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KZ-Gedenkstätte Dachau:Die Wunde schmerzt nach 50 Jahren noch

Am 13. Februar 1970 verüben Unbekannte einen Brandanschlag auf das jüdische Altenheim in der Münchner Reichenbachstraße. Sieben Holocaust-Überlebende, darunter zwei ehemalige Dachau-Häftlinge, sterben in den Flammen. Die Versöhnungskirche erinnert an die Opfer

Seit 50 Jahren hält das Schweigen an. Der Brandanschlag auf das jüdische Altenheim am 13. Februar 1970 in der Reichenbachstraße in München ist nie aufgeklärt worden. Sieben Frauen und Männer, die den Holocaust überlebt hatten, verbrannten in den Flammen oder erstickten im Rauch. Einer sprang in Todesangst aus einem Fenster im vierten Stockwerk in den Hinterhof und erlitt tödliche Verletzungen. Zwei von ihnen hatten das Konzentrationslager Dachau überlebt. An die Opfer des Terroranschlags in München erinnert die Evangelische Versöhnungskirche an der KZ-Gedenkstätte Dachau in einem Gottesdienst am Sonntag, 16. Februar, um elf Uhr.

Es war ein Freitagabend, wenige Stunden nach Beginn des Schabbats, als ein Täter oder eine Tätergruppe kurz vor 21 Uhr in das Gemeindezentrum der Israelitischen Kultusgemeinde in der Reichenbachstraße eindrang. Das Feuer wurde im Treppenhaus des Vordergebäudes gelegt, in den oberen Stockwerken befanden sich Wohnungen für Senioren und Studenten. Die Synagoge im Rückgebäude blieb unversehrt. Sieben Holocaust-Überlebende starben: Regina Becher, Max Blum, Rosa Drucker, Leopold Gimpel, David Jakubowicz, Siegfried Offenbacher und Georg Pfau. Einige hatten nationalsozialistische Konzentrationslager überlebt.

Das Jüdische Mahnmal an der KZ-Gedenkstätte.

(Foto: Toni Heigl)

Maximilian Tauchner, damals Präsident der Jüdischen Gemeinde, sagte: "Was in den Gaskammern nicht vollbracht werden konnte, ist im Altersheim 25 Jahre später zu Ende geführt worden. Warum dieser Hass, diese Verblendung? Was haben diese Menschen verschuldet?" Nichts. Sie starben, weil sie Juden waren, wie die sechs Millionen, die ein Vierteljahrhundert zuvor von den Deutschen in Europa ermordet worden waren. Die Lebensläufe zweier Todesopfer in der Reichenbachstraße hat Kirchenrat Björn Mensing, Beauftragter der Landeskirche für Gedenkstättenarbeit, aufgeschrieben. Der ledige Schneider und Großhandelskaufmann Siegfried Offenbacher wurde am 9. Februar 1899 in Fürth geboren. In der Pogromnacht wurde er in seiner Wohnung verhaftet und am 11. November 1938 ins KZ Dachau verschleppt. Da er einwilligte, Deutschland unter Zurücklassung seines Vermögens sofort zu verlassen, kam er zwei Monate später frei. Er rettete sich nach Palästina. In Tel Aviv versuchte er Fuß zu fassen, doch er hatte ein großes Handicap. Wegen seiner Schwerhörigkeit gelang es ihm nicht, Hebräisch zu lernen.

Offenbacher ging 1953 in seine Heimatstadt Fürth zurück. Die bayerischen Alpen waren nahe, Offenbacher war ein begeisterte Skifahrer und Wanderer. Als Rentner zog er nach München ins jüdische Altenheim. Die Universität mit ihren Bibliotheken hatte es ihm angetan. Als Gasthörer besuchte er regelmäßig Vorlesungen in Psychologie. Für die Studenten der Philosophischen Fakultät wurde der grazile ältere Herr mit den wachen Augen und einem Hörgerät zu einer vertrauten Erscheinung. Als sich die jungen Studenten Mitte der Sechzigerjahre nach der NS-Vergangenheit ihrer Professoren erkundigten und gegen unhinterfragte Autoritäten aufbegehrten, wurde Offenbacher neugierig und mischte sich in zahllose Diskussionen ein. Er wollte zur Versöhnung zwischen Juden und nichtjüdischen Deutschen beitragen, wie der Pfarrer und Historiker Björn Mensing sagt.

Befreiungsfeier

Der Schoah-Überlebende Ernst Grube erinnert an die Opfer des Anschlags von 1970 in München.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Ein weiteres Anschlagsopfer, David Jakubowicz, hat auch das KZ Dachau überlebt. Er wurde im polnischen Tschenstochau geboren. Als Geburtsjahr wird in einer Quelle 1906 angegeben, in anderen 1910. Nach der deutschen Besetzung seiner Heimat musste der Schneider ab 1940 Zwangsarbeit leisten, ab 1942 war er in Zwangsarbeitslagern der HASAG-Rüstungsbetriebe. Im September 1942 begann die Auflösung des Ghettos Tschenstochau, ungefähr 40 000 Menschen wurden ins Vernichtungslager Treblinka gebracht und dort ermordet, darunter wohl auch Davids 1906 geborene Frau Hena und seine Eltern.

