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"Für eine Zeit Dachauer": Karl Kunkel:Faustpfand der SS

Dreharbeiten Karl Kunkel

"Tiefe Dankbarkeit, dass Gott mir erlaubt hat, hier lebend raus zu kommen": So beschreibt Karl Kunkel seine Gefühle, als er bei einem Besuch der Gedenkstätte 2003 sein ehemaliges Gefängnis betritt.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs sperren die Nazis den Pfarrer Karl Kunkel als "Sonderhäftling" in den "Bunker" des KZ Dachau. Sie wollen ihn und andere prominente Gefangene als lebende Schutzschilde einsetzen. Jetzt widmet sich eine Plakataktion seinem Schicksal.

Von Thomas Radlmaier, Dachau

Als Karl Kunkel 58 Jahre nach der Befreiung erneut das ehemalige Lagergefängnis betrat, das die Häftlinge den "Bunker" nannten, empfand er Dankbarkeit, "tiefe Dankbarkeit, dass Gott mir erlaubt hat, hier lebend raus zu kommen". So beschrieb der Pfarrer seine Gefühle, als er die KZ-Gedenkstätte im Jahr 2003 besuchte. Damals kam Kunkel für eine Fernsehproduktion des Historikers und ehemaligen SZ-Redakteurs Hans-Günter Richardi nach Dachau. Zurück an den Ort, an dem er jeden Tag Todesangst hatte, weil man "nie gewusst hat, was der nächste Tag bringt", sagte der damals 89-Jährige.

Jetzt ist Karl Kunkels Gesicht wieder in Dachau zu sehen. 75 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers ist der Seelsorger, der das Lager überlebte und 2012 in Bensheim mit 98 Jahren starb, in der Dachauer Stadtgesellschaft sichtbar geworden. Kunkels Porträt ist im Oktober auf Plakaten abgebildet, die in der ganzen Stadt aufgehängt sind. Es ist die Fortsetzung der Plakatreihe "Für eine Zeit Dachauer", die der Förderverein für Internationale Jugendbegegnung und Gedenkstättenarbeit aus Anlass des 75. Jahrestages der Befreiung des KZ im April startete. Jeden Monat wird jeweils ein Porträt eines ehemaligen KZ-Häftlings in Dachau plakatiert. Insgesamt sind es zwölf Porträts. Im Oktober widmet sich die Reihe Karl Kunkel, der von 1956 bis 1979 als Pfarrer in Mainz wirkte. Auch er war "für eine Zeit Dachauer".

Plakataktion des Fördervereins für Internationale Jugendbegegnung

Für die Plakataktion hat der Förderverein für Internationale Jugendbegegnung und Gedenkstättenarbeit die Biografie des Pfarrers recherchiert und Auszüge aus dem Tagebuch zusammengetragen, das Kunkel heimlich in der Lagerhaft führte. Seine Notizen stellte Kunkel 1951 dem Münchner Landgericht im Prozess gegen den SS-Obersturmführer Edgar Stiller zur Verfügung, dem Kunkel während seiner Gefangenschaft im KZ Dachau begegnet war.

Karl Kunkel wurde am 8. November 1913 in Seeburg, damals Ostpreußen, geboren. Er studierte an den Universitäten Tübingen und München Theologie. 1940 trat er eine Stelle als Kaplan in Königsberg an. Als Militärpfarrer begleitete er unter anderem zum Tod verurteilte Soldaten auf ihrem letzten Weg. Kunkel geriet in das Visier der Gestapo, als ihn ein ehemaliger Studienkollege Anfang 1944 bei einem Verhör als "einen Mann mit Auslandskontakten" bezeichnete. Er wurde am 15. Juli 1944 verhaftet und in das KZ Ravensbrück gebracht. Die Gestapo misshandelte ihn in der nahen SS-Polizeischule Drögen. Kunkel sollte vermeintliche Machenschaften offenlegen. Doch die Gestapo fand nichts heraus.

Kunkel blieb in Ravensbrück als "Sonderhäftling". Mitgefangene erinnern sich, dass er täglich den Zellenbau segnete. Isa Vermehren, Überlebende der Lager Ravensbrück, Buchenwald und Dachau, berichtet in ihrem Buch "Reise durch den letzten Akt", der Kaplan habe "zur bestimmten Stunde nach einem verabredeten Klopfzeichen, das wir untereinander weitergaben, den priesterlichen Segen über das Haus und seine Bewohner" erteilt.

