Kunst in Karlsfeld:Lesen in Linien und Farben

Ottilie Patzelt zeigt beim Kunstkreis Karlsfeld einen Querschnitt durch ihr künstlerisches Schaffen zwischen Figürlichkeit und Abstraktion. Auch Arbeiten zu aktuellen Themen fehlen nicht

Von Renate Zauscher, Karlsfeld

Corona hat in den vergangenen eineinhalb Jahren so manches Vorhaben scheitern lassen: private Reisepläne genauso wie Termine für Familienfeste oder solche im Kulturbereich. Jetzt kann manches, was verschoben wurde, nachgeholt werden - in Karlsfeld unter anderem eine Reihe von Ausstellungen in der GalerieKunstwerkstatt. So zeigt ab diesem Freitag Ottilie Patzelt Arbeiten aus vier Jahrzehnten in einer Schau, die eigentlich schon für 2020 geplant gewesen war.

"Rückblick - Ausblick" hat Patzelt als Titel für die Ausstellung ihrer Arbeiten in der Kunstwerkstatt gewählt - ein passgenaues Motto, das auf das breite Spektrum der gezeigten Bilder verweist. Die gebürtige Münchnerin, die seit 1964 in Karlsfeld lebt, kann schließlich auf ein umfangreiches Werk zurückschauen, lässt sich aber auch durch gegenwärtige Entwicklungen zu neuen Arbeiten inspirieren - durch die Pandemie beispielsweise oder durch den Vorstoß des Menschen in den Weltraum und die damit verbundenen Fragen.

Ottilie Patzelt ist weitgehend Autodidaktin, hat aber über viele Jahre Kurse und Malseminare besucht. Geprägt habe sie zum einen ihre Herkunft aus einem "Künstlerhaushalt", sagt sie, zum anderen aber auch die Ausbildung zur Farb-Lithografin. Mit ihrer Tätigkeit im Bereich der Lithografie, bei der es um sehr exaktes Arbeiten geht, hängen auch Patzelts künstlerische Anfänge zusammen: sehr detailgetreue Bleistiftzeichnung, die bald nach ihrem Beitritt zum Karlsfelder Kunstkreis Anfang der Achtzigerjahre entstanden sind.

Zu Ottilie Patzelts Freude am Zeichnen kam bald auch die an der farblichen Gestaltung: Erste Aquarelle entstanden. In den Neunzigerjahren entdeckte Patzelt dann das Malen mit Acrylfarben: Ihre Formate wurden größer, ihre Malerei freier, bewegter. Wichtigen Anteil an dieser Entwicklung hatte ihr Lehrer Stefan Britt, der seine Schülerinnen und Schüler dazu ermutigt habe, ganz einfach "das zu machen, was ihr wollt", erzählt Patzelt, und sich dann, wenn man einmal bei einer Arbeit nicht weiterkomme, die Leinwand auf den Kopf zu stellen, um eine andere Perspektive darauf zu bekommen. Gerade für eine Autodidaktin sei es "enorm hilfreich, so motiviert zu werden".

Obwohl Ottilie Patzelt in den großformatigen Acrylbildern auf Karton zu einer neuen, stark bewegten Malweise findet, ist auch hier ihre Freude an der figürlichen Darstellung sichtbar: In ihrer Arbeit "Straßenchaos" verweisen breite Farbbahnen auf das Verkehrsgeschehen in London, das Patzelt hier im Sinn hatte, und im "Seefahrt" betitelten Bild spürt man nicht nur die Bewegung von Schiff und Wind sondern kann einzelne Vögel in den abstrakten Farbstrukturen entdecken. Ähnliches gilt für Arbeiten wie die bei einem Malseminar in einem Steinbruch entstandenen Bilder, in denen das reale Vorbild zu abstrakten Formen verdichtet wird, dabei aber immer noch als solches zu erkennen ist.

Am vielleicht spannendsten verbindet sich Ottilie Patzelts Freude am Zeichnen einerseits und an der Farbe andererseits in ihren "Lesebildern". Hier lässt sie sich von Form und Verlauf der benutzen Aquarellfarben inspirieren und zeichnet mit Tusche ein ganzes Universum menschlicher, tierischer und pflanzlicher Geschöpfe in die Farbfelder hinein. Wer sich Zeit nimmt beim Betrachten der "Lesebilder", bei denen Patzelt ganz bewusst auf Titel verzichtet, der entdeckt immer wieder Neues: Fische in den tiefblauen Bildpartien etwa, menschliche Wesen, die Taucher oder Wassernixen sein können, Fantasievögel, den Froschkönig mit Krönchen oder auch nur ein Augenpaar, das dem Betrachter intensiv entgegenblickt.

Ottilie Patzelt

Viele Arbeiten von Autodidaktin Patzelt zeichnen sich aus durch eine lichte Farbigkeit und die Verwendung einer märchenhaften Ornamentik.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Ganz zur Abstraktion findet Ottilie Patzelt in ihren jüngsten Arbeiten: Mit Wasserfarbe und Tusche setzt sich die Karlsfelderin hier mit den Problemen der Gegenwart auseinander: "Corona - die Welt verändert sich" heißt etwa eines dieser Bilder oder "Bepflanzung des Mars" ein anderes.

In ihrer künstlerischen Arbeit hat sich Ottilie Patzelt durch Reisen, durch das ein oder andere Foto ihres Mannes Werner Patzelt, immer wieder aber auch durch gemeinschaftliches Arbeiten mit anderen inspirieren lassen. So hat sie zusammen mit Aysim Woltmann ein Buch gestaltet, in dem Woltmann zu einigen von Patzelts Lesebildern eigene Geschichten erdacht hat. In einem anderen Buch erzählt sie zusammen mit ihrem Bruder die Geschichte jenes legendären Elefanten, den Sultan Süleyman der Prächtige einst dem Habsburger Kaiser in Wien zum Geschenk machte. Patzelt hat die Illustrationen hierzu geschaffen, Huber die kurzen Texte.

Eröffnet wird die Ausstellung am Freitag, 15. Oktober, ab 19 Uhr in der Galerie-Kunstwerkstatt in Karlsfeld. Besucht werden kann sie an den beiden folgenden Wochenenden, jeweils samstags und sonntags von 14 bis 18 Uhr.

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