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Landgericht München II:Kein Unrechtsempfinden

Missbrauchsfall Staufen - Prozess gegen Vergewaltiger

Die Verhandlung wurde in Abwesenheit des Angeklagten geführt.

(Foto: dpa)

Ein 23-jähriger Dachauer muss sich derzeit vor dem Landgericht München II verantworten. Er soll nachts auf dem Bahnhofsvorplatz einen anderen mit dem Auto verletzt haben. Der Angeklagte bestreitet dies

Von Andreas Salch, Dachau/München

Ein 23-Jähriger ist nachts mit seinem Pkw am Bahnhofsplatz in Dachau angeblich mit Absicht in eine Gruppe mit 15 bis 20 Personen gefahren. Der Vorfall soll sich am 28. Mai vergangenen Jahres zugetragen haben. Der Fahrer des Pkw, einem Opel Astra, soll es bei der mutmaßlichen Tat vor allem auf einen jungen Mann, der sich in der Gruppe befand, abgesehen haben. Diesem sei es allerdings gelungen, auszuweichen. Ein anderer Mann soll von dem Pkw am Bein verletzt worden sein. Keiner der beiden Männer ging später zur Polizei. Warum ist bislang unklar. Der Fahrer des Pkw, ein Dachauer, muss sich seit diesem Dienstag vor dem Landgericht München II verantworten. Nach Angaben von Ärzten leidet der 23-Jährige an einer paranoiden Schizophrenie und sei deshalb nicht in der Lage, das Unrecht der Tat einzusehen. Da er strafrechtlich nicht zur Verantwortung gezogen werden kann, hat die Staatsanwaltschaft die zeitlich unbefristete Unterbringung des Mannes in einer geschlossenen psychiatrischen Klinik beantragt, da er eine Gefahr für die Allgemeinheit darstelle.

Seit Mitte Juli vergangenen Jahres ist der Dachauer aufgrund eines Unterbringungsbefehls des Amtsgerichts Dachau im Isar-Amper-Klinikum in München einstweilig untergebracht. In der Verhandlung vor der 10. Strafkammer am Landgericht München II geht es nicht nur darum, dass der 23-Jährige mit Absicht in eine Personengruppe gefahren sein soll. In ihrer Antragsschrift listet die Staatsanwaltschaft noch weitere mutmaßliche Taten auf, bei denen es zu gewalttätigen Übergriffen des Beschuldigten gegenüber anderen Personen, darunter seinen Eltern sowie Polizeibeamten im Verlauf des vorigen Jahres gekommen sein soll.

Dass er mit seinem Opel Astra absichtlich in der Nacht des 28. Mai 2020 gefahren sei, sagte der 23-Jährige zum Auftakt des Prozesses, das sei "alles gelogen". Allerdings räumte er ein, dass der junge Mann, der dem Pkw ausweichen konnte, wegen einer vorangegangen Auseinandersetzung "sauer" auf ihn gewesen sei. Daraufhin habe man sich darauf verständigt, sich am Bahnhofsplatz "auszusprechen". Doch sein Kontrahent sei nicht allein gekommen, sondern angeblich mit 15 bis 20 weiteren Personen. Als er dies gesehen habe und die Männer begannen, auf sein Auto zu klopfen, "wollte ich abhauen", sagte der 23-Jährige bei seiner Vernehmung. Er habe "niemanden bewusst angefahren" und er sei auch nicht schnell gefahren. "Ich bin angefahren - die haben Platz gemacht", schilderte er der Richterin die Situation in jener Nacht. Die mutmaßlichen Opfer werden in dem Prozess zu einem späteren Zeitpunkt vernommen.

Zwischen Ende April bis zu seiner einstweiligen Unterbringung im Isar-Amper-Klinikum kam es laut Staatsanwaltschaft zu insgesamt acht weiteren Vorfällen, bei denen der 23-Jährige Gewalt anwendete und in Konflikte mit der Polizei geriet. Bei einem Streit mit einem Lkw-Fahrer soll der Dachauer in die Kabine des Lasters eingedrungen und seinen Kontrahenten in den Würgegriff genommen haben. Entzündet haben soll sich die Auseinandersetzung daran, dass der Lkw-Fahrer den Dachauer zuvor angeblich aufgefordert hatte, seinen Pkw aus der Zufahrt zu einem Feldweg an der Hochstraße zu fahren. Als die alarmierte Polizei kamen, soll der 23-Jährige die Beamten - so wie auch in anderen Fällen - übel beleidigt und bedroht haben. Er kündigte ihnen sogar an: "Ich jage die komplette PI Dachau in die Luft."

An einer Stelle des Prozesses am Dienstag sagte der 23-Jährige, der vor seiner einstweiligen Unterbringung in einem Getränkemarkt jobbte: "Ich hasse die Polizei." Sie sei schuld an der Situation, in der er sich befinde. Vor vier Jahren sei er von sechs Beamten der PI Dachau in einer Ausnüchterungszelle zusammengeschlagen worden. Als die Vorsitzende Richterin dem 23-Jährigen vorhielt, dass die blauen Flecken auf seinem Körper damals daher rührten, dass er sich mit äußerster Gewalt gegen eine Blutentnahme gewehrt und zudem einen Beamten verletzt habe, entgegnete er nichts. Auf die Frage der Richterin, was er den Tag über in der einstweiligen Unterbringung im Isar-Amper-Klinikum mache, antwortete der Dachauer: "Warten, dass die Zeit rumgeht, Fernsehen schauen." Der Prozess wird in der kommenden Woche fortgesetzt. Ein Urteil wird für Anfang April erwartet.

© SZ vom 10.03.2021
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