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KZ-Gedenkstätte Dachau:Ungewohnte Stille

Das Kloster Karmel Heilig Blut ist nicht nur in Krisenzeiten ein Ort der Ruhe. Trotzdem spüren auch die Ordensschwestern, dass derzeit etwas anders ist. Die Gläubigen schließen sie an Ostern in ihre Gebete ein

Von Julia Putzger, Dachau

"Ganz still ist es geworden", sagt Priorin Schwester Irmengard. Schon seit Wochen kommt kein einziger Besucher vom Gelände der KZ-Gedenkstätte zum Beten in die Kirche des Klosters Karmel Heilig Blut. Das Tor im Wachturm ist ebenso wie die Gedenkstätte auf Grund der Corona-Krise geschlossen. Nur von Osten her, vom Tor an der Alten Römerstraße, finden ein paar vereinzelte Besucher ihren Weg zu den Karmelitinnen, die Kirche auf dem Gelände ist tagsüber geöffnet. Selbst für einen Orden, dessen Gemeinschaft durch eine "Atmosphäre der Stille und des Schweigens" geprägt ist, ist diese neue Stille ungewöhnlich.

Auf den ersten Blick hat sich in den vergangenen Wochen im Leben der Schwestern kaum etwas verändert: Die Stundengebete, die Meditation, die Arbeit in Werkstätten, Haus und Garten, die gemeinsame Erholungsstunde am Abend - all das findet in gewohnter Weise statt. "Unser Tagesablauf bleibt gleich", erzählt Schwester Katharina. Anders ist dennoch vieles: Niemand außer den Schwestern besucht die Gottesdienste, die Gästezimmer, die eigentlich gerade jetzt zur Osterzeit alle belegt wären, stehen leer. Die Zettel, die sonst rechts im Eingangsbereich der Kirche bereitliegen, damit Besucher ihre Sorgen aufschreiben können und anschließend durch einen schmalen Schlitz einwerfen können, fehlen - in Zeiten des Coronavirus entsprechen sie nicht den Hygienevorschriften. Neben den kleinen Osterkerzen, die man an der Pforte des Klosters erwerben kann, steht eine Flasche Desinfektionsmittel.

Die Gottesdienste finden ohne Besucher statt.

(Foto: Toni Heigl)

Seit 1964 leben die Dachauer Karmelitinnen in unmittelbarer Nähe zum ehemaligen Konzentrationslager. Mit der Klostergründung an diesem Ort des einstigen Grauens wollten sie ein lebendiges Zeichen der Hoffnung setzen. Viele der Besucher der Gedenkstätte - rund 800 000 waren es allein im Jahr 2017 - kommen nach ihrem Rundgang ins Kloster Karmel Heilig Blut, um ihre Eindrücke in der Stille der Kirche zu verarbeiten. Wirklich allein sind die 16 Klosterschwestern, die hier derzeit in Abgeschiedenheit leben, also eigentlich selten.

"Hier sind es Kleinigkeiten", weiß Schwester Katharina, "aber sie machen uns bewusst, dass die Menschen draußen wirklich in einer Krise stecken." Die ungewohnte Stille im Kloster verdeutliche, "dass wir über die Klostermauern hinweg die Menschen mitnehmen müssen in unserem Gebet - das ist unser Auftrag." Durch das Beten wollten sie die Hoffnung hochhalten und den Menschen zeigen, dass es einen Gott gebe, der niemanden vergisst und für alle da sei - auch in Krisenzeiten.

Nur durch das Tor ander Alten Römerstraße gelangen Besucher auf das Gelände.

(Foto: Toni Heigl)

Für die Schwestern ist die Stille - so sehr sie auch in den Regeln des Karmeliterordens verankert ist - ungewohnt: "Sonst haben wir viel mehr Kontakt zu den Menschen und feiern zum Beispiel gemeinsam den Gottesdienst", sagt Schwester Katharina. Nun ist die Klosterkirche zwar tagsüber für Besucher geöffnet, doch für die Messfeier bleiben die Schwestern unter sich. Das schwere Eisengitter, das das Oratorium vom öffentlich zugänglichen Kirchenraum abtrennt und das sonst zum gemeinsamen Gottesdienst geöffnet wird, bleibt geschlossen. Beim Gebet rücken selbst die Klosterschwestern weiter auseinander, um Abstand zu halten. "Unsere regelmäßigen Gottesdienstbesucher leiden darunter, aber ich kann versichern: Wir nehmen euch täglich mit ins Gebet", schildert Priorin Schwester Irmengard. Andererseits würden sich auch viele um das Wohlergehen der Dachauer Klosterschwestern sorgen und in Anrufen und E-Mails fragen, wie es ihnen gehe, ob sie gesund seien oder Hilfe bräuchten. "Die Solidarität unter den Menschen ist groß", sagt die Priorin.

