KZ-Gedenkstätte Lücken in der Erinnerung

Das Comité International de Dachau und die Gedenkstätte werben bei ausländischen Diplomaten für engere Kooperation bei der Gedenkarbeit. Zur Veranstaltung kommen aber weniger Konsuln als erwartet.

Von Helmut Zeller, Dachau

Fast 20 Konsuln wurden eingeladen, neun haben zugesagt, fünf sitzen jetzt in der ersten Reihe des neuen Sitzungssaals im Dachauer Rathaus. Das sind nicht gerade viele. "Das ist schade", sagt Sonja Holtz vom Comité International de Dachau (CID). Auch Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD), der dem CID am Freitagnachmittag das Rathaus zur Verfügung gestellt hat, ist überrascht. Das ist auch kein angemessener Umgang mit dem Häftlingsverband, der für die KZ-Gedenkstätte gekämpft hat und die Idee eines geeinten Europas hochhält. Nur die Konsulate von Frankreich, Österreich, der Republik Belarus, Ungarn und Polen haben Vertreter nach Dachau entsandt. Dass die Veranstaltung, auf der sich Dachau-Komitee und KZ-Gedenkstätte präsentieren wollen, dann doch kein Misserfolg wird, liegt vor allem an einem: Gedenkstättenarchivar Albert Knoll, der an diesem Abend mit dem André-Delpech-Preis ausgezeichnet wird und den anwesenden Konsuln deutlich macht, warum die Erinnerung so wichtig für Europa ist.

Gerade deshalb hat CID-Präsident Jean-Michel Thomas in seiner Begrüßungsrede für eine intensivere Zusammenarbeit geworben. Mehr als die alljährliche Beteiligung der Botschaften und Auslandsvertretungen an der Gedenkfeier zur Befreiung des Konzentrationslagers am 29. April 1945 muss es schon sein. "Wir sind hier durch den Willen der Überlebenden", hat CID-Präsident Thomas, Sohn eines Dachau-Häftlings, einmal erklärt. Vor einem knappen Jahr löste der Franzose Pieter Dietz de Loos ab, der zurückgetreten war. Für die Überlebenden Jean Samuel (Paris), Abba Naor (Rechovot) und Vladimir Feierabend (Prag) sind Demokratie in Europa, Menschenrechte, Frieden keine Worthülsen - sie haben erfahren, wie es ist, wenn Hass und Gewalt regieren. Generalsekretär Roger de Taevernier berichtet den Konsuln aus der langen Geschichte des CID, Nachfolger des "International Prisoners Commitee", das kurz vor der Befreiung von Häftlingen im Lager gegründet worden war. Damals wie heute geht es um ein Ziel: Verteidigung der Erinnerung. "Das muss auf internationale Ebene geschehen", appelliert Thomas an die Konsuln.

CID-Präsident Jean-Michel Thomas (rechts) wünscht sich eine stärkere Beteiligung der Botschaften und Auslandsvertretungen.

(Foto: Toni Heigl)

