Jean Lafaurie, 102 Jahre alt, bückt sich und richtet die Schleife an dem Blumenkranz vor dem Denkmal des unbekannten Deportierten. Die roten Rosen an dem Kranz formen einen roten Winkel – angelehnt an das Symbol an der gestreiften Häftlingskleidung derer, die von den Nationalsozialisten als politische Gefangene inhaftiert wurden.
Politische Gegner wie er, Lafaurie.
Hier, beim ehemaligen Krematorium des Konzentrationslagers Dachau, tritt der Mann mit dem Gehstock und der festen Stimme ans Mikrofon. „Am 29. April 1945 gingen die Tore des Lagers auf“, sagt Lafaurie. „Die Tore der Erinnerung dürfen sich nie wieder schließen.“
Vor 81 Jahren erreichen US-amerikanische GIs das KZ Dachau. Die Soldaten der 45. Infanteriedivision der US-Armee werden hier Ende April 1945 Zeugen unvorstellbarer Gräuel. „Als sie einen Zug mit 39 Viehwaggons erblicken und sich Schritt für Schritt nähern, wird der Geruch immer stärker“, schildert Lafaurie. „Beim Öffnen der Türen entdecken sie 2300 Leichen von ausgemergelten Häftlingen, die meisten verhungert, andere von der SS ermordet.“ Hinter den Toren des Konzentrationslagers setzt sich das Grauen fort: Auch zwischen den Baracken und bei den Krematoriumsöfen, die mangels Kohle nicht mehr in Betrieb sind, liegen Berge von Leichen.
„An Dachau zu denken, heißt, die Opfer zu ehren“, sagt Lafaurie.
Lafaurie wird am 30. November 1923 in Südfrankreich geboren. Während des Zweiten Weltkrieges kämpft er in der „Resistance“ gegen das Vichy-Regime, das mit den Nazis kollaboriert. 1943 wird er von den Vichy-Schergen festgesetzt, nach einem Gefangenenaufstand im Juni 1944 schließlich verschleppt ins KZ Dachau und das Außenlager Allach.
Lafaurie leistet Zwangsarbeit in einer Rüstungsfabrik und verletzt sich 1945 an einem rostigen Metallstück. Die Kameradschaft unter den Häftlingen ermutigt ihn, nicht den Lebenswillen aufzugeben, bis die GIs die Lager befreien. Er wiegt nur noch 36 Kilogramm, als er nach Frankreich zurückkehrt.

Am Sonntag, zum 81. Jahrestag der Befreiung am 29. April 1945, legt der Dachauer Oberbürgermeister nun weiße Rosen an dem Denkmal beim Krematorium nieder. „Die Überlebenden haben sich entschieden, zu reden“, sagt Florian Hartmann. „Wir haben uns entschieden, zuzuhören.“ Dann schreiten die Gäste zum Geläut der Glocke der Todesangst-Christi-Kapelle die ehemalige Lagerstraße entlang, vorbei an den Einfassungen der Baracken bis zum Appellplatz. Lynne Farbman, eine weitere Überlebende, fährt mit ihrem roten Elektrorollstuhl die staubigen Wege entlang. Die US-Amerikanerin erfuhr erst mit 70 Jahren von ihrer im Sterben liegenden Mutter, dass sie 1945 in einem Außenlager des KZ Dachau geboren wurde – dem Frauenlager Mühldorf.
Auch George Legmann, der aus Brasilien angereist ist, wurde in einem Dachauer Außenlager geboren, in Kaufering. Im Außenlager „Kaufering I“ brachten zwischen Dezember 1944 und Februar 1945 sieben Jüdinnen Kinder zur Welt. Alle überlebten.
Die Befreier haben „die Türen zur Hölle aufgebrochen“
„Meine Existenz ist ein Rechenfehler des Nazi-Systems“, sagt Legmann. Seine Mutter verbarg die Schwangerschaft vor Joseph Mengele im KZ Auschwitz-Birkenau, verschleierte vor dem Henker auch das hohe Alter ihrer Mutter, Legmanns Oma. Alle drei überlebten. „Wir gingen als zwei Generationen in den Holocaust und kehrten als drei Generationen zurück“, sagt Legmann.
Die US-amerikanischen Befreier hätten in Dachau 1945 die Türen zur Hölle aufgebrochen und die Menschlichkeit zurückgebracht. Aus der Geschichte erwachse die Verantwortung, die hart erkämpften Errungenschaften zu bewahren: die Menschenwürde, die Rechtsstaatlichkeit. „Die Demokratie ist zerbrechlich wie ein Neugeborenes in einem Konzentrationslager“, sagt Legmann. Man müsse wachsam bleiben, gerade angesichts neuer Formen der Geschichtsvergessenheit und des Antisemitismus, die sich ausbreiteten wie ein Virus. „Der Holocaust begann nicht mit den Gaskammern“, sagt Legmann. „Er begann mit Worten.“

