Zeitgeschichte "Wir haben die Pflicht zur Wachsamkeit"

Joëlle Delpech-Boursier (rechts) zu Besuch in der KZ-Gedenkstätte, in der ihr Vater, André Delpech, einst litt.

(Foto: Toni Heigl)
  • André Delpech war in der Résistance und wurde 1944 ins KZ Dachau verschleppt.
  • Später wurde er Generalleutnant im französischen Militär und Präsident des Comité International de Dachau.
  • Joëlle Delpech-Boursier, seine Tochter, hat aufgeschrieben, was ihrem Vater widerfuhr und es nach dessen Tod veröffentlicht.
Von Anika Blatz, Dachau

"Das erste Mal, dass ich meinen Vater von der Deportation sprechen gehört habe, war, als mein Bruder 20 Jahre alt wurde. Ich war drei Jahre jünger. Normalerweise sprach er gerne und viel - an diesem Abend hatte er lange überhaupt nicht geredet. Als zum Dessert die Aprikosentarte kam, sagte er plötzlich: Ich werde euch erzählen, wie es war, als ich 20 Jahre wurde."

So schildert Joëlle Delpech-Boursier die für sie und ihre Geschwister einschneidende Ansprache des Vaters an einem Tag Mitte der Siebzigerjahre in Frankreich. Heute ist sie 60 und beschreibt dieses Erlebnis dem Publikum in der KZ-Gedenkstätte Dachau. In der Reihe "Erinnerung und Familiengedächtnis" spricht die Gedenkstättenleiterin Gabriele Hammermann mit der Tochter des Résistance-Kämpfers und späteren Präsidenten des Internationalen Dachau-Komitees (Comité International de Dachau/CID) André Delpech, der 1944 ins KZ Dachau verschleppt wurde.

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Die heute mit ihrer Familie in Paris lebende Ärztin lässt die Zuhörer an dem Leben von und mit ihrem Vater teilhaben - einem Leben, das sich auf beiden Seiten zwischen Schweigen und Erinnern bewegt. Das, was ihrem Vater widerfuhr, hat sie nach dessen Tod in ihrem nur in französischer Sprache erschienenen Buch "Avoir vingt ans à Dachau" - 20 Jahre alt sein in Dachau, aufgearbeitet. Das eingangs beschriebene Geschehen am Geburtstagstisch der Delpechs sollte hierfür titelgebend werden.

André Delpech erzählte seinen drei Kindern vom 1. Oktober 1944 - seinem 20. Geburtstag. Er verbrachte den Tag versteckt in einer Toilette. Statt im Arbeitslager für die Nazis zu schuften, hatte er beschlossen, sich zum Geburtstag einen arbeitsfreien Tag zu schenken. "Wir haben nichts von dem verstanden, was er da sagte und stellten ihm idiotische Fragen. Er hat es uns stundenlang geduldig erklärt, dann verschloss er sich wieder", erinnert sich Delpech-Boursier. Allmählich habe sie verstanden, dass die Geschichte ihres Vaters eine besondere sei.

André Delpech wurde am 1. Oktober 1924 in Origny-Sainte-Benoite im Norden Frankreichs geboren. Nach dem Abschluss des Gymnasiums schloss er sich im Dezember 1942 der Résistance an. 1944 wurde der Widerständler zusammen mit einem Freund von der Gestapo verhaftet und in das Lager Compiègne gebracht. Von dort wurde er von der SS am 2. Juli 1944 mit dem berüchtigten "train de la mort" (Todeszug) zunächst nach Dachau deportiert.

Bei unerträglicher Hitze stehend, auf engstem Raum zusammengepfercht, durstig und hungrig, überlebten von den ursprünglich 2400 Häftlingen 984 die dreitägige Fahrt nicht. Unter unmenschlichen Bedingungen musste Delpech auch im Quarantäneblock des völlig überfüllten Konzentrationslagers ausharren. Drei Wochen später wurde er nach Neckargerach, einem Außenlager des KZ Natzweiler, gebracht und musste dort in einem Kalksteinbruch Zwangsarbeit für Daimler-Benz leisten. Schwer krank und abgemagert auf 45 Kilogramm wurde Delpech am 4. Mai 1945 befreit und konnte nach Frankreich zurückkehren.

"Ich wusste, dass mein Vater im Krieg gewesen ist und Gefangener war - ein Kriegsheld, aber nichts Genaueres. Wir haben in der Familie, außer an besagtem 20. Geburtstag meines Bruders, nie darüber gesprochen", sagt Delpech-Boursier. Anzeichen dafür, dass auf dem Vorleben des Vaters Unausgesprochenes lastet, gab es einige. Nachfragen war jedoch tabu. Es blieb bei nebulösen Ahnungen und Empfindungen, auf die die Kinder keine Erklärung hatten.