Um die Jahreswende 1944/45 wurde Jakubowicz ins KZ Buchenwald verlegt, wo er am 17. Januar 1945 eintraf. Er kam ins Außenlager Laura (Landkreis Saalfeld) und musste in einer unterirdischen Rüstungsfabrik, der "Hölle im Schieferberg", schuften. Am 12./13. April wurde das Lager geräumt. Die Häftlinge wurden auf den Todesmarsch getrieben. Sie trafen am 19. April 1945 im Dachauer Außenlager Allach am Stadtrand von München ein. Zehn Tage später wurde Jakubowicz befreit und kam ins Lager für Displaced Persons in Feldafing und später nach Föhrenwald.

In der Evangelischen Versöhnungskirche an der KZ-Gedenkstätte wird am Sonntag des Terroranschlags im Jahr 1970 auf das jüdische Altenheim gedacht.

(Foto: Toni Heigl)

Von 1959 an lebte er in einer Wohnung im Altenheim. Eigentlich wollte Jakubowicz am 13. Februar 1970 zu seiner Schwester Bala nach Israel fliegen. Die Koffer waren schon gepackt. Die Gemeindesekretärin Ruth Steinführer erinnerte sich, ihn am Nachmittag noch zwischen seinen Gepäckstücken stehen gesehen zu haben. Seine knappe Antwort auf ihre Frage, warum er denn noch da sei: "Du weißt doch, ich bin fromm." Hätte er seine Reise zu diesem Zeitpunkt angetreten, wäre er nicht mehr rechtzeitig vor Beginn des Schabbats in Israel eingetroffen.

Bis heute ist dieses Verbrechen, der schwerste Anschlag auf die jüdische Gemeinschaft in Deutschland nach 1945, nicht aufgeklärt - und fast vergessen, in der nichtjüdischen Stadtgesellschaft Münchens. In der jüdischen Gemeinde wirkte der Schrecken dieses Tages noch viele Jahre nach - "weil wir niemals Klarheit hatten, niemals erfuhren, wer diesen Anschlag begangen hat", erinnert sich Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Die Bundesanwaltschaft hat den Fall 2013 aufgerollt, aber nach vier Jahren ohne Ergebnis aufgegeben. Der Münchner Kabarettist Christian Springer hat nun einen "Aufruf zur Aufklärung" gestartet: "Täter! Mitwisser: Redet: Jetzt! Ruft an!"

Chronologie des Hasses

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs hat es in Deutschland zahllose antisemitische Anschläge und Angriffe auf Juden oder jüdische Einrichtungen gegeben. Sie reichen von Beleidigungen, Körperverletzungen, Schmierereien an Synagogen oder Holocaust-Gedenkstätten, Friedhofsschändungen bis hin zu Bombenanschlägen, Brandanschlägen oder Flugzeugentführungen. In den vergangenen Jahren ist die Zahl der antisemitischen Straftaten stark angestiegen. Allein im Jahr 2018 wurden 1799 antisemitische Taten registriert, davon waren laut Bundeskriminalamt 1603 rechtsextrem motiviert. Die Chronologie umfasst nur einige schwere Angriffe.

24. Dezember 1959: Beginn der "antisemitischen Schmierwelle" mit Hakenkreuz-Schmierereien an der Kölner Synagoge: Mitglieder der rechtsextremen "Deutschen Reichspartei" beschmieren die Synagoge mit "Deutsche fordern Juden raus". Bis Ende Januar 1960 kommt es zu Hunderten von Nachahmungstaten in ganz Deutschland. 9. November 1969: Anschlag auf das Jüdische Gemeindehaus in West-Berlin. Der Bombenanschlag scheitert. Die Täter gehören den linksextremen "Tupamaros" an. 10. Februar 1970: Versuchte Flugzeugentführung am Flughafen München-Riem: Palästinensische Terroristen versuchen ein israelisches Flugzeug zu entführen, scheitern aber. Ein Israeli stirbt, elf Menschen werden verletzt. 13. Februar 1970: Brandanschlag auf ein jüdisches Altersheim in München: Sieben Holocaust-Überlebende sterben. Die Täter werden nie gefunden. 2013 wiederaufgenommene Ermittlungen werden 2017 ergebnislos eingestellt.

5. September 1972: Geiselnahme bei den Olympischen Spielen in München: Palästinensische Terroristen nehmen israelische Sportler als Geiseln. Die Befreiungsaktion der Polizei scheitert. Elf israelische Athleten und ein Polizist sterben. 19. Dezember 1980: Mord am Rabbiner Shlomo Lewin und seiner Lebensgefährtin in Erlangen: Mutmaßlicher Täter ist ein Mitglied der rechten "Wehrsportgruppe Hoffmann". 29. August 1992: Sprengstoffanschlag auf das Deportationsmahnmal Putlitzbrücke in Berlin: Das Mahnmal wird von Rechtsextremen schwer beschädigt. Es wird immer wieder Ziel von Angriffen, unter anderem mehrmals im Jahr 2003.

