Kultur in Dachau:Wege zur Wirklichkeit

Für die neue Wasserturm-Ausstellung mit dem Titel "Nichts für die Ewigkeit" befassen sich die fünf Künstler in ihren Werken mit den ganz großen gesellschaftlichen Fragen

Von Karolin Arnold, Dachau

Nichts ist für die Ewigkeit

Diese Schuhe sind nicht zum Gehen gemacht, sondern in Metall gegossen und ein Werk von Martin Walser.

(Foto: N.P.JØRGENSEN)

Die neue Ausstellung im Dachauer Wasserturm trägt den Titel: "Nichts ist für die Ewigkeit". Auf drei Ebenen richten die fünf Künstlerinnen und Künstler ihren Blick auf die Gegenwart, die Vergangenheit und die Zukunft.

Nichts ist für die Ewigkeit

ira Fritsch zeigt, wie grausam Märchen sein können.

(Foto: N.P.JØRGENSEN)

Kira Fritsch, Künstlerin aus München, legt mit ihren Arbeiten den Fokus auf die Themen Schmerz, Angst und Schutz. Dabei taucht sie ein in Märchenwelten und zeigt, wie gegensätzlich diese Erzählform sein kann. Auf der einen Seite würden Märchen hoffnungsvolle Heldengeschichten erzählen, auf der anderen Seite könnten sie die "grausamsten Dinge zeigen", so Fritsch. Eine Zeit lang habe man Kindern keine Märchen vorgelesen, weil diese das nicht verkraften würden. Damit zieht Kira Fritsch ihre ganz eigene Parallele zur Wirklichkeit. Schaue man sich in der Welt um, so halte man die Realität "ja eigentlich gar nicht mehr aus", sagt sie. Fritsch nähert sich mit ihren Arbeiten essenziellen Fragen, die gerade in der Corona-Pandemie und angesichts der aktuellen Weltlage an Relevanz gewonnen haben. Etwa: Wie umgehen mit der Angst?

Das Werk "Im Herzwald" zeigt einen Tisch, auf dem Märchenelemente drapiert sind, welche die schönen und düsteren Seiten der Geschichten offenbaren. Das Liebespaar trohnt unter einem dornigen Dach, umgeben von Scherben eines Spiegels. Ein paar Schritte weiter zeigt Fritsch einen Märchenwald. Dort steht der böse Wolf neben dem unscheinbaren Hasen und winzig kleine Menschenfiguren reihen sich zwischen dunklen Baumskulpturen aneinander. Der Wald fungiere hier als Sehnsuchtsort und Ort der Angst zugleich, sagt die Künstlerin. "Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das sich Ängste ausmalen kann", erläutert die Münchnerin. Neue Ängste seien entstanden, alte Ängste, wie die vor Wetterereignissen, wieder erstarkt. Jeder Mensch müsse seine eigene Strategie finden, mit der oft grausamen Wirklichkeit umzugehen. "Viele machen zu", sagt Fritsch, "lesen nur noch einmal die Woche die Zeitung, schauen keine Nachrichten mehr". Sie möchte aber darauf aufmerksam machen, dass die Gegenwart uns dazu zwingt, nicht wegzuschauen. Hinschauen, aber auch Handeln - das sind Botschaften, die vielleicht nicht beim ersten, aber doch beim zweiten oder dritten Blick aus den verwunschen anmutenden Installationen deutlich werden.

Die Künstlerinnen und Künstler spielen mit den Gegebenheiten des Ausstellungsortes. So ist der eben erwähnte Tisch ein Fundstück aus dem Wasserturm und die Nischen des Gebäudes laden dazu ein, auch mal um die Ecke zu schauen, ob sich dahinter ein weiteres Ausstellungsobjekt verbirgt. Auch der Künstler Moritz Walser wurde im Wasserturm fündig und nutzt einen alten Sockel aus Stein, um sein Werk mit dem Titel "Lieblings Schuhe 2014-19" darauf zu präsentieren. Es zeigt ein Paar in Metall gegossene Turnschuhe. Diese waren lange ein geliebtes Teil im Schuhschrank des Münchners. Er habe sie getragen, bis man sie nicht mehr reparieren konnte und nun "mit allen Gebrauchsspuren" erhalten, sagt Walser. Damit spielt er auf den "Turnschuhfetisch" an, den viele praktizieren. Die sportlichen Treter würden zu Luxusgütern und die Träger passten besonders gut darauf auf, wenngleich sie doch nur eine begrenzte Haltbarkeit hätten, führt Walser aus.

