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Kulturspaziergang:Dachau zur Zeit der Künstlerkolonie

18 Gemälde aus dem 19. und 20. Jahrhundert begleiten den Spaziergänger auf seinem Weg durch die Stadt von heute und damals. Eine sehenswerte Tour

Von Andreas Förster, Dachau

Eines vorweg: Der Dachauer Künstlerweg ist ein erholsamer Rundweg - kein ausgewiesener Wanderweg. Er führt an 18 bildschönen und lehrreichen Stationen vorbei. Die knapp sechs Kilometer lange Wegstrecke schafft jeder, der halbwegs gut zu Fuß ist, in maximal 90 Minuten. Zumal man die Strecke auch abkürzen kann. Interessierte sollten aber einen Sinn für Malerei mitbringen. Je nachdem, wie ausgeprägt dieser ist, können aus eineinhalb Stunden mit Pausen auch schnell mehr als zwei Stunden werden. Bei schönem Wetter lohnt sich allemal eine ausgiebige Betrachtung der 18 historischen Landschaftsbilder und Stadtansichten aus der Zeit des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Ganz besonders, wenn ihr Standort einen Vergleich mit der Gegenwart zulässt.

Demjenigen, der den sogenannten Künstlerweg abgeht, bieten sich wunderbare Aussichten - wie hier der Blick den Karlsberg hinunter auf die Stadt.

(Foto: Toni Heigl)

Ein Bravo geht an dieser Stelle an den Chef der Abteilung Stadtgrün und Umwelt der Stadt, Stefan Tischer, der zusammen mit Elisabeth Boser, Geschäftsleiterin der Dachauer Galerien und Museen, die Werke überwiegend aus dem Fundus der Gemäldegalerie herausgesucht und die Abbilder, teils in Ausschnitten, auf eigens angefertigte Metallstelen aufziehen ließ. Elisabeth Boser erinnert sich: "Ich habe ja die meisten Werke im Kopf, und so viele, die in Frage kommen, gibt es ja gar nicht mehr", so Boser. Sie schlug eine Reihe von Bildern vor, Tischer suchte schließlich diejenigen heraus, die zur Wegstrecke passten.

Künstlerweg

Auch an der Amper entlang am Spielplatz vorbei mit Ludwig Dills Gemälde hat der Spaziergänger eine schöne Aussicht.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Die Initiative dazu kam von Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD), der sich bei einem privaten Besuch der Künstlerkolonie Ahrenshoop zu der Idee inspirieren ließ. Zur Orientierung gibt es einen handlichen Flyer mit Angaben zu den Bildern und einer Karte mit der Lage aller Stationen. Dieser ist im Büro für Kultur und Tourismus, in der Gemäldegalerie, an der Rückseite der ersten und dritten Stele sowie als Download auf der städtischen Webseite erhältlich.

Künstlerweg

Spannend ist der Blick auf die Villa von Max Feldbauer mit seinem Bild davor.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Das Vergnügen, das sich bei der Begehung des Künstlerwegs einstellt, beginnt bereits beim ersten Bild. Es heißt "Blick vom Karlsberg Dachau gegen das Gebirge", gemalt von Eduard Schleich dem Älteren. Die Stele auf der Rathausterrasse zeigt einen Ausschnitt des Kunstwerks: die Alpen im Hintergrund, im Vordergrund eine unverbaute Landschaft mit Bäumen und Feldern im Sommerlicht. Die Aussicht, die sich dem Betrachter bietet, ist auch über 100 Jahre später noch sehenswert. Der nun folgende Weg konzentriert sich auf die Schönheit der Altstadt und die sie umgebende Natur. Er führt zunächst zurück zum Eingang des neuen Rathauses, hinauf zum alten Rathaus, vorbei am Amtsgericht, hoch zum Schloss, durch den Hofgarten und den Schlosspark bis zum Treppenabgang am Fürstenweg Richtung Amperwehr. Dort steht das Bild "Waldstück bei Dachau" von 1883, erschaffen vom berühmten Meister Lovis Corinths. Es zeigt eine seit damals fast unveränderte Waldlandschaft, in die der Mensch bis jetzt nicht allzu sehr eingegriffen hat.