Der österreichische Vizekonsul Jürgen Hoschek wird das gerne nach Wien weitergeben. Mehr kann er, wie er sagt, jetzt nicht sagen. Konsulin Krisztina Nemeth verweist auf die ungarischen Gedenkfeiern in Dachau. Minister Zoltan Balog enthüllte im Juni 2015 eine Gedenktafel für die 5500 ungarischen Juden, die in Außenlagern ermordet wurden. Aber das Dachau-Komitee will mehr als Gedenkrituale: Die Konsuln sollen in ihren Ländern für einen Besuch der Gedenkstätte werben, die jährlich von mehr als 800 000 Menschen besichtigt wird. Schaden würde es nicht, da doch die Regierung unter Viktor Orbán die Beteiligung Ungarns am Judenmord vergessen machen will. Die jüdischen Gemeinden befürchten einen Sieg der antisemitischen Jobbik-Partei bei den nächsten Wahlen, die schon mal ein Referendum über den Austritt Ungarns aus der EU angekündigt hat. Belarus dagegen will rein. Bei Aleksei Novik findet das CID nicht nur deshalb Interesse. Der Konsul der Republik Belarus kann natürlich keine Zusagen machen, aber man muss wissen, dass er aus einem Land stammt, in dem die Erinnerung an die Gräuel der Deutschen gegenwärtig ist. Jeder vierte Weißrusse verlor im Zweiten Weltkrieg sein Leben. Einsatzkommandos brannten Hunderte von Dörfern mitsamt ihrer Bewohner nieder. Zwischen 1941 und 1945 ermordeten die deutschen Besatzer ungefähr 700 000 Juden, das Ghetto in Minsk war eines der größten in Europa. Das autokratisch regierte Land tut sich nicht einfach mit der Erinnerung an die jüdischen Opfer - immerhin hat Präsident Alexander Lukaschenko im Juni 2014 zusammen mit Roland Lauder, dem Präsidenten des Jüdischen Weltkongresses, den Grundstein für einen Gedenkort Maly Trostinez bei Minsk gelegt, wo 60 000 Juden erschossen wurden.

In einem ausführlichen Vortrag stellen Nina Ritz, Leiterin des Jugendgästehauses, und Waltraud Burger, Leiterin der Bildungsabteilung der Gedenkstätte, den Konsuln gedenkpädagogisches Arbeiten vor. Ein konkretes Projekt hat Oberbürgermeister Hartmann gleich zur Begrüßung angesprochen: die Erhaltung des maroden "Kräutergartens", der ehemaligen SS-Plantage, auf der Häftlinge zu Tode geschunden wurden. "Es liegt an allen", sagt Hartmann. Auch an den Konsuln, von denen aber eben viele nicht gekommen sind. Gedenkstättenleiterin Gabriele Hammermann wirbt für "eine Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen der Gedenkstätte und den konsularischen Vertretungen". Einen langen Atem, sagt sie, braucht man, um aus dem Kräutergarten-Areal einen Erinnerungsort zu machen. "Wir wären sehr dankbar, wenn Sie uns bei der Realisierung unterstützen könnten." Ein Seminar- und Fortbildungshaus, so Hammermann, solle entstehen. Gastwissenschaftler könnte dort untergebracht werden. Workshops, kombiniert mit Rundgängen durch die Gedenkstätte, könnten organisiert werden. Wie immer fehlt es jedoch am Geld, oder anders ausgedrückt, Freistaat Bayern und Bund geben es lieber für etwas anderes aus. Sonja Holtz will mit Hilfe der Konsuln mehr Schülerreisen aus dem Ausland nach Dachau organisieren. "Vielleicht können Sie da etwas machen?"

Ein Projekt hat Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD) angesprochen: die Erhaltung des maroden "Kräutergartens", der ehemaligen SS-Plantage.

(Foto: Toni Heigl)

In Marcin Król, dem polnischen Konsul, hat das CID offenbar an diesem Freitagabend einen Verbündeten. Die Polen bildeten die größte nationale Häftlingsgruppe im KZ Dachau, mehr als 40 000 Menschen von den insgesamt 206 000 Häftlingen zwischen 1933 und 1945. Król spricht von dem "gemeinsamen Interesse" an der Erhaltung des Kräutergartens. Sein Konsulat steht schon länger in Gesprächen mit der Gedenkstätte und der Landesstiftung. Der Konsul wünscht sich, dass an der KZ-Gedenkstätte Aufschriften in polnischer Sprache am internationalen Mahnmal angebracht werden. Genau das beschloss das CID bei seiner Versammlung am Samstag.

Viele Überlebende sind nicht mehr im CID, die Zeitzeugen gehen, und was hat der Häftlingsverband der Jugend heute noch zu sagen? Eine Teilnehmerin fragt, ob das Dachau-Komitee nicht am Sterben sei. So sieht es nicht aus an diesem Abend. Wenn doch, dann aber stirbt mit dem Dachau-Komitee ein Teil der großartigen europäischen Idee.