KZ-Gedenkstätte Dachau:Aus der Perspektive der Häftlinge

Der neue Besucherfilm ist der Beginn der geplanten Neukonzeption der KZ-Gedenkstätte Dachau. Bei der Premiere wird der Film im Freien gezeigt und findet beim Publikum viel Anerkennung

Von Julia Putzger, Dachau

Die Abendsonne steht noch hoch über den Bäumen im Westen und taucht das Gelände der Dachauer KZ-Gedenkstätte in angenehm weiches Licht. Wer auf einem der rund 200 Stühle sitzt, die säuberlich im Mindestabstand im hinteren Teil der Lagerstraße aufgestellt sind, blickt nicht auf das Wirtschaftsgebäude und das Internationale Mahnmal, sondern auf eine schwarz-weiß gefärbte Luftaufnahme der Stadt Dachau auf einer großen Leinwand. Die Pappeln der Allee werfen ihre dunklen Schatten darauf.

"Das Konzentrationslager Dachau" steht in großen weißen Buchstaben auf der Projektionsfläche, es ist der Titel des neuen Besucherfilms der Gedenkstätte. Er löst den Film ab, der über 50 Jahre lang tagtäglich Hunderten von Besuchern im Vorführraum gezeigt wurde, ihnen einen prägnanten Einblick in die Geschichte des Ortes geben sollte und doch im Laufe der Zeit selbst zum historischen Dokument wurde. Nun haben die drei Filmschaffenden Maya Schweizer, Benjamin Meyer-Krahmer und Clemens von Wedenmeyer sich gemeinsam mit einem Team von der Gedenkstätte und dem Internationalen Lagerkomitee (CID) der komplexen Aufgabe gewidmet, einen neuen Film zu produzieren. Fast drei Jahre haben sie daran gearbeitet.

"Wie können wir uns ein Bild davon machen, was im Konzentrationslager Dachau geschehen ist?" lautet die zentrale Frage, die sich wie ein roter Faden durch die 38 Filmminuten zieht. Denn anders als sein Vorgänger zeigt der neue Film Videomaterial, Fotos und Objekte nicht einfach nur so, sondern versucht, sie quellenkritisch einzuordnen. Bilder, die zu Propagandazwecken von Ordnung und Drill im Lager zeugen sollten und im Auftrag des Regimes angefertigt wurden, werden nicht nur eingeblendet, sondern beim Durchblättern in ihrer Originalquelle, dem Wochenmagazin "Illustrierter Beobachter", gezeigt. Um die wachsende räumliche Ausdehnung des Lagers darzustellen, werden handgezeichnete Pläne übereinander geschoben. Eine Blechschüssel, in deren Boden ein kleines Schachbrett eingeritzt ist, platziert eine weiß behandschuhte Hand vorsichtig im Bild.

KZ-Gedenkstätte Dachau: 200 Besucher schauen auf einer Leinwand, die im hinteren Teil der Lagerstraße aufgebaut ist, zum ersten Mal den neuen Besucherfilm "Das Konzentrationslager Dachau". Fast drei Jahre haben die drei Filmschaffenden Maya Schweizer, Benjamin Meyer-Krahmer und Clemens von Wedenmeyer daran gearbeitet.

200 Besucher schauen auf einer Leinwand, die im hinteren Teil der Lagerstraße aufgebaut ist, zum ersten Mal den neuen Besucherfilm "Das Konzentrationslager Dachau". Fast drei Jahre haben die drei Filmschaffenden Maya Schweizer, Benjamin Meyer-Krahmer und Clemens von Wedenmeyer daran gearbeitet.

(Foto: Toni Heigl)

Szenen wie diese zeigen die Materialität der Quellen, zeigen, woher wir heute wissen können, was damals geschah. Gleichzeitig stellt das bewusste Darstellen der Gegenstände, Zeichnungen, Listen und Dokumente eine neue Nähe zum Besucher her: "In der Ausstellung gibt es diese Nähe nicht, weil die Objekte hinter Glas in Vitrinen liegen oder überhaupt im Archiv schlummern", erklärt Clemens von Wedenmeyer bei der an die Filmpremiere anschließenden Podiumsdiskussion.

Emotional überwältigen soll der Film aber nicht. Bewusst hat das Team auf Hintergrundmusik verzichtet, bis auf den Originalton jeder Szene ist nur die Stimme der Sprecherin Constanze Becker zu hören. Auch mit den schockierenden Bildern von Leichenbergen, die die amerikanischen Truppen bei der Befreiung des Lagers dokumentierten, geht der Film eher sparsam um. Gezeigt werden sie dennoch - vor allem zu Beginn, da der Film versucht, sich an der Chronologie des zur Verfügung stehenden Materials zu orientieren - jedoch stets im Versuch, keine anonymisierten Körper, sondern die Reaktion der Soldaten und der Dachauer Bürger darauf zu zeigen. "Es ist ein schmaler Grat zwischen dem, den Schrecken zeigen zu müssen und den Schrecken nicht zeigen zu dürfen. Wir brauchen einen sensiblen Umgang mit dem Thema, bei dem die Brutalität nicht verschwiegen wird, aber auch die Würde der Toten nicht geraubt wird. Das ist im Film sehr einfühlsam gelungen", fasst Landtagsvizepräsident Karl Freller (CSU), Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, in seiner Begrüßung zusammen.