25. März 1994: Brandanschlag auf die Lübecker Synagoge: Die Täter haben einen rechtsextremen Hintergrund. 7. Mai 1995: Zweiter Brandanschlag auf die Lübecker Synagoge: Täter können nicht ermittelt werden. 20. April 2000: Anschlag auf die Erfurter Synagoge: Zwei Rechtsextreme legen einen Brand, der schnell gelöscht werden kann. 27. Juli 2000: Sprengstoffanschlag in Düsseldorf: Zehn Menschen werden verletzt, ein ungeborenes Kind stirbt. Die Opfer sind mehrheitlich jüdische Migranten. Die Täter können jahrelang nicht ermittelt werden. 2017 wird ein tatverdächtiger Rechtsextremer freigesprochen. 2. Oktober 2000: Jugendliche mit arabischem Hintergrund werfen Molotow-Cocktails auf die Düsseldorfer Synagoge: 7. Oktober 2000: Anschlag auf die Essener Synagoge: Mehrere hundert Palästinenser bewerfen nach einer Demo die Alte Synagoge mit Steinen. 9. November 2003: Versuchter Anschlag auf das Jüdische Zentrum München: Die rechtsextreme Gruppierung "Kameradschaft Süd" plant zur Grundsteinlegung des Jüdischen Zentrums einen Bombenanschlag. Die Polizei vereitelt den Versuch. 17. Mai 2010: Brandanschlag auf die Wormser Synagoge: Die Täter können nicht ermittelt werden. 30. Oktober 2010: Brandanschlag auf die Mainzer Neue Synagoge: Die Täter können nicht ermittelt werden.

28. August 2012: Angriff auf den Rabbiner Daniel Alter in Berlin: Bis heute unbekannte Täter verprügeln den Rabbiner Daniel Alter auf offener Straße und bedrohen seine kleine Tochter. 29. Juli 2014: Drei Palästinenser werfen Brandsätze auf die Wuppertaler Synagoge. 9. Oktober 2019: Ein schwer bewaffneter Antisemit versucht die voll besetzte Synagoge von Halle zu stürmen. Als das misslingt, erschießt er zwei Passanten und verletzt zwei weitere. epd

Die Polizei ermittelte damals in alle Richtungen: bei Nazis, radikalen Palästinensern, deren linken deutschen Unterstützern, im Umfeld der Opfer und Hausbewohner. Den oder die Mörder fand sie aber nicht. Die Tat steht in einer Serie antisemitischer Terroranschläge in Deutschland, die die jüdische Gemeinden seit 1945 erschütterten und viele Todesopfer forderten. Im Jahr davor wurde im Jüdischen Gemeindehaus in West-Berlin eine Bombe gelegt, ausgerechnet eine Trauerfeier zum Gedenken an die Pogromnacht vom 9. November 1938. Der Sprengsatz zündete glücklicherweise nicht. Nur drei Tage vor dem Brand in der Reichenbachstraße war die Entführung einer israelischen Passagiermaschine auf dem Flughafen München Riem durch ein palästinensisches Terrorkommando gescheitert. Für die extremistische deutsche Linke war Israel seit 1967 zum Feindbild geworden - und sie griffen die an, die schon Opfer ihrer Väter und Großväter waren. Der Politologe Wolfgang Kraushaar fand viel später einen Hinweis in den Akten der DDR-Staatssicherheit; demzufolge könnte der Linksextremist Abi Fichter in den Brandanschlag auf das Altenheim verwickelt gewesen sein.

Im Gottesdienst am Sonntag spricht der Holocaust-Überlebende Ernst Grube, Präsident der Lagergemeinschaft Dachau, ein Grußwort. Nach dem Gottesdienst werden die sieben zum Gedenken entzündeten Kerzen zum benachbarten Jüdischen Mahnmal gebracht. Als Ehrengäste nehmen Vertreter der jüdischen Gemeinschaft in München und Nachkommen von Dachau-Häftlingen teil. Zudem kommen Vorstandsmitglieder der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, des Vereins "Chaverim - Freundeskreis zur Unterstützung des Liberalen Judentums in München" und der Deutsch-Polnischen Gesellschaft sowie Dachauer Kreistagsmitglieder. Auch Ludwig Schmidinger, Bischöflicher Beauftragter für KZ-Gedenkstättenarbeit in der Erzdiözese München und Freising, nimmt teil. Pfarrer Mensing freut sich besonders, wie er sagt, über die Mitwirkung von Rabbiner Steven Langnas von der IKG München und Oberbayern, der eine Ansprache in der Jüdischen Gedenkstätte direkt nach dem Gottesdienst in der Versöhnungskirche halten wird. Zugesagt hat auch der Münchner Kulturreferent Anton Biebl.

© SZ vom 12.02.2020
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