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KZ-Gedenkstätte Dachau:Der letzte Zeuge

Novak

Vasilij Novak an einem Gleisrest in Dachau, der zum KZ führte.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Wassily Nowak überlebte den Todeszug. Nun ist der geborene Ukrainer verstorben - und mit ihm wohl einer der Letzten, der von dieser Mörderfahrt berichten konnte

Als die Süddeutsche Zeitung vor fünf Jahren mit Wassily Nowak über seine Erlebnisse als Häftling in deutschen Konzentrationslagern sprechen wollte, zögerte der damals 90-Jährige. "Ich habe schon so viele Interviews gegeben", sagte er. Nowak wollte schweigen - und sprach unter Tränen dann doch. Darüber, wie er gegen Kriegsende von KZ zu KZ verfrachtet wurde und wie er eines der entsetzlichsten Verbrechen der Nazis miterleben musste: den "Todeszug von Buchenwald". Nun ist Nowak tot und mit ihm ist der wohl letzte bekannte Zeuge dieser Mörderfahrt gestorben. Er habe die Menschen durch sein Schweigen schützen wollen, sagt die Historikerin Irina Grinkevich, die Nowak im Rahmen des Erinnerungsprojektes in Dachau fast zehn Jahre lang begleitet hat. Doch es habe Momente gegeben, in denen er einfach nicht mehr schweigen konnte. "Momente, in denen er reden musste." Damit seine Geschichte nicht verblasst.

Die Nazis verschleppen den 1924 geborenen Ukrainer nach ihrem Überfall auf die Sowjetunion 1942 als Zwangsarbeiter nach Deutschland und setzen ihn im Eisenbahnbau ein. Der Jugendliche wehrt sich, versucht zweimal zu entkommen, doch die Flucht gelingt ihm nicht. Die Nazis stecken ihn 1944 ins KZ Groß-Rosen im heutigen Polen, später kommt er in ein Außenlager von Mauthausen und ins KZ Buchenwald in Thüringen. Weil die Nazis ihre Gräueltaten vor den heranrückenden Alliierten vertuschen wollen, pfercht die SS am 7. April Tausende KZ-Häftlinge in einen Güterzug. Ursprünglich sollten die Gefangenen in das KZ Flossenbürg gebracht werden, doch weil das oberpfälzische Lager kurz nach der Abfahrt von US-Soldaten befreit wird, steuert der Zug nun Dachau an. Der Transport findet unter unmenschlichen Bedingungen statt und geht als "Todeszug aus Buchenwald" in die Geschichte ein. Die Fahrt dauert mit Zwischenstopps 21 Tage, unterwegs sterben Tausende an Entkräftung, Hunger und Typhus. "Wir haben nur ein Brot bekommen für vier Leute. Wir haben alles sofort aufgegessen", erinnert sich Nowak 2015. Im niederbayerischen Nammering verübt die SS ein Massaker an den Gefangenen, Historikern zufolge sterben dabei 800 Menschen. Der Zug wird auch von Alliierten bombardiert, die ihn fälschlicherweise für einen Militärtransport halten.

Von etwa 4500 Häftlingen kommen laut Schätzungen nur etwa 800 in der Nacht vom 27. auf den 28. April lebend in Dachau an. "Die Waggons waren voller Leichen", berichtete Nowak, "dazwischen lagen die, die noch lebten." Am 29. April entdecken die Soldaten den Todeszug vor dem KZ-Tor. Ihnen bietet sich ein Bild des Schreckens: Berge voll nackter Leichen, viele Tote haben Schusslöcher im Hinterkopf. Hier und da atmet noch ein ausgemergelter Gefangener. Als die Amerikaner kommen, liegt Wassily Nowak im Gras, er ist kaum noch bei Bewusstsein. Er hat sich auf der Fahrt mit Typhus infiziert und hat hohes Fieber.

Nach der Befreiung wird er noch wochenlang von den Amerikanern in Dachau behandelt. "Sie haben mich mit dem Löffelchen gefüttert, so schwach war ich." Nach seiner Rückkehr in die Sowjetunion wird Nowak mit zwei Jahren Minenarbeit bestraft, dafür, dass er im Krieg für die Deutschen gearbeitet hat. Weil ihm als vermeintlichen "Verräter" das Studieren verboten wird, geht er später zur Eisenbahn und wird Lokomotivführer.

Nach Dachau kommt er immer wieder zurück, um an die Taten der Nationalsozialisten zu erinnern, die große Teile seiner Jugend gestohlen haben. Wegbegleiter beschreiben ihn als lebensfrohen, dankbaren und emotionalen Menschen. Irina Grinkevich, die ihm bei seinen Besuchen in Deutschland als Übersetzerin zur Seite stand, sagt: "Er war unglaublich gutmütig, er hat jeden in den Arm genommen." Der 95-Jährige habe keine Angst davor gehabt, Gefühle zuzulassen und oft geweint. Zugleich sei er ein humorvoller und zugänglicher Mensch gewesen.

Die Rückkehr nach Dachau habe er als Besuch bei Freunden empfunden, berichtet Andrea Heller vom Förderverein für Internationale Jugendbegegnung in Dachau. Die Erinnerung an das, was hier vor mehr als 75 Jahren geschehen ist, sei ihm wichtig gewesen. Ebenso habe er auch die freundschaftliche Begegnung in Dachau genossen. Sein Tod ist ein großer Verlust - für die Erinnerungsarbeit und für seine Begleiter. "Jeder von uns verbindet eine eigene Geschichte mit ihm", sagt Heller. Sie erinnert sich daran, wie dankbar ihr Nowak einmal war, als sie ihm einen Besuch im KZ Mauthausen ermöglichte, in dem er viele seiner Kameraden verloren hatte. "Dabei sind es doch wir, die dankbar sein müssen."

Sein letzter Besuch in Dachau liegt vier Jahre zurück, in diesem Jahr wollte er noch einmal zum Befreiungstag zurückkehren. Dazu kam es nicht mehr. Am Mittwoch ist Wassily Maximowitsch Nowak im Alter von 95 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls gestorben, wie der Förderverein mitteilt.

© SZ vom 11.05.2020

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