Plakat Förderverein Dachau: Karl Kunkel

Sein Gesicht ist jetzt auf Plakaten in Dachau zu sehen.

(Foto: Elia Boßler)

Als die Deutschen den Krieg zu verlieren drohten und die Front näher rückte, verlegten sie Kunkel am 23. Februar 1945 in das KZ Dachau. Er bekam die Häftlingsnummer 146200. In seinem Tagebuch schrieb Kunkel über seine Ankunft: "Und da kam ich auf das Jourzimmer. Und dann wurde mein Koffer gefilzt. Und dann haben die auch mein schwarzes Buch, mein Brevier gesehen und gar nicht weiter nachgeguckt. Und im selben Moment geht ein Mitgefangener, ein Geistlicher vorbei und hat gleich den anderen Mitbrüdern gesagt: 'Achtung, da ist ein Geistlicher eingeliefert.' [...]Da haben sie gesehen, ein Geistlicher ist eingeliefert und da schicken die mir den Kalfaktor mit einem heißen Tee und zwei Stullen Leberwurstbroten. Da dachte ich: 'Gott sei Dank, hier hast Du nun auch schon wieder Verbindungen.' Und dann kam ich am Abend in meine Zelle 15."

Die SS verfolgt einen perfiden Plan

Die Lager-SS sperrte Kunkel nicht wie andere Priester in die Häftlingsbaracke, sondern inhaftierte ihn im "Bunker" in der Abteilung für "geistliche Sonderhäftlinge". Die Deutschen errichteten das Lagergefängnis 1937/38, um dort zu misshandeln und zu foltern. So erpressten sie Geständnisse. Viele Häftlinge starben. 1944 richtete die SS im "Bunker" vier 80 mal 80 Zentimeter kleine Stehzellen ein. In diesen engen gemauerten Kammern mussten die Häftlinge meist mehrere Tage mit unzureichender Sauerstoffzufuhr und sehr geringen Essensrationen ausharren. Ab 1941 verlegte die SS auch sogenannte "Sonderhäftlinge" wie Karl Kunkel in die Arrestzellen des Lagergefängnisses. Dabei handelte es sich um prominente Häftlinge, welche die Deutschen aus kriegstaktischen Gründen als Geiseln gefangen hielten. Im "Bunker" traf Kunkel auf den französischen Bischof Gabriel Piguet, den Münchener Domkapitular Johannes Neuhäusler und den evangelischen Regimegegner Pfarrer Martin Niemöller. "Um Niemöllers Willen bekamen wir jeden Tag drei Flaschen Rotwein von der Lagerleitung. Und wir haben den Rotwein auch getrunken. Aber eine Flasche blieb immer übrig; die war zur Bestechung", schrieb Kunkel in sein Tagebuch. Den Sonderhäftlingen ging es besser als den anderen Gefangenen des Konzentrationslagers. "Wir hatten normales Essen und konnten auch zusammen die heilige Messe feiern", schilderte Kunkel die damalige Situation. Ihm blieb die menschenvernichtende Schwerarbeit im KZ Dachau erspart. Doch auch er und seine Mithäftlinge lebten in ständiger Todesangst.

Diese spezielle Behandlung hatte einen perfiden Grund: Kunkel und andere "Sonderhäftlinge" sollten der SS als lebende Schutzschilde und Faustpfand dienen, sollte es nach Kriegsende zu Verhandlungen mit den Alliierten kommen. Im Rahmen der Evakuierung des Konzentrationslagers Dachau in den letzten Apriltagen des Jahres 1945 verschleppte die SS Kunkel und andere Sonderhäftlinge nach Südtirol. Die Sonderhäftlinge sollten als Geiseln dienen, wurden aber schließlich am 4. Mai 1945 von amerikanischen Truppen befreit. Über die letzten Tage in deutscher Gefangenschaft schrieb Kunkel: "Es heißt von der SS, dass die betrunken sei. Hitler sei tot, in München Revolution, und einer hätte gesagt: 'Und morgen macht ihr euren entscheidenden Gang!' Das sagt genug."

© SZ vom 23.10.2020
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