Gedenken:Da kommt was ins Rutschen

Der Leitenberg, in dem die sterblichen Überreste von mehr als 7400 KZ-Opfern ruhen, ist instabil geworden. Parteiübergreifend appellieren Dachauer Politiker an den Freistaat, den Gedenkort vor dem Verfall zu retten.

Von Julia Putzger, Dachau

Seltene Einigkeit herrscht zwischen den Politikern im Landkreis über die Zukunft des Leitenbergs. Für sie ist klar: Der Dachauer Gedenkort muss vor dem Verfall bewahrt werden und wieder stärker ins öffentliche Blickfeld rücken. Die Zuständigkeit dafür sehen sie jedoch eindeutig bei der Stiftung Bayerische Gedenkstätten und somit beim Freistaat.

"Seit ich Oberbürgermeister in Dachau bin, spreche ich das Thema im Rat der Stiftung immer wieder an", versichert Florian Hartmann (SPD). "Das stört mich nämlich persönlich", ergänzt er in Anbetracht der dortigen Situation: Einer der beiden Wege, die an der Südostseite entlang hinauf auf den Hügel zum Ehrenfriedhof für mehr als 7400 KZ-Opfer führen, ist bereits seit 2010 gesperrt. Grund dafür ist brüchiges Gestein im Inneren der kleinen Erhebung im Norden Dachaus, das den Hang langsam aber sicher abrutschen lässt. Bekannt ist dieses Problem zwar spätestens seit einem geologischen Gutachten, das in den 1980er Jahren erstellt wurde - doch passiert ist seitdem nichts. Auch der Gedenkort selbst verfällt. Was genau sich dort eigentlich ereignet hat, erfährt man auf einer einzigen Informationstafel, die sich am Parkplatz befindet.

Die Geschichte des Ortes müsste aufgearbeitet und dokumentiert werden - bevor es zu spät ist

Zwar hatte die Gedenkstätte Pläne, eine neue barrierefreie Zuwegung samt Informationstafeln von Nordosten zu gestalten, wie Christoph Thonfeld, wissenschaftlicher Leiter der Gedenkstätte, erklärte. Doch die Umsetzung scheitert aktuell an einem privaten Grundstückseigentümer, und auch die Finanzierung wäre nicht geklärt. Für Umbau- und Gestaltungsmaßnahmen auf den verschiedenen Arealen der Gedenkstätte soll es zwar ein Gesamtkonzept geben, doch der Leitenberg steht laut Thonfeld dabei nicht unbedingt im Fokus. Als wichtiger gelten vorerst Arbeiten auf dem Hauptgelände der Gedenkstätte, bei Gebäuden auf dem Areal der Bereitschaftspolizei und im "Kräutergarten".

Das Gelände, auf dem sich die Wege, der Ehrenfriedhof und die Gedächtnishalle befinden, ist Eigentum der Stiftung Bayerische Gedenkstätten. Somit ist für die Erhaltung der Freistaat und nicht die Stadt Dachau zuständig. "Und selbst wenn wir wollten, könnten wir solche Maßnahmen, wie dort nötig sind, nicht leisten", stellt Stadtrat Michael Eisenmann (Bündnis) fest. Was den Freistaat und dessen Erledigung von Aufgaben betrifft, resigniert Eisenmann allerdings: "Klar müsste man mehr Druck machen, aber das gleiche gilt für Kindergartengebühren - wie viel Druck sollen wir denn noch auf den Freistaat machen?" Obwohl das "extrem ärgerlich" sei, müsse man eben Konsequenzen daraus ziehen und die Sache "einfach laufen lassen".

KZ-Friedhof Dachau Leitenberg, 2019

Die Gedächtnishalle auf dem Leitenberg.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Stadtrat Florian Schiller (CSU) setzt da schon auf eine positivere Rolle, die die Stadt in dieser Sache einnehmen könnte: Schon andere Projekten rund um die Gedenkstätte seien dank der "konstruktiv vermittelnden Rolle" der Stadt gut gelungen, und so müsse auch der Leitenberg als gesamtgesellschaftliche Aufgabe wahrgenommen werden. Allerdings hat auch er seine Ansprüche bei diesem Projekt heruntergeschraubt: "Wir müssen auf jeden Fall einen würdigen Gedenkort erhalten - vom Schaffen rede ich da noch gar nicht."

