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Medizin:Lange Wege, volle Wartezimmer

Bayern will Ärztemangel auf dem Land bekämpfen

Ganz so schlimm wie in Moos in Niederbayern ist es aber noch nicht: Dort weist ein Schild den Weg zur seltenen Spezies Landarzt.

(Foto: Simon Book/dpa)

Eine Quote soll die medizinische Versorgung auf dem Land verbessern - der Landkreis hat davon nichts, weil er als überversorgt gilt. Dabei sitzen 60 Prozent der insgesamt 87 Hausärzte in Dachau oder Karlsfeld. Die anderen Kommunen leiden an einem gravierenden Mangel

Wer am Land lebt und zum Arzt muss, der hat es meist nicht leicht. Denn die nächstgelegene Praxis ist oft weit entfernt, das Wartezimmer überfüllt. Betrachtet man die Statistik, wird sich an dieser Situation auch in den kommenden Jahren nichts ändern: Bayerns Hausärzte sind im Schnitt 55 Jahre alt, mehr als ein Drittel der Hausärzte ist älter als 60 Jahre und geht somit bald in Rente. Um einer drohenden Unterversorgung in ländlichen Gebieten entgegenzuwirken, hat die Staatsregierung eine "Landarztquote" für Bayern beschlossen. Ärztesprecher und Experten aus dem Landkreis Dachau erhoffen sich dadurch aber vorerst keine wesentlichen Verbesserungen - schließlich gilt die Region als "überversorgt".

Insgesamt sind 87 Hausärzte im Landkreis tätig. Das entspricht laut der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern (KVB), die für Sicherstellung einer flächendeckenden Versorgung ambulanter medizinischer Hilfe verantwortlich ist, einem Versorgungsgrad von 109 Prozent. Aber so gut, wie man der Statistik entnehmen kann, ist die Situation nicht. Denn knapp 60 Prozent der Ärzte im Dachauer Land sind im Süden des Landkreises, in der Großen Kreisstadt Dachau und in Karlsfeld, tätig. In Gemeinden wie Hilgertshausen-Tandern, Weichs und Schwabhausen gibt es beispielsweise nur jeweils einen Hausarzt. Ähnlich sieht es bei den Fachärzten aus: Zwar ist Dachau laut Versorgungsatlas der KVB in allen Fachbereichen überversorgt, doch nur Psychotherapeuten sind gleichmäßig im Landkreis verteilt. Alle anderen Fachärzte befinden sich - bis auf eine Ausnahme - wiederum in Dachau und Karlsfeld.

"Im Hinterland sind wir unterversorgt, es fehlen sowohl Hausärzte als auch Fachärzte", sagt der Karlsfelder Internist Hans-Ulrich Braun, Vorsitzender des Ärztlichen Kreisverbands Dachau. Doch auch die KVB räumt ein: Ein punktueller Mangel an Haus- und Fachärzten sei durchaus feststellbar. Albrecht Roß, Bezirksdelegierter des Bayerischen Hausärzteverbandes und Hausarzt in Hilgertshausen-Tandern, ist dagegen anderer Meinung: "Die Versorgung im Landkreis ist ausreichend; es gibt zwar in einigen Gebieten eine Verdünnung, aber durch die Lage im Münchner Speckgürtel geht es uns insgesamt gut."

Allerdings: Das Nachwuchsproblem bereitet den Experten große Sorgen. "Wir haben auch in der Medizin einen Fachkräftemangel. Der ist hausgemacht, da in den vergangenen Jahren zu wenige Mediziner ausgebildet wurden", sagt Landtagsabgeordneter Bernhard Seidenath (CSU). Er ist Vorsitzender des Landtagsausschusses für Gesundheit und Pflege. Etwa ein Drittel der Hausärzte werde in den nächsten fünf bis acht Jahren in den Ruhestand gehen. Schon seit Jahren sei es auch im Landkreis Dachau schwierig, Nachfolger zu finden. "Das ist kein Selbstläufer, man muss dranbleiben."

