Unter den bunten Lichterketten herrscht Stimmung wie bei einem Stadtfest. Um 21 Uhr gibt es kaum mehr ein Durchkommen im Innenhof vor dem Café Gramsci, so dicht gedrängt stehen die Leute. Kleine Kinder ziehen in einer Polonaise durch den Wald wackelnder Besucherwaden. Ein Silbertablett schwebt auf einem haarigen Arm über den Köpfen, darauf ein Mittelgebirge aus Wurstsemmeln unter Zellophan. Das Gramsci ist wieder in Betrieb.
Der Weg dorthin war steinig. Mehr als zwei Jahre lang stand die alternative Kulturkneipe in der Dachauer Altstadt leer. Die Stadt hatte das Gebäude, das ihr gehört, nach einer Begehung kurzerhand dichtgemacht. Gravierende Sicherheitsmängel. Die Statik. Das Dach. Ebenso der Keller. Keinen Cent mehr wollte man hineinstecken. Jetzt hat der neue Verein „Gramsci-Kult“ es binnen weniger Monate wieder instandgesetzt und ins Leben zurückgeholt.
Auch wenn der Verein das ideale Personal dafür hat –Handwerksmeister mit Lust auf unbezahlte ehrenamtliche Arbeit –war es von Anbeginn ein kühnes Vorhaben. Von den Innereien des verblichenen Kult-Cafés war nichts mehr übrig, abgesehen von ein paar abgestoßenen Fliesen und Mathilda, dem alten Klavier. Trotzdem hatte der Vereinsvorsitzende, Manfred Huber, so etwas wie ein Revival des Gramsci versprochen. Und natürlich ist die Spannung groß: Ist es nun wirklich wieder so wie früher, als noch Wirt Christian Salvermoser hinterm Tresen stand?
Das neue Lokal ist lässiger, geräumiger und „bieriger“
Man kann die Frage mit einem glasklaren „Jein“ beantworten. Es ist eine liebevolle Neuinterpretation des alten „Café Gramsci“. Innen und außen weisen Schilder auf das vielfältige Bierangebot hin, Schwerpunkt: regionale Braukunst. Die flankierende Theke bietet dem Dürstenden schon ab der Türmatte Linderung. Von der Wand strahlt eine Afro-Schönheit, die Lockenpracht besteht aus Schallplatten, Black Power mit Feinrille. Das Mobiliar: sparsam. Eher Club als Kneipe. Pep statt Patina.
Im Innenhof spielt die Bluegrass-Band „Blue and Lonesome“ gegen den Lärm der Feierlustigen an. Sogar zwei mit Manfred Huber befreundete Biker-Gangs aus Bremen sind angereist, auf alten Kawasakis und Mopeds. „Coole Sache“, sagt der Vereinschef und lacht. Aber seine Freude ist nicht ganz ungetrübt an diesem Abend. „Wir haben die Schanklizenz erst um halb fünf bekommen“, sagt er und schnauft. Um sechs war die Eröffnung. Jetzt müssten sie dem Gewerbeamt noch einige Dokumente nachreichen. Die Schanklizenz gilt auch nur vorläufig.


Blendend läuft es dafür mit den Nachbarn vom Verein „Jetzt“, der im Gebäude nebenan sitzt. Die Vorsitzende, Sabine Seeholzer, ist ganz begeistert von den neuen Gramsci-Betreibern. „Supertolle Leute“ seien das, schwärmt sie, und „extrem hilfsbereit“. Seit Jahren hatte der Kulturverein Probleme mit seiner Sickergrube. Jetzt haben die Handwerker vom „Kult-Gramsci“ ihnen eine Pumpe hingebaut, mit der sie das Abwasser über den Kanal des Café Gramsci einleiten können. Auch Huber spricht von einem „tollen Miteinander“: Die Bühne im Innenhof, der große Freiausschank, das hat ja alles der Verein gebaut. Genutzt wird es gemeinsam.
Derweil wird gefeiert, als gäbe es kein morgen. Dabei weiß jeder, dass auch das neue, schmucke Gramsci ein Abrisskandidat ist: Die Klosterschule auf dem Nachbargrundstück platzt aus allen Nähten. Und wenn die Stadt in drei Jahren vielleicht wieder Geld hat, wird sie das Kultur-Areal planieren. „Das ist ein Kleinod, wie es das in Dachau nie mehr geben wird“, sagt Sabine Seeholzer. Doch für Wehmut ist es noch zu früh. Mindestens drei Jahre soll der Betrieb im Gramsci laufen. Bis dahin fließt noch jede Menge Bier die Kehlen herunter.
Geöffnet ist das Gramsci donnerstags und freitags von 18 Uhr an sowie bei Konzerten. Den ersten Auftritt hat Selina Martin am 9. Mai. Alle Informationen gibt es auch online unter www.gramsci-kult.de.