Ausschnitte aus 15 von über 300 archivierten Zeitzeugeninterviews aus fünf Jahrzehnten rahmen die verschiedenen Themenbereiche im Film ein. Sie leiten den Betrachter durch das Gezeigte, ohne ihn zu sehr zu vereinnahmen, mit Grausamkeiten zu überhäufen. "Wir wollten weder zu emotionale Zeitzeugenberichte noch zu erklärerische", sagt Maya Schweizer am Podium. Stattdessen habe man immer wieder versucht, Ruhe zu schaffen, um Sätze nachklingen zu lassen. Letztlich verleiht all dies dem Film auch eine gewisse Nachdenklichkeit, die Raum gibt für eigene Gedanken und Fragen.

KZ-Gedenkstätte Dachau: Gabriele Hammermann ist die Leiterin der KZ-Gedenkstätte.

Gabriele Hammermann ist die Leiterin der KZ-Gedenkstätte.

(Foto: Toni Heigl)

Neben dem Umgang mit Quellen und der Historie des Lagers stehe besonders die "erfahrungsgeschichtliche Perspektive der Akteure" im Mittelpunkt des Films, wie es Gedenkstättenleiterin Gabriele Hammermann formuliert. So sollen eben nicht nur Propagandamaterial der Nazis und Aufnahmen der Amerikaner von der Lagerbefreiung über das Leben im Lager berichten, sondern auch die Darstellungen der Häftlinge Eingang finden. Eine schwierige Aufgabe, denn solche sind rar, da die Dokumentation der Zustände im Lager unter Todesstrafe verboten war. Dennoch schafften es einige wenige, heimlich Skizzen anzufertigen, sogar eine Kamera wurde ins Dachauer Lager und wieder hinaus geschmuggelt. In Kombination mit der Präsentation von Ausstellungsobjekten gelingt ein Einblick in den Häftlingsalltag. Gleichzeitig wird klar, wie lückenhaft die Überlieferung ist, wie sehr das Bild von Konzentrationslagern bisher von der Außensicht geprägt ist.

Der Film endet mit einem Standbild der Lagerstraße, eine kleine Schülergruppe geht unter den Pappeln in Richtung des Internationalen Mahnmals. Während der letzte Satz - "als sie deportiert wurde, war sie 13 Jahre alt" - über Zeitzeugin Livia Bitton-Jackson in den Köpfen der Anwesenden nachhallt, sie mit nachdenklichen Blicken und ratlosen Gesichtern zurücklässt, bleibt es bis auf das ferne Rattern des Stromaggregats still auf dem Gelände. Fast zur gleichen Zeit versinkt die rote Sonne langsam hinter den Bäumen, genau dort, wo sich auch das ehemalige Krematorium befindet.

"Eine fast unlösliche Aufgabe" sei es, in 38 Minuten ein kompaktes Bild vom Konzentrationslager Dachau zu liefern, stellt Rom Steensma, Generalsekretär des CID, vor der Filmpremiere fest. Eine Einschätzung, der auch das Filmteam zustimmt: Schon die Zielgruppe, die jährlich etwa 800 000 Besucher der Gedenkstätte, sind ein heterogenes Publikum: Schüler mit wenig Vorwissen sehen den Film ebenso wie internationale Gäste, die womöglich schon mehrere ehemalige Lager besucht haben und beinahe Spezialisten auf dem Gebiet sind. Hinzu kommen die unzähligen untergliederten Themen - vom Lagerbordell bis zum Leitenberg - über die allein man stundenlange Dokumentarfilme drehen könnte. "Wir, die Gedenkstätte, haben immer neue Themen eingeführt - sehr zur Verzweiflung des Filmteams", erzählt Gedenkstättenleiterin Gabriele Hammermann bei der Podiumsdiskussion. Im Produktionsprozess habe man dann aber nicht nur lernen müssen, kürzere, prägnantere Sätze als auf Ausstellungstafeln zu formulieren, sondern auch, dass ein Thema nicht mit "eineinhalb Sätzen" abgehandelt ist und deshalb nicht alles Eingang in den Film finden kann, so etwa der Kräutergarten, nachdem sich eine Premierenbesucherin erkundigt hatte. Stefanie Pilzweger-Steiner, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Gedenkstätte und Projektkoordinatorin, stellt zum Thema Kräutergarten jedoch die baldige Präsentation der Ergebnisse einer wissenschaftlichen Studie in Aussicht.

KZ-Gedenkstätte Dachau: Rom Steensma ist Generalsekretär des Internationalen Lagerkomitees.

Rom Steensma ist Generalsekretär des Internationalen Lagerkomitees.

(Foto: Toni Heigl)

Ein Blick in die nähere Zukunft ist dann auch bejahende Antwort auf die Frage, ob der Film künftig auch in einer osteuropäischen Sprache verfügbar sein wird. Vorerst wird er nur auf Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch gezeigt. Mit dem Film selbst will man in der Gedenkstätte jedoch auch weiter in die Zukunft blicken: "Die Premiere ist der erste Schritt einer Neugestaltung, dem großen Vorhaben, die Erinnerungsarbeit in eine Zeit ohne Zeitzeugen zu führen", schickt Stiftungsdirektor Freller voraus. Im Zuge dieser langfristigen Neukonzeption der gesamten Gedenkstätte soll nicht nur das Ausstellungskonzept überarbeitet werden, sondern auch der Kräutergarten und Teile des Areals der Bereitschaftspolizei, des früheren SS-Lagers, in die Gedenkstätte integriert werden.

Der Besucherfilm "Das Konzentrationslager Dachau" von Maya Schweizer, Benjamin Meyer-Krahmer und Clemens von Wedenmeyer wird aktuell fünfmal täglich im Vorführraum der Gedenkstätte gezeigt und ist auch als DVD mit mehrsprachigem Booklet erhältlich.

© SZ vom 27.07.2021
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