Abhilfe soll nun die Landarztquote schaffen, die vom Regierungskabinett beschlossen wurde. Vom Wintersemester 2020 an werden demnach rund 90 Studienplätze für die Studienanfänger reserviert, die sich verpflichten, mindestens zehn Jahre lang als Hausarzt in einer Region zu arbeiten, die als unterversorgt oder von Unterversorgung bedroht gilt. Im Gegenzug ist für den Beginn des Studiums nicht mehr die Abiturnote entscheidend, sondern fachliche und praktische Qualifizierung. Braun ist damit zufrieden: "Wir fordern schon lange, dass bei der Auswahl der Medizinstudenten auch andere Kriterien berücksichtigt werden."

An eine wesentliche Verbesserung der Versorgungslage auf dem Land glaubt der Ärztesprecher aber trotzdem nicht. Es sei zwar prinzipiell geschickt, solche positiven Anreize zu schaffen. Um wirklich etwas zu erreichen, müsse aber in vielen Bereichen etwas verändert werden, sagt Braun. So sollte dringend der Bedarfsschlüssel der KVB reformiert werden, denn gilt ein Planungsbereich als überversorgt, lehnt der Zulassungsausschuss die Niederlassung eines Arztes in diesem Gebiet zumeist ab. Braun glaubt deshalb, dass es aus wirtschaftlicher Sicht gar nicht gewollt sei, die Versorgung zu verbessern, da jeder Arzt durch die Behandlung von Patienten auch Kosten im System verursache - Kosten also, die man sich bisher sparen konnte.

Annette Eichhorn-Wiegand, Geschäftsführerin der Dachauer Gesundheitsregion Plus, betrachtet die neue Quote ebenfalls eher skeptisch: "Das ist eine langfristige Maßnahme, bei der ich viele große Fragezeichen sehe, etwa, ob die Studenten sich auf so eine Bindung einlassen." Aber auch die KVB erwartet, wie ein Sprecher sagt, natürlich keine kurzfristigen Effekte. Doch die Quote wird ausdrücklich begrüßt, weil sie mittel- und längerfristig zu einer flächendeckenden Versorgung beitragen könne. An den Erfolg der Landarztquote glaubt indes Seidenath, der sich als gesundheitspolitischer Sprecher der CSU im Landtag intensiv mit der Thematik beschäftigt und zahlreiche weitere Maßnahmen zur Förderung von Landärzten miterarbeitet hat. Entgegen der Kritik, dass Studenten sich während ihrer Ausbildung umentscheiden könnten, meint er: "Wer jetzt sagt, er will auf dem Land arbeiten, der sagt das auch in zehn Jahren noch."

Ärztesprecher Braun sieht das Problem des Landarztes hingegen bei dessen Image. Viele junge Studenten wüssten nicht, dass "das eigentlich ein cooler Beruf und eine unheimlich tolle Tätigkeit ist", so Braun. Er könne das nur empfehlen, da man beispielsweise sehr viel positives Feedback von den Patienten bekomme und die Monopolstellung am Land auch ihre Vorteile mit sich bringe.

Eichhorn-Wiegand gibt jedoch zu Bedenken, dass die junge Generation ein vollkommen anderes Verständnis in Sachen Work-Life-Balance habe und nicht - wie etwa der Landarzt "vom alten Schlag" - auch abends um zehn Uhr noch für ihre Patienten da sein wolle. Das altbekannte Modell des Hausarzts sei darum wahrscheinlich ein Auslaufmodell. Im Gesundheitswesen müsste deshalb vieles neu gedacht und entwickelt werden.

Albrecht Roß appelliert, die Hausärzte im Allgemeinen zu fördern. Denn wenn der Hausarzt - so wie am Land - als erster Ansprechpartner wahrgenommen werde, könne dieser an der Basis viele Probleme lösen. Die Patienten müssten dann nicht zu einem Facharzt gehen, der so wiederum mehr Zeit für die tatsächlich wichtigen Fälle habe. Diese Umverteilung wirke auch gegen den Ärztemangel, sagt Roß. Ob die Landarztquote schlussendlich also von Erfolg gekrönt ist und welche weiteren Maßnahmen es braucht, um die medizinische Versorgung in den Landgemeinden im Landkreis Dachau aufrecht zu erhalten, wird sich zeigen. Bisherige Förderprogramme - ein Stipendienprogramm der Staatsregierung, das Ausbildungsprogramm "Beste Landpartie Allgemeinmedizin" oder das Famulaturprogramm "FamuLand" der KVB wurden jedenfalls stets sehr gut nachgefragt.