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Dachauer Zeitgeschichte:Gräber und ihre Geschichten

Friedhof

Die Kapelle "Regina Pacis" auf dem Leitenberg erinnert an die italienischen Häftlinge des Konzentrationslagers.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Die historischen Friedhöfe im Landkreis erinnern an großes Leid - und an namhafte Personen

Ein schmaler Pfad schlängelt sich den Leitenberg hinauf. Steter Nieselregen überzieht alles mit einem feinen Feuchtigkeitsfilm, das Herbstlaub auf dem Boden, die weiten Wiesen, die Gedenksteine, welche symbolisch den Weg säumen. Sie sollen erinnern, auch an das hier geschehene Leid. Acht Massengräber ließ die Kommandantur des Konzentrationslagers Dachau von Februar bis April 1945 am Leitenberg anlegen. 4318 tote KZ-Häftlinge wurden in diesen Gräbern bestattet, ein Provisorium, die Kapazität des Krematoriums reichte wegen der vielen Sterbenden im völlig überfüllten Konzentrationslager nicht mehr aus. Später, nach der Befreiung des Lagers am 29. April 1945, kamen noch einmal 2000 tote KZ-Häftlinge hinzu. Auch 40 deutsche Wehrmachtssoldaten, die bei Kämpfen in der Nähe von Dachau ums Leben kamen, wurden hier bestattet.

Heute, knapp 75 Jahre später, ist der Ort eine internationale Begegnungsstätte. An einem schmiedeeisernen Tor vorbei gelangt man zu den Gräbern. Sie sind versehen mit Markierungssteinen. Eine achteckige Gedächtnishalle sowie die italienische Gedächtniskapelle "Regina Pacis" umrahmen den Friedhof. Alljährlich finden hier Gedenkfeiern statt, mit Besuchern aus Italien, Frankreich, den Niederlanden und anderen Teilen der Welt. Historische Gräber - zugleich Orte der Trauer, der Erinnerung und des Schreckens - finden sich im gesamten Landkreis verteilt. Auf einer Fahrt zu diesen Stätten sieht man die meisten Gräber gut gepflegt; man trifft Anwohner und öffentliche Mitarbeiter, die sich kümmern, um die Erinnerung aufrechtzuerhalten.

Eine Aufgabe, die nicht nur handwerkliches Geschick, sondern auch Feingefühl erfordert

Die Pflege und Instandhaltung vieler der historischen Grabstätten im Landkreis übernimmt eine Gärtnerei aus der Region, beauftragt von der KZ-Gedenkstätte Dachau. Eine Aufgabe, die nicht nur handwerkliches Geschick, sondern mitunter auch viel Feingefühl erfordern kann, wie Guido Mandelkow sagt. Der Gärtner sitzt auf einem fahrbaren Rasenmäher in der Mitte des Dachauer Waldfriedhofs. In der Mitte des Friedhofs, umgeben von normalen Gräbern, liegen auf einem Ehrenfeld vor allem diejenigen ehemaligen Häftlinge des Konzentrationslagers begraben, die in den Monaten nach der Befreiung des Lagers noch an den Folgen der Haft starben. Auch ist es die letzte Ruhestätte von jüdischen Häftlingen, die den grausamen Todesmarsch vom Konzentrationslager Flossenbürg nach Dachau Ende April 1945 nicht überlebten. Die Pflege der Grabstätten nehme viel Zeit in Anspruch, er und seine Mitarbeiter seien da das ganze Jahr über beschäftigt, erzählt Gärtner Mandelkow. Immer wieder komme er dabei auch mit Überlebenden des Konzentrationslagers und deren Familien in Kontakt.

So auch an einem Tag im Sommer, Gärtner Mandelkow arbeitete gerade an einem Grab, als ihn eine französische Familie ansprach. Sie seien den weiten Weg aus Frankreich mit dem Auto gekommen. In gebrochenem Deutsch habe die Familie Mandelkow nach dem Weg zur KZ-Gedenkstätte gefragt. Der Gärtner musste die Franzosen enttäuschen, es sei ein Ruhetag, die Gedenkstätte habe geschlossen. Heute sagt Mandelkow: "Aber ich wollte trotzdem helfen, egal wie". Die Familie lud ihn zu einem Picknick ein, erst war der Gärtner unsicher. Schließlich aber nahm er die Einladung an. Dabei gewesen sei auch der Großvater der Familie, ein Mann jenseits der 90 - und ein Überlebender des Konzentrationslagers Dachau. Man habe den Gärtner bewirtet, aufgrund der Sprachbarriere aber wenig gesprochen. Ohne viele Worte sei aber dennoch alles klar gewesen. Mandelkow ist gerührt und sagt: "Das macht Mut in diesen Zeiten".

Friedhof

Guido Mandelkow pflegt die Anlagen im Dachauer Waldfriedhof - eine Aufgabe, die auch Feingefühl erfordert.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Weiter geht es gen Norden des Landkreises. Peter Schultes, auf dessen Auto ein Aufkleber mit "Mein Altomünster" klebt, dem die Leute aus den Geschäften zuwinken, wenn er damit durch die Stadt fährt, kennt all die Geschichten der alten Gräber auf den Friedhöfen der Gemeinde. Das meiste davon hat er im Kopf, anderes empfiehlt er noch einmal nachzuschlagen, auch weil man ihn gerade zur Mittagszeit erwischt, und er beim nächsten Kirchturmläuten schnell nach Hause aufbrechen muss. "Es gibt Schwammerl!", entschuldigt er sich dann, passend zu diesem Herbsttag nur wenige Tage vor Allerheiligen.