Eine der 16 Karmeliterschwestern, die normalerweise im Dachauer Kloster leben, befindet sich derzeit in der Kurzzeitpflege in München. Vor zwei Wochen habe sie sich einer Operation unterzogen und es gehe ihr gut, wie Schwester Irmengard versichert. Aber: "Es ist für sie nicht einfach zu ertragen, dass wir sie nicht besuchen können. Auch wir wären gerne bei ihr", sagt sie. Die Schwestern, die in Dachau im Kloster verweilen, sind alle gesund. Einmal pro Woche verlässt eine von ihnen die schützenden Mauern des Klosters um einkaufen zu gehen. Auch Masken liegen im Kloster bereit, Schwester Hedwig hat sie für die Dachauer Karmelschwestern und die Franziskanerinnen in Schönbrunn selbst genäht.

Auffällig still ist es dieser Tage im Kloster Karmel Heilig Blut.

(Foto: Toni Heigl)

"Wir erfahren jetzt noch intensiver, was das Leben in Klausur heißt", erzählt Schwester Katharina. "Trotzdem erleben wir das weniger dramatisch als zum Beispiel jemand in einer Eineinhalbzimmerwohnung." Ihre Sorgen seien vor allem bei jenen, die derzeit einsam seien oder sich nicht von ihren Liebsten verabschieden können - "unfassbar" nennt Priorin Schwester Irmengard diese Situation. Und obwohl es derzeit zwar keine Zettel gibt, auf die Kirchenbesucher ihre Anliegen schreiben können, erfahren die Klosterschwestern die Sorgen der Bürger - telefonisch oder über ihre Website, wo man eine digitale Nachricht für das Fürbittgebet senden kann.

"Die Sorgen der Menschen sind jetzt existenzieller: Vorher ging es um Streitigkeiten mit den Nachbarn oder Schulsorgen. Jetzt erreichen uns zum Beispiel Nachrichten von Großeltern, die darunter leiden, dass sie ihre Enkel nicht sehen können oder ihren Kindern nicht helfen können", erzählt Schwester Katharina. Auch die Frage, ob die Krise überhaupt zu bewältigen sei, stellten sich manche.

Früher, sagt Schwester Katharina, hätte sie sich selbst nie vorstellen können, in solch einer Situation in Gott zu vertrauen - als "Spätzünder", wie sie sagt, ist sie erst 2006 ins Dachauer Karmelkloster gekommen. Nun werde für sie noch deutlicher, dass "wir Menschen nicht alles in der Hand haben, sondern wir brauchen jemand Größeren." Dass viele in der derzeitigen Not an Gott zweifeln, könne sie nachvollziehen, Schwester Katharina sagt aber: "Gott lässt das nicht zu um uns bestrafen, sondern um uns eine Chance für einen Neuanfang zu geben." Denn die Fastenzeit und die Karwoche stehen im christlichen Glauben für Umkehr - das gebe dem ganzen nochmals eine andere Dimension. "Die jahrhundertealten Gebete mit Fragen nach dem Heil der Welt, die wir jetzt jeden Tag hören, werden auf einmal sehr aktuell", erzählt die Schwester.

Fürbitten dürfen nicht in den Briefkasten geworfen werden.

(Foto: Toni Heigl)

Obwohl auch die Feierlichkeiten in der Karwoche und an Ostern heuer ohne Gäste stattfinden müssen, fällt Ostern selbstverständlich nicht aus, versichert Schwester Katharina. Schon am Palmsonntag fanden die Karmelitinnen einen Weg, um mit der ungewohnten Situation umzugehen: Die Prozession musste ausfallen, die Menschen konnten ihre Palmbuschen aber vor dem Gottesdienst in die Kirche bringen und nach der Segnung wurden sie zum Abholen vor die Tür gestellt. Auch andere Rituale werden "auf das Allerwesentlichste reduziert", erklärt die Karmelitin. "Es ist schon schwer für die Menschen, Ostern ist ja überhaupt das höchste Fest für uns", sagt Schwester Irmengard, "aber heute gibt es ja zum Glück auch viele Möglichkeiten, digital am Kirchenleben teilzunehmen." Die Osterkerze in der Kirche werde aber auf jeden Fall wie gewohnt brennen, versichert Schwester Katharina und ergänzt: "Wir feiern für alle, die es heuer nicht können und nehmen sie mit."

© SZ vom 11.04.2020

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