Erinnerungsarbeit im InternetDas Grauen in allen Dimensionen

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Streetview im einstigen Lagergefängnis: Beim virtuellen 360-Grad-Rundgang können sich die Nutzer online auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte bewegen, wie dieser Screenshot zeigt.
Streetview im einstigen Lagergefängnis: Beim virtuellen 360-Grad-Rundgang können sich die Nutzer online auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte bewegen, wie dieser Screenshot zeigt. KZ-Gedenkstätte Dachau

Die KZ-Gedenkstätte Dachau hat einen virtuellen 360-Grad-Rundgang durch das Gelände entwickelt, vom Eingangstor bis zum Krematorium. Die „Panoramen der Erinnerung“ sollen vor allem Schülerinnen und Schülern bei der Vor- und Nachbereitung ihres Besuchs helfen.

Von Eva Waltl, Dachau

Zwei Klicks auf einen weißen Pfeil, und man gelangt durch das große ehemalige Lagertor. Ein weiterer Klick, und man steht auf dem gewaltigen Appellplatz. Drehung nach links, ein weiterer Klick, und man schreitet durch die von grünen Bäumen gesäumte ehemalige Lagerstraße. Dreht man die Maus in Richtung Himmel, ist es hell und blau, ein sanfter Wolkenschleier. Licht fällt durch die hohen Bäume. Schritt für Schritt gelangt man schnell oder langsam durch das Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau. Der neue digitale 360-Grad-Rundgang „Panoramen der Erinnerung“ ermöglicht Interessierten, sich intuitiv und interaktiv durch das Außengelände der KZ-Gedenkstätte zu bewegen und soll als Zusatzangebot zur Vor- und Nachbereitung eines KZ-Gedenkstätten-Besuchs Hilfestellung leisten.

Etwa zwei Jahre lang arbeitete das Team um Gabriele Hammermann, Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, an dem Projekt. Kerstin Schwenke, promovierte Historikerin und Leiterin der Bildungsabteilung der KZ-Gedenkstätte, erinnert sich an die Anfänge: „Ein 360-Grad-Rundgang war von Beginn an Teil der Planung, aber wir hatten noch keine Vorstellung, in welche Richtung es genau gehen sollte.“ Klar war: Sie wollten sie die technischen Möglichkeiten sinnvoll nutzen und vor allem eine junge Zielgruppe ansprechen. Mit den „Panoramen der Erinnerung“ erweitern die Mitarbeiter das Angebot an digitalen Projekten mit dem Ziel, zugleich hochkomplexe Themen aufzuarbeiten und Menschen niederschwellig anzusprechen und für die Geschichten zu interessieren. „Wir möchten nicht, dass Unwissen als Makel verstanden wird. Jeder soll sich trauen, zu fragen“, erklärt Nicole Steng das Konzept.

Infolge von Recherchearbeiten und Austausch mit anderen Gedenkstätten hat das Team einen benutzerfreundlichen, interaktiven, äußerst informativen digitalen Rundgang erstellt. Der Nutzer kann durch das Anklicken der Pfeile nach vorn von Panorama zu Panorama springen und sich im Bild drehen. Der Pfad führt vom Eingang bis zum Krematorium und auf dem Weg dorthin stolpert man über zahlreiche Infopunkte.

Von diesen gibt es drei unterschiedliche Typen im virtuellen Rundgang: „Was ist das für ein Ort?“, „Was sieht man (nicht)?“ und „Ein Häftling erinnert sich“. Durch das Anklicken eines der Symbole öffnet sich der entsprechende Infopunkt. Das sind manchmal Erklärungen, historische Bildvergleiche, kurze Erinnerungsberichte von ehemaligen Häftlingen oder Glossare mit Zusatzinformationen. Wichtig war es dem Team, die Vielschichtigkeit der Häftlingsgesellschaft abzubilden. „Wir haben bewusst sehr unterschiedliche Personen mit unterschiedlichen Haftgründen, unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen Inhaftierungszeiträumen ausgewählt, um so zumindest einen kleinen Teil der Perspektiven der mehr als 200 000 Häftlinge darzustellen“, betont Maximilian Luczak-Kirchner aus dem Team der digitalen Gedenkstättenpädagogik.