Dabei wäre vor allem eine Neugestaltung von großer Bedeutung, um Informationen über den Ort zu vermitteln und ihn so zugänglicher für ein breites Publikum zu machen. "So wie es jetzt aussieht, kann ich da keinen Besucher hinschicken. Das ist eher etwas für Insider", findet Stadtrat Peter Gampenrieder (ÜB). In seinem jetzigen Zustand werfe der Leitenberg nicht nur ein schlechtes Licht auf Dachau, sondern drohe - wie viele andere Gedenkorte außerhalb der ehemaligen Konzentrationslager - vollkommen in Vergessenheit zu geraten. Wenn man die Geschichte des Ortes nicht spätestens in den nächsten zehn oder 20 Jahren entsprechend aufarbeite, dann sei sie womöglich für immer verloren, so Gampenrieder. Der Freistaat müsse den Leitenberg und dessen Geschichte für alle voll zugänglich machen. Dann könnte auch die Stadt Dachau im Anschluss mit weichen Faktoren - wie etwa Buslinien und Informationsbroschüren - mithelfen.

"Es wird einen weltweiten Effekt haben, wenn hier nichts unternommen wird"

Einer von denen, die noch ganz genau wissen, was 1945 am Leitenberg geschah, ist der Etzenhausener Lyriker Michael Groißmeier: Als damals Zehnjähriger beobachtete er die Bauernwagen, mit denen die Amerikaner nach Kriegsende in regelrechten Leichenzügen verstorbene KZ-Häftlinge vom Lager zu den Massengräbern am Leitenberg durch die Stadt transportieren ließen. "Die Leichen lagen kreuz und quer auf den Wägen, manche waren bekleidet, manche nicht, manche schon in Verwesung übergegangen. Das alles war notdürftig mit dem ersten Birkengrün bedeckt. Ich weiß nicht mehr, wie ich damals empfunden habe, aber es muss schrecklich ausgesehen haben", erzählt Groißmeier. Bereits in den vergangenen Monaten hatte er damals vom Acker seines Onkels gute Sicht darauf gehabt, wie die SS-Soldaten die Massengräber am Leitenberg ausheben ließen - bis schließlich ein Bretterzaun als Sichtschutz gebaut worden war. Und auch später, Mitte der 50er Jahre, als Groißmeier als kommissarischer Leiter im Dachauer Bestattungsamt arbeitete, kam er erneut in Kontakt mit den Gräbern am Leitenberg: Er wurde zu einer Ausgrabungskommission hinzugezogen. "Ich bin hinuntergestiegen in die Gräber, da hab ich auch die einzelnen Schichten mit den Skeletten gesehen", erinnert sich der Zeitzeuge. Heute jedoch schafft er es nicht mehr auf den Leitenberg: "Mit meinem Gehstock komme ich nicht mehr rauf. Aber früher war das oft Ziel meiner Spaziergänge und es würde mir sehr am Herzen liegen, wenn dort wieder etwas passieren würde."

Bezirksheimatpfleger Norbert Göttler spaziert indes weiterhin regelmäßig am Leitenberg und zwar besonders gern mit kleinen Gruppen oder Einzelpersonen, die sich zwar mit diesem schwarzen Kapitel der Vergangenheit beschäftigen wollen, aber dafür die Stille im Wald der Wucht der Eindrücke in der Gedenkstätte vorziehen. Für ihn ist klar: Die Außenbereiche sind "genuine Teile des KZ" und bedürfen neuen Schutzes. "Es wird einen weltweiten Effekt haben, wenn hier nichts unternommen wird, und das kann sich Dachau nicht leisten", so Göttler. Wie Thonfeld wünscht auch er sich einen Weg von Norden, da von dort auch 1945 die Zufahrt erfolgte. Was die anderen Wege betrifft, so könne man auch "Abstriche machen", wichtig sei vor allem die Erhaltung des Friedhofs.

Auch aus dem Dachauer Landratsamt kommen vorsichtig positive Signale, was den Leitenberg angeht. Landrat Stefan Löwl (CSU) versichert, dass ihm die Erhaltung als Lern- und Erinnerungsort ein großes Anliegen sei - direkt beeinflussen könne er das aufgrund fehlender Zuständigkeiten aber nicht.

Ernst Grube, Vorsitzender der Dachauer Lagergemeinschaft, bedauert, dass der Leitenberg nicht schon eher in die Arbeit der Gedenkstätte miteinbezogen wurde. Die Schuld dafür will er niemand zuweisen, alle Beteiligten seien stets sehr um die Umsetzung von Projekten bemüht. Für ihn ist jedoch klar: "Wir müssen etwas tun."

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KZ-Friedhof Dachau Leitenberg, 2019

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