KZ-Gedenkstätte Dachau:Diakonenstelle zunächst gerettet

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Björn Mensing in der KZ Gedenkstätte Dachau, 2018

Björn Mensing, Pfarrer der Versöhnungskirche, freut sich über die Hilfe.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Nachdem die Landeskirche den Posten in der Versöhnungskirche an der KZ-Gedenkstätte Dachau nicht mehr finanzieren will, springen neue Geldgeber ein. Die Arbeit ist ab 2024 für vier Jahre gesichert

Von Helmut Zeller, Dachau

Gerade eben hat der EKD-Ratsvorsitzende, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, in seiner Predigt zum Reformationstag in der Schlosskirche zu Wittenberg den "Wert der Freiheit in unserer Zeit" betont. Die Freiheit, ihrer Arbeit uneingeschränkt nachzugehen, schien für die Versöhnungskirche an der KZ-Gedenkstätte indes bald zu Ende zu sein. Bekanntlich stoppt die bayerische Landeskirche Ende 2023 die Finanzierung der Diakonenstelle an der Kirche - aber nun ist Hilfe zumindest mittelfristig in Sicht.

So fördert die "Stiftung Büro Pfarrer Grüber" von 2024 an die Diakonenstelle, zunächst auf fünf Jahre, mit jährlich 22 000 Euro, wie Pfarrer und Kirchenrat Björn Mensing der SZ bestätigte. Der Vorstandsvorsitzende der Stiftung, Michael Grüber, sagte epd: "Uns ist wichtig, dass der Jugend an dieser Stätte des Grauens deutlich gemacht wird: Das darf nie wieder geschehen." Diakon Frank Schleicher, in dessen Bereich die wichtige Arbeit mit Schulklassen und jugendlichen Straftätern fällt, freut sich über diese Unterstützung, um die Pfarrer Mensing schon vor Monaten nachgefragt hat. Auch die Stiftung der Versöhnungskirche selbst wird helfen: Sie gibt einen Betrag von ungefähr 190 000 Euro. Der Kuratoriumsvorsitzende ist der Münchner Stadtdekan Bernhard Liess, der in dem heftigen Streit über die Sparpläne des Landeskirchenamtes seine Stimme zugunsten der Versöhnungskirche erhoben hatte. KZ-Überlebende, zivilgesellschaftliche Organisationen und etliche Kommunalpolitiker in Dachau hatten vor einem Jahr in Briefen und öffentlichen Stellungnahmen erfolglos versucht, das Landeskirchenamt zu einer weiteren Finanzierung der Diakonenstelle zu bewegen. Die Kritiker verwiesen auf die notwendige und seit Jahrzehnten erfolgreiche Erinnerungsarbeit der Kirche. Sie wurde 1967 von ehemaligen Häftlingen des Konzentrationslagers Dachau gegründet und strahlt Impulse in ganz Europa aus. Die Versöhnungskirche ist europaweit die einzige Kirche auf dem Gelände eines ehemaligen KZ und neben der Schlosskirche in Wittenberg das einzige Gotteshaus im Besitz der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Kirchenrat Mensing ist der landeskirchliche Beauftragte für Gedenkstättenarbeit.

Allen Appellen zum Trotz blieb die Landeskirche jedoch bei ihren Sparplänen; begründet wurde dies unter anderem mit dem Hinweis auf die schlechte finanzielle Situation der Landeskirche, die sich in der Corona-Krise verschärft hat. Die Stiftung der Versöhnungskirche wurde im Jahr 2007 gegründet, weil schon damals drohte, dass die Diakonenstelle in Dachau mittelfristig nur noch zur Hälfte von der Landeskirche finanziert wird. Vor einem Jahr dann mussten Mensing und sein Team erkennen, dass diese Annahme noch optimistisch gewesen war. Oberkirchenrat Michael Martin strich das Geld von Ende 2023 an komplett. Nun stehen noch zwei weitere nennenswerte Geldquellen in Aussicht, wie Pfarrer Mensing sagte. Zusammengenommen könne man auf eine Summe kommen, die die Existenz der Diakonenstelle vier Jahre lang über 2023 hinaus sichert. Man habe damit Luft gewonnen, könne sich jedoch nicht darauf ausruhen. Das Ziel: Die nächsten Jahre müssen noch weitere Förderquellen aufgetan werden, etwa auch Einzelpersonen, die einen Teil ihres Vermögens oder ihres Erbes für die gemeinnützige Arbeit spenden würden. "Alle müssen sich ins Zeug legen."

Das wird auch schon deshalb nötig sein, weil auch die EKD die Förderung ihrer Kirche in Dachau von 2024 bis 2030 erheblich, etwa um ein Drittel, reduzieren wird. "Da tut sich eine zweite Lücke auf", sagt Mensing. Betroffen sind dann etwa der Einsatz der Freiwilligen der Aktion Sühnezeichen sowie die Stelle der Teamassistentin. Im März fasste die Landessynode einen Beschluss, demzufolge die Diakonenstelle sehr wichtig sei, aber eben nicht mehr aus Kirchenmitteln finanziert werden könne. Darauf richten sich die Hoffnungen in Dachau: Dass das Kompetenzzentrum Fundraising der Landeskirche bei der Suche nach Geldgebern und alternativen Finanzierungsmöglichkeiten tatkräftige Unterstützung leistet.

Die Berliner Grüber-Stiftung ist der Versöhnungskirche eng verbunden. Sie ist die Nachfolgeorganisation des "Büro Pfarrer Grüber", mit dem Grüber von 1938 bis 1940 mehr als 1000 Christen jüdischer Herkunft zur Flucht verholfen hatte. Ende 1940 wurde Grüber ins KZ Sachsenhausen und dann nach Dachau verschleppt, wo er bis 1943 gefangen war und schrecklich misshandelt wurde. Nach 1945 setzte er sich für die Überlebenden des Naziregimes ein. Heinrich Grüber nahm 1967 an der Einweihung der Kirche in Dachau teil: Sie lag ihm immer am Herzen.

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