Das Startbild des Rundgangs zeigt das berühmte Tor des ehemaligen Konzentrationslagers in Dachau.
Das Startbild des Rundgangs zeigt das berühmte Tor des ehemaligen Konzentrationslagers in Dachau. KZ-Gedenkstätte Dachau

Nachdem die Aufnahmen und das Storytelling bereits abgeschlossen waren, begann eine intensive Testphase mit abgeordneten Lehrern und drei Schulklassen. Vor allem die ausführlichen Gesprächsrunden mit den Schülern hätten das Projekt sehr viel besser gemacht, freut sich Schwenke: „Durch das Feedback haben sich unsere Ziele noch einmal verändert. Das war ein super wichtiger Austausch.“

Mit dem Projekt richtet sich die KZ-Gedenkstätte Dachau vor allem an Schüler. Der Rundgang dient als Vor- und Nachbereitung eines KZ-Gedenkstättenbesuchs. Der Online-Rundgang soll eine Ergänzung sein, kann aber auf keinen Fall einen Besuch vor Ort ersetzen. Lehrer haben dank der anschaulichen Vorbereitung mit dem sensiblen Thema die Möglichkeit, herauszufinden, an welchen Stellen des Rundgangs emotionale Herausforderungen auftreten. Sie können mit den Schülern daran arbeiten und persönliche und individuelle Grenzen festlegen. Der Überwältigungsmoment, wenn man auf dem riesigen Appellplatz oder vor dem Krematorium steht, soll dadurch reduziert werden. Auch erhoffen sich die Mitarbeiter, dass durch die selbständige, digitale Auseinandersetzung mit dem Konzentrationslager, manche Schüler ihre Ängste überwinden und Hemmungen verlieren, sich damit zu beschäftigen und sich zu informieren. Letztendlich geht es um das Wissen, das die Mitarbeiter der KZ-Gedenkstätte an die Schüler vermitteln wollen, damit ein Besuch und die dazugehörigen Informationen besser verstanden und aufgenommen werden können.

Für die Lehrkräfte stellt die KZ-Gedenkstätte ergänzend zum virtuellen Rundgang „Panoramen der Erinnerung“ pädagogisches Material zur Vor- und Nachbereitung zur Verfügung. So können sich die Schüler vorab mit der Erkundung des Rundgangs und den Infopunkten beschäftigen, eigene Fragen formulieren und ihre Erwartungen und Befürchtungen notieren. Nach einem Besuch des ehemaligen Konzentrationslagers kann dann mit den zur Verfügung gestellten Materialien eine Auseinandersetzung mit Zeitzeugen beginnen und die Frage erörtert werden: Wie kann man mit historischen Überresten umgehen?

Beim Rundgang kommen auch die einstigen Häftlinge zu Wort, wie der österreichische Journalist Rudolf Kalmar (Screenshot).
Beim Rundgang kommen auch die einstigen Häftlinge zu Wort, wie der österreichische Journalist Rudolf Kalmar (Screenshot). KZ-Gedenkstätte Dachau

Der Rundgang ist in drei Versionen verfügbar: Deutsch, Englisch und Deutsch in einfacher Sprache. Auch war es den Mitarbeiterin von Beginn an wichtig, die „Panoramen der Erinnerung“ auch barrierefrei anzubieten. Für Clemens Dreyer, Gründer und Geschäftsführer des Virtual-Reality-Entwicklers Bestviews, der den Rundgang produziert und technisch umgesetzt hat, stellte dies wohl die größte Herausforderung bei der Realisierung dar. „Es war sehr komplex. Wir haben letztendlich selbst eine Lösung programmiert. Das wird zwar nicht alle Menschen mit Behinderung glücklich machen, aber einen Großteil“, glaubt Dreyer.

Und so endet der virtuelle Rundgang nach weiteren Klicks und Drehungen vor dem einstigen Gefängnis mit einer Erinnerung des ehemaligen Häftlings Rudolf Kalmar. Dieser erzählt von der Einsamkeit in der finsteren Zelle und der unbeschreiblichen Angst, die ihn heimsuchte: „Sie sprang mich an wie ein giftiges Tier und ließ mich den Mund aufsperren, aber ich hatte keine Stimme, um zu schreien.“ Darunter eine Schwarzweiß-Fotografie des österreichischen Journalisten, der sechs Jahre im KZ-Dachau verbrachte und dessen Leben und Worte dank des virtuellen Rundgangs nicht vergessen werden.

Der 360-Grad-Rundgang ist über die Homepage der Dachauer KZ-Gedenkstätte unter der Rubrik „Historischer Ort“ verfügbar. https://www.kz-gedenkstaette-dachau.de/historischer-ort/360-rundgang-panoramen-der-erinnerung/

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