Vorher hatte er aber doch noch etwas Zeit, um im eiligen Schritt über den Friedhof zu führen und dabei eine erzählenswerte Biografie an die nächste zu reihen. Er haucht den Namen auf den Inschriften Leben und Charakter ein, in manch einem Fall verweben sich die einzelnen Biografien. Da gibt es das Grab der Familie Lusteck, zu dem führt Schultes zielstrebig: Eine große Familie in Altomünster sei das gewesen, unter anderem weil einer unter ihnen, Ludwig Graf, eine Dampfmaschine erfunden habe, mit der man besonders gut Holz sägen konnte. Peter Schultes kommt es aber vor allem auf das elfenbeinfarbene Medaillon an, das den Grabstein schmückt: Eine Frau mit Haarkranz und einem besonders deutlich herausgearbeiteten Ring, im Hintergrund der Blick vom Friedhof in die Ferne, bis nach Kleinberghofen - signiert von Ignaz Taschner, dem Dachauer Künstler und Grafiker.

Bezirksfriedhof

Auf dem Friedhof an der Maroldstraße gab es seit etwa 50 Jahren keine Beerdigung mehr, bis vor wenigen Wochen.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Das Grab ist gut gepflegt, doch die ganz alten Ruhestätten finden sich schließlich auch erst ein paar Straßen weiter, neben der Loretokapelle, unweit der Maierbräu-Brauerei. Einige Namen, die nun die Inschriften an der Kapellenmauer zieren, waren "Leute, die danach im schönen G'wand zum Essen ins Maierbräu gegangen sind", also jemand wie Braumeister Sebastian Nißl oder die Familien Jörger und Duschl, zwei große Kaufmannsfamilien der Gemeinde. Der "Jörgerring", die "Nißlgasse" - die Namen sind heute noch auf den Straßenschildern Altomünsters zu finden. Der Friedhof an der Loretokapelle ist aber auch Gedenkort für die gefallenen und vermissten Bürger Altomünsters während der beiden Weltkriege.

Und auch hier ist alles noch immer gut erhalten, die Kreuze wurden vor Kurzem von einem Nachbarn gesäubert, einzig das viele Herbstlaub liegt zwischen den Gräbern auf dem Boden und stopft die Regenrinne der Kapelle aus. Anders ist das auf dem Bezirksfriedhof in Indersdorf, wo beinahe keine Blätter auf dem Boden liegen, die alten Metallkreuze aber viel deutlicher mit Rost überzogen sind. Ein Gedenkstein auf dem Boden ist noch ganz neu, um ihn stehen zahlreiche Kerzen, liegen Blumenkränze. Auf dem Friedhof an der Maroldstraße gab es seit etwa 50 Jahren keine Beerdigung mehr, bis vor wenigen Wochen. Hier bestattet zu werden war der letzte Wunsch von Myrian Bergeron, die im Kinderheim der Vereinten Nationen nach dem Krieg in Indersdorf aufgenommen wurde und erst im Alter, als sie bereits ihr ganzes Leben lang in den USA verbracht hatte, auf diesen Teil ihrer Vergangenheit stieß und 2019 das erste Mal nach Indersdorf zurückkam. Ein paar Tage nach ihrer Rückkehr in die USA verstarb Myrian Bergeron. Nun ist ihre Urne etwas abseits der älteren Gräber bestattet, aber nah an drei Stelen, die zum Gedenken an die Kinder und Säuglinge errichtet wurde, die in der Kinderbaracke der Nationalsozialisten in Indersdorf umkamen. Die grauen, modern gestalteten Stelen, heben sich vor dem Hintergrund der weiten, grünen Landschaft ab. Unten, auf einem einlaminierten Blatt Papier ist ein Code aufgedruckt, durch diesen gelangt man zu einem Audiobeitrag über die Historie. Nicht zu vergessen - für Einzelne Teil eines unwiderruflichen Schicksals, für die Gemeinschaft eine ewig währende, unverzichtbare Aufgabe.

Neuer Friedhof

Heimatforscher Jörg Schultes kennt die Biografien bekannter Bürger, die im Friedhof Altomünster begraben sind.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Auf dem Dachauer Stadtfriedhof existiert ein Denkmal, das anders ist als die übrigen im Landkreis. Versteckt hinter einer Mauer hängt eine verkommene Gedenktafel. Verblichen und schmutzbehaftet ist sie. Im Jahr 1919 beschloss der Dachauer Marktgemeinderat, vier Angehörigen des "Freikorps Görlitz" ein Grabdenkmal zu widmen. Heute distanziert sich die Stadt von diesem Mahnmal. Sie lehnt es ab, "ein Freikorps zu ehren, das in der Weimarer Republik mit anderen Trägern rechtsradikaler Gewalt zum Wegbereiter des Nationalsozialismus geworden ist", heißt es auf einer Informationstafel. Später schlossen sich Mitglieder des Freikorps NS-Institutionen an. Das Grabmal bleibt jedoch erhalten, weil sich die Stadt Dachau nicht dem Verdacht aussetzen möchte, Belastendes aus ihrer Geschichte zu löschen. Pflegen will die Stadt diese Last aber auch nicht.