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KZ-Gedenkstätte Dachau:Messe für homosexuelle KZ-Häftlinge

Aufgrund der hohen Inzidenzwerte hatte die Evangelische Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau den Gottesdienst zum Karfreitag nur im kleinsten Kreis der Mitwirkenden vorab gefeiert, aufgezeichnet und das Video am Karfreitag veröffentlicht. So konnten den Gottesdienst nicht nur die 30 Personen, die vor Ort feiern dürften, den Gottesdienst verfolgen, sondern bislang an ihren Bildschirmen auch mehr als 800 Menschen.

Als Gast war in der coronabedingt geschlossenen KZ-Gedenkstätte nur Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth (Grüne) anwesend. Sie setzt sich seit Jahrzehnten für die Rehabilitierung der vor und nach 1945 verfolgten Homosexuellen. Claudia Roth sagte in ihrer Rede: "Heute erinnern wir in der Evangelischen Versöhnungskirche auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau, an diesem Ort schrecklichster Menschheitsverbrechen, an die verfolgten und ermordeten Opfer des Naziterrors. An die vielen Frauen und Männer, die gedemütigt, gefoltert, getötet wurden, ihres Menschseins beraubt, weil sie Jüdinnen und Juden, weil sie Sinti und Roma, weil sie gläubige Christinnen und Christen, weil sie politisch Verfolgte oder weil sie homosexuell waren."

Roth würdigte die Arbeit der Versöhnungskirche in den letzten Jahrzehnten, insbesondere im Blick auf die Erinnerung an die so lange vergessenen homosexuellen NS-Verfolgten. Sie schloss mit dem Appell: "Gerade in diesen Zeiten, wo Demokratiefeinde und Rechtsstaatsverächter Hass und Hetze verbreiten, wo die Pandemie Nationalismus um sich greift, die mit rechtsextremer Gewalt die dunkelste Fratze des großen Spektrums der Unmenschlichkeiten zeigt, gerade jetzt erneuern wir unser Versprechen, das für immer Bestand haben und das uns immer leiten muss: Nie wieder!"

Im Gottesdienst las Pfarrer Björn Mensing aus den geheimen Tagebuchaufzeichnungen des Theologen und Publizisten Karl Adolf Groß (1892-1955) im KZ Dachau. Karl Adolf Groß war 1931 von der evangelischen Kirche aus dem Dienst als Pfarrer entfernt worden, weil er schwul war. Mensing sprach die Rolle der Kirche bei der Ausgrenzung gleich in seiner Begrüßung an: "Wenn wir heute im Gottesdienst an Karl Adolf Groß und Rio Reiser erinnern, dann ist das in einer evangelischen Kirche alles andere als selbstverständlich, denn die Kirche hat sich über Jahrhunderte ganz wesentlich an der Ausgrenzung, Diskriminierung und Verfolgung von homosexuellen Menschen beteiligt. Und so möchte ich auch für meine evangelische Kirche sagen, wir können nur voller Scham auf diese schuldverstrickte Geschichte schauen."

Die beiden Versionen des Gottesdienstes sind weiterhin auf dem YouTube-Kanal der Versöhnungskirche verfügbar.

© SZ vom 19.04.2021
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