfeld können sie in Dachau zum Beispiel nicht ihre Tennishalle vermieten. "Ich hoffe, das hat bald ein Ende", sagt Wilhelm. "Noch so ein Jahr können wir nicht verkraften."

Die Corona-Krise gefährdet außerdem lange geplante Projekte der Vereine. In der Kasse der Großen Kreisstadt klafft wegen sinkender Steuereinnahmen und hoher Ausgaben ein gewaltiges Loch, sodass nur noch "Pflichtaufgaben" erfüllt werden können und zahlreiche Projekte auf Eis geleget wurden. Eines davon ist die seit Jahren geplante Umsiedelung des TSV Dachau 1865 auf ein neues Gelände östlich der Theodor-Heuss-Straße. Dort will der TSV für seine Mitglieder ein großes Grundstück mit Spielfeldern und einer Dreifachturnhalle bebauen. Kurz vor Weihnachten sollte ursprünglich der Planungswettbewerb beginnen, doch daraus wurde nichts. Ob die Stadt, wie geplant, in Vorkasse für das Projekt gehen könne, bis der TSV sein Stammgelände verkauft hat, sei wegen der Haushaltslage fraglich, sagt Wolfgang Moll. Man prüfe nun, ob sich das Finanzkonzept auch auf andere Füße stellen ließe.

Einen Dämpfer hat die Krise auch dem dringenden Wunsch des ASV Dachau nach einer neuen Turnhalle verpasst. Die marode Georg-Scherer-Halle ist in einem bedenklichen Zustand, es fault und modert, weshalb die Vereinsverantwortlichen sogar eine Schließung befürchten. Eine neue Scherer-Halle soll dort errichtet werden, wo sich derzeit die ebenfalls sanierungsbedürftige Eislauffläche befindet; eine neue Eisarena soll im Süden des ASV-Geländes entstehen. Doch wann das Großprojekt über die Bühne gehen soll, ist fraglicher denn je. Die Stadt müsse schnell etwas tun, fordert Wilhelm in aller Deutlichkeit. Schließlich hätten auch etwa 700 Schulkinder ihren Sportunterricht in der maroden Halle. Der Neubau sei eine Pflichtaufgabe der Stadt.

Die Vereine müssen sich wohl noch eine Weile kämpferisch zeigen, bis die Zeiten bessere sind. "Ich habe nicht die Illusion, dass sich bis zum Sommer groß etwa tut", sagt etwa der Dachauer Stadtrat und Sportreferent Günter Dietz (CSU). Ihm fehlten besonders die persönlichen Kontakte zu den Verantwortlichen und die Besuche in den Stadien wie in Pipinsried oder Dachau. Wer aktuell im Verein Sport treiben will, muss mit Online-Angeboten Vorlieb nehmen. Die Vereine ASV Dachau und TSV Dachau 1865 gehen mit gutem Beispiel voran. Abwechselnd posten sie jeden Tag mit Hilfe der Corona-Hilfe Dachau ein Sportvideo in sozialen Netzwerken. Das Motto kann nur Hoffnung machen: "Täglich Sport - a bissl was geht immer."

© SZ vom 05.01.2021/van
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