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Nach Diebstahl der KZ-Tür:Streit um eine Lücke

KZ-Tür mit Aufschrift ´Arbeit macht frei" gestohlen

Das Tor in der KZ-Gedenkstätte Dachau - vor und nach dem Diebstahl der Tür.

(Foto: dpa)
  • Die Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau hat sich gegen eine Kopie der gestohlenen Tür mit der zynischen Aufschrift "Arbeit macht frei" ausgesprochen.
  • Gabriele Hammermann steht damit im Widerspruch zum Stiftungsrat, sie will die Lücke erhalten.
  • Auch der Historiker Wolfgang Benz pädiert dafür, alle Rekonstruktionen, Inszenierungen und architektonische Überformungen vermieden werden, um die Authentizität des Gedenkorts zu erhalten.
  • Trotzdem soll die Tür bis zum 3. Mai, dem Tag der zentralen Gedenkfeier zum 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers am 29. April 1945, ersetzt werden.

Leiterin von KZ-Gedenkstätte Dachau gegen neue Tür

Die geplante Rekonstruktion der gestohlenen KZ-Tür in Dachau wird zum Streitfall: Die Gedenkstättenleiterin Gabriele Hammermann und der Historiker Wolfgang Benz, Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats der Gedenkstättenstiftung, lehnen eine Kopie entschieden ab.

Damit stellen sie sich gegen einen Beschluss des Stiftungsrates unter Vorsitz von Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU), der die originale Eisentür mit der zynischen Aufschrift "Arbeit macht frei" (eine Kopie aus dem Jahr 1972) ersetzen lassen will. Auch KZ-Überlebende und Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München, sprechen sich für eine Kopie aus.

Wie die Gegner argumentieren

Der Historiker Wolfgang Benz wurde von dem Beschluss überrascht: "Wenn man sich schon die Mühe macht, einen wissenschaftlichen Beirat einzurichten, sollte er in solchen wichtigen Fragen auch gehört werden", sagte der ehemalige Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin im Gespräch mit der SZ. Er und Hammermann stützen sich auf die Empfehlungen des Beirats von vor 20 Jahren. Demnach sollen alle Rekonstruktionen, Inszenierungen und architektonische Überformungen vermieden werden, um die Authentizität des Gedenkorts zu erhalten. Benz erklärt dazu: "Was kaputt, verfallen oder verschwunden ist, soll nicht im Maßstab 1:1 nachgebildet werden."

Hammermann hatte als einzige im Stiftungsrat gegen eine Replik gesprochen, denn sie befürchtet auch, dass die Entscheidung des Stiftungsrats wegweisend für den künftigen Umgang mit der originalen Bausubstanz in der Gedenkstätte sein könnte. Sie fordert ein Votum des wissenschaftlichen Beirats, den Benz einberufen lassen will.

Zentrale Gedenkfeier am 3. Mai

Die Historiker könnten gerne tagen, sagte Stiftungsdirektor Karl Freller, aber der Beschluss stehe unverrückbar fest. Die Gedenkstättenleiterin ist demnach beauftragt, zusammen mit dem Landesamt für Denkmalpflege eine geeignete Firma zu finden, die in der Lage ist, die Tür möglichst rasch, bis zum 3. Mai, zu ersetzen.

An diesem Tag findet die zentrale Gedenkfeier zum 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers am 29. April 1945 durch amerikanische Soldaten statt. Die Welt schaut an diesem Tag auf Dachau: Bundeskanzlerin Angela Merkel hat ihre Teilnahme zugesagt und wird eine Rede halten. Mehr als einhundert ehemalige Häftlinge sowie andere Gäste aus den USA, Israel und europäischen Ländern werden erwartet. "Wir werden den Dieben nicht den Triumph gönnen, dass im Tor des historischen Jourhauses eine Lücke klafft", sagte Freller.

Was die Befürworter sagen

Der Diebstahl der KZ-Tür in der Nacht auf 2. November 2014 hatte weltweit Empörung ausgelöst. Die Tat wurde als ein politisch motivierter Angriff auf die Erinnerung an den Holocaust scharf verurteilt. Täter und Tür sind seitdem spurlos verschwunden. Es geht Freller, wie er sagte, um die Symbolkraft der Aufschrift für das Leid von mehr als 200 000 Häftlingen in Dachau.

So sieht das auch Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinden München und Oberbayern. "Die Sache muss in Ordnung gebracht werden", sagte sie der SZ. Die Aufschrift sei das zentrale Symbol des KZ-Terrors und müsse für die Besucher sichtbar sein. "Das ist mir ungeheuer wichtig", sagte Freller. Eine Gedenkstätte sei keine reine Dokumentationsstätte, sondern ein Ort, der zum Nachdenken anregen müsse.

Gespaltene Meinungen zur neuen Tür

Der Stiftungsdirektor hat in dem Streit breite Unterstützung: Holocaust-Überlebende wie Uri Chanoch und Abba Naor, Vertreter Israels im Stiftungsrat, die Vertreter der Kirchen und Pieter Dietz de Loos, Präsident des Internationalen Dachau-Komitees fordern einen Ersatz.

Auch die Historiker sind sich nicht ganz einig. Jörg Skriebeleit, Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg und Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der deutschen KZ-Gedenkstätten, vertritt natürlich auch den Grundsatz größtmöglicher Authentizität von Gedenkorten. Aber man habe eine besondere Situation und müsse mit dem Verlust offensiv umgehen. Der Historiker befürwortet eine Rekonstruktion als Übergangslösung. Außerdem wollen er und Freller die Besucher auf einer Tafel am Jourhaus über den Diebstahl aufklären.

Das will auch Hammermann - aber die erklärende Tafel soll neben der Lücke im Tor stehen. Man mache es sich zu einfach, wenn man die Lücke jetzt einfach schließe, sagte sie. Skriebeleit plädiert hingegen: "Man sollte die Dinge nicht zu Dogmen erheben."

© SZ.de/infu
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