„Mama, ich kehre nicht zurück,/ Gott hat es mir gesagt./ Die Hölle ohne Gefühle der Seele,/ so habe ich sie erlebt …/“ – das ist der Anfang des Gedichts „Mein Schatten in Dachau“. Geschrieben hat es der damals 16-jährige Nevio Vitelli (1928 – 1948). Die Gestapo hatte ihn im September 1944 aufgegriffen, als er sich in Italien zu seinen Eltern in Fiume durchschlagen wollte. Weil die NS-Schergen antinazistisches Propagandamaterial bei ihm fanden, wurde er ins Konzentrationslager Dachau eingeliefert. Er wurde schwer krank, erlebte aber die Befreiung und wurde in ein Dachauer Krankenhaus gebracht. Dort traf er den Mailänder Studenten Mirco Giuseppe Camia, der als Mitglied einer Widerstandsgruppe ebenfalls nach Dachau deportiert worden war. Drei Jahre später erhält Camia die Todesanzeige seines Freundes Nevio, auf der das Gedicht „Mein Schatten in Dachau“ abgedruckt ist.
Nevio hatte es im KZ Dachau verfasst und es erst im Krankenhaus niederschreiben können. Denn Häftlingen war es strengstens untersagt, Papier und Bleistift zu besitzen und – egal, was – niederzuschreiben. Sie taten es dennoch, tauschten Papier gegen Essen schrieben auf den Holzböden ihrer Pritschen, bewahrten ihre Gedichte und Erzählungen unter den grausamsten Haftbedingungen im Kopf und schrieben sie erst nach Kriegsende auf. Lange Jahre waren diese Zeugnisse der Unmenschlichkeit, der Verzweiflung und der immer größer werdenden Hoffnungslosigkeit eher Randnotizen der Erinnerungsarbeit – bis Giuseppe Camia 1985 bei der Befreiungsfeier in Dachau Nevios Gedicht in die Hand von Dorothea Heiser drückte. Das war für sie nach jahrelangem Engagement für die namenlosen Toten des Konzentrationslagers Dachau ein weiterer Anstoß sich mit deren Biografien und Gedichten auseinanderzusetzen. 1993 erschien ihre Anthologie „Mein Schatten in Dachau“ mit rund einhundert Gedichten von 43 Autoren in zehn Sprachen.
„Der Schrei des Menschen, dem alles genommen wurde“
Am Karfreitag las Herbert Müller im gut besuchten Hoftheater Bergkirchen etliche dieser „Momente der Freiheit des Geistes unter unwürdigsten Bedingungen“, dieser „Schrei des Menschen, dem alles genommen wurde“, wie Dorothea Heiser es in ihrem Skript genannt hat. Es war eine in jeder Hinsicht passende Wahl, erinnert der Karfreitag doch Christen an Jesu Tod und beinhaltet zugleich Vorfreude auf Ostern und das Wiedererwachen des Lebens. Im kleinen Theater hätte man die berühmte Stecknadel fallen hören können, so sehr zog Müller – mit neutraler Stimme und ohne jedes Pathos – die Zuhörer in den Bann. Es waren auch die überdeutlich aufscheinenden Parallelen zum heutigen, sich immer gnadenloser gebärdenden Antisemitismus, zu Fremdenfeindlichkeit und Rechtsradikalismus, die die Verpflichtung des „Nie wieder“ mit übergroßen, blutigen Lettern aufs Neue ins Gedächtnis brannten.
Mehr als dreißig Jahre nach ihrem Erscheinen haben diese zeitlosen Gedichte und die Lebensgeschichten ihrer Autoren nichts von ihrer außergewöhnlichen Wirkmacht verloren. Wer kann sich schon – allen bekannten Bildern zum Trotz – unzählige, zusammengepferchte Häftlinge in einem KZ vorstellen? Ganz nahe ist man aber bei jedem, der Einblicke in sein Leben gibt. Dazu gehört Stanisław Wygodzki (1907 – 1992). Er stammte aus Będzin im damaligen Russischen Kaiserreich. Von Jugend an war er in der zionistischen Bewegung aktiv, wurde in den 1920er-Jahren wegen sogenannter kommunistischer Umtriebe verhaftet, machte sich einen Namen als Übersetzer – unter anderem von Werken Erich Kästners und Egon Erwin Kischs – und als Dichter. 1943 musste er ins Ghetto von Będzin einziehen und wurde 1943 mit Frau und Tochter ins KZ Auschwitz-Birkenau deportiert.

Dachauer Osterkonzert 1945:„Christ ist erstanden“ im Konzentrationslager
Hunger, Seuchen, Massensterben – im April 1945 waren die Zustände im Konzentrationslager Dachau schlimmer denn je. Doch am Ostersonntag verblasste das Elend und die Verzweiflung für kurze Zeit. Eine Geschichte über die Kraft des Glaubens und der Musik.
Dort wurden seine Frau und seine Tochter ermordet. Er selbst wurde ins KZ Sachsenhausen und letztlich in ein Außenlager des Dachauer Konzentrationslagers verschleppt. Nach der Befreiung schrieb er im Krankenhaus Gauting „Das Tagebuch der Liebe“ mit Gedichten zu Ehren seiner toten Angehörigen. Er ging zurück nach Polen, emigrierte wegen des dort um sich greifenden Antisemitismus 1968 nach Israel. Und musste angesichts des Golfkriegs von 1990/91 sagen: „Das ist mein fünfter Krieg, zu viel für ein einziges Leben.“ Dennoch verließ ihn nie „die Hoffnung, dass uns einer hören könnte“, weshalb er sich explizit „An die Zukünftigen“ richtete.
Für Dorothea Heiser spielte es seinerzeit keine Rolle, welchen literarischen Wert die von ihr ausgewählten Gedichte hatten. Ihr ging es darum, „die Perspektive der Opfer“ sichtbar zu machen und dazu beizutragen, „dass die Stimmen der Betroffenen gehört wurden“, wie sie der Süddeutschen Zeitung sagte. Und sie wollte zu Zeiten, in denen der Begriff Trauma noch nicht überstrapaziert war, deutlich machen, dass die Qualen nicht mit der Befreiung endeten, dass sie lebenslang bis in die nächste und übernächste Generation andauern konnten. Deshalb sei sie auch an einer Neuauflage von „Mein Schatten in Dachau“ so interessiert, sagte sie „aber bis jetzt hat noch niemand so richtig angebissen“. Möglicherweise wird das nach dieser aufrüttelnden Karfreitags-Lesung im Hoftheater Bergkirchen anders.