Der Spaziergang beginnt an der Rathausterrasse.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Weiter geht es über den steilen Abgang treppab. Auf dem nun folgenden Teilstück sollte man insbesondere im Winter trittsicher sein und gutes Schuhwerk tragen. Das gilt für die gesamte Strecke entlang der Amper, die im Winter nicht geräumt wird. Hier gibt es in der Regel nicht sehr viele Spaziergänger, die Luft ist klar, der Wald noch recht urtümlich. Kurz vor dem großen Spielplatz am Georg-Andorfer-Weg steht Ludwig Dills "Das weiße Moos", gemalt um 1900. Unter allen Bildern finden sich Textinfos, in denen man Wissenswertes über die Künstler und ihr Werk erfährt. Weitere Infos bekommt man per QR-Code am Textende.

Die Wegstrecke führt nun direkt an der Amper entlang, Sitzbänke laden zum Verweilen ein. Der kärglich bewachsene Damm ermöglicht ein kontemplatives Spazieren, vorbei an Max Feldbauers "Pferde in der Schwemme" von 1919, Otto Strützels "Amperbrücke bei Mitterndorf" um 1923, stromaufwärts unter anderem an Arthur Langhammers "Mädchen mit Reisigbündel" vorbei, über die Brücke des Mühlkanals und den Staudamm hinweg. Dort wartet Paul Thiems "Abends an der Schleuse" von circa 1890 am idyllischen Otto-Grassl-Weg, wo man im Schatten innehalten kann. An dessen Ende nahe der Wassertretanlage im Moorbadpark empfängt den kunstsinnigen Spaziergänger August Kallerts ausdrucksstarkes Bild "Amperbad" von 1920/30. Kallert war Gründungsmitglied der Künstlergruppe Dachau, aus der später die Künstlervereinigung hervorging, deren Vorsitz er 1947 übernahm. Nach Station zehn (Robert Franz Currys "Holzgartenstraße in Dachau" um 1900) führt die künstlerische Entdeckungsreise auf die Münchner Straße. Das urbane Intermezzo ist aber nur von kurzer Dauer. Lily Hildebrandt-Uhlmanns "Blick auf Dachau vom Unteren Markt" ist eines von nur zwei Bildern, deren Urheber Frauen sind. Nur einige Meter hinter dem Sparkassenplatz wartet an der Lindenallee schon die nächste Oase der Ruhe und mit ihr Karl Schröder-Tapiaus "Ansicht von Dachau" von 1912. Der Blick auf die Altstadt gleicht dem vor 100 Jahren, mittlerweile ist aber die Sicht verbaut und nur noch die Kirchturmspitze von St. Jakob zu erkennen. Vorbei an der Scheyerlwiese, geht es zum ersten Winterbild: Hans von Hayeks "Schleißheimer Kanal im Winter" aus dem Jahr 1905. Der Weg führt nun über die kleine Amperbrücke zur Volksfestwiese, auf der Brücke warten mit Adolf Hölzels "Im Biergarten zur Alten Schießstätte" (1891) und Paula Wimmers "Volksfest in Dachau" (um 1930) zwei weitere Höhepunkte des Künstlerwegs auf den Besucher. Die drei letzten Bilder sind in der Altstadt platziert, man erreicht sie über die steile Martin-Huber-Treppe. Bis zur Parkgarage an der Wieninger Straße geht es bergauf, dort steht Giulio Bedas "Wieninger Straße im Winter" (1908). Ähnlich wie danach Karl Stuhlmüllers "Unterbräu mit Augsburger Tor" (1890) und Jean Lehmanns "Karlsberg-Straßenansicht" von 1929, erlauben die Bilder einen spannenden Blick in und auf die jüngere Vergangenheit der Stadt. Sehenswert.

© SZ vom 13.07.2020

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