Er widmet sich auf seine Weise dem Leben in der modernen, schnelllebigen Konsumgesellschaft. Man stolpert beinahe über das Werk "Versteinerung", das auf dem Boden der Ausstellung liegt. Es zeigt einen Metallguss, in dem leere Getränkedosen verarbeitet sind. "Was wird eine Generation mal von uns finden? Welche Relikte hinterlassen wir?" - Fragen, die Walser an sich und die Betrachter stellt. Fragen, die sich aber auch fernab von der Kunst immer stärker aufdrängen. Wie wollen wir den Planeten unseren Kindern hinterlassen? Wie wollen wir weiter zusammenleben? Abgesehen von Metallgüssen finden sich auch aufwendige Fotografiearbeiten und Zeichnungen, beziehungsweise Radierungen, von Walser im Wasserturm. Zwei Zeichnungsserien lenken den Blick auf die sozialen Netzwerke. Die eine zeigt Ausschnitte eines Fitnessstudiokanals, auf dem sich die Sportler und Sportlerinnen inszenieren. Walser hat die Schnappschüsse mit einer Nadel und einer Plexiglasglasscheibe von einem Handybildschirm durchgepaust und mit einer alten Drucktechnik gedruckt. Entstanden sind dann Radierzeichnungen, welche die Menschen darauf unkenntlich machen und den Hintergrund, der eigentlich Nebendarsteller sein soll, in den Fokus rückt. Für die zweite Bilderserie hat er sich einen amerikanischen Account herausgesucht, der Frauen zeigt, die stolz mit Waffen posieren. Die Radierungen machen zum einen auf die Absurdität mancher Accounts aufmerksam. Zum anderen lassen sie die Betrachter über die Selbstinszenierung im Netz nachdenken und zeigen die Schnelllebigkeit des Mediums. Das einzelne Bild verliere an Bedeutung, es sei ein ständiges, schnelles weiterklicken, so Walser. Durch seine Art sich mit den Bildern zu beschäftigen, werte er die Motive ein Stück weit auf. Er setze sich lange mit den Motiven auseinander und "sie kommen jetzt anders daher."

Nichts ist für die Ewigkeit

Christian Weiß hat sich selbst porträtiert und sein Gesicht hinter einem Smiley-Brot versteckt.

(Foto: N.P.JØRGENSEN)

Der Münchner Künstler Christian Weiß nähert sich mit seinen Arbeiten gesellschaftlichen Prozessen, Traditionen und Ritualen. "Die Geister, die ich rief...", zeigt zwei Deckenstücke eines ehemaligen Münchner Clubs. Die Brandschutzplatten hat Weiss mit "Fackelzeichnungen" versehen, die verschiedene Geschichten erzählen. Weiß stellt die Sinnfrage bei bestimmten Ritualen, wie dem des "Party machens". Eigentlich sei es ja schon "eine seltsame Sache", dass man sich beispielsweise in einer Bar neben wildfremde Menschen setze und sich dabei wohlfühle, so Weiß. "Was bleibt von der Party übrig? Was jagen wir eigentlich hinterher?", fragt der Künstler. Es ist die Beschäftigung damit, wie man als Gesellschaft zusammenlebt und warum man bestimmte Rituale ausübt. Weiß setzt sich damit auseinander, welche Dinge in verschiedenen gesellschaftlichen Räumen Bestand haben und welche vergänglich sind. "Nur eine Gesellschaft, die sich verändert, kann weiter bestehen", sagt er. Modern und aktuell kommt der Leuchtkasten mit dem Titel "No bread, no art!" daher. Christian Weiß zeigt dabei ein Selbstporträt. Sein Gesicht aber ist verdeckt von einem runden Brot, aus dem er selbst einen lachenden Smiley herausgebissen hat. Für den Betrachter bleibt offen, ob die Mundwinkel des Künstlers auch nach oben zeigen. Der Bezug zur aktuellen Debatte über den Stellenwert von Kunst und Kultur, aber auch zur Vergangenheit wird deutlich. Schon früher fungierte "der Brotpreis als Index für die Verfasstheit der Gesellschaft", erklärt Weiß.

Nichts ist für die Ewigkeit

Anna Pfanzelt taucht mit ihrer Arbeit in eine Traumwelt ab.

(Foto: N.P.JØRGENSEN)

Alle fünf Kunstschaffende bieten im Wasserturm Anstöße, die Welt aus einer anderen Perspektive zu betrachten. In den Arbeiten finden sich aber auch ganz persönliche Geschichten der Künstlerinnen und Künstler. Anna Pfanzelt, aus dem Allgäu, kommuniziert dies deutlich. Bei der Arbeit "Starlight" wurde durch eine bestimmte Technik das Büttenpapier "nach oben" geholt. Dadurch entsteht ein leicht dreidimensionaler Effekt. Es sind eigene Traumwelten, welche die Künstlerin offenbart. Sehr persönliche Arbeiten seien es, die ihre eigene Welt und ihr Weltverständnis zeigen, so Pfanzelt.

In einem weiteren Raum stellt die Künstlerin zwei Zeichnungen aus, auf denen die Schattenlinien der dargestellten Skulpturen immer wieder nachgezeichnet wurden. Es zeige "die Kommunikation zwischen den Schattenlinien und den Skulpturen", erklärt Pfanzelt. Daraus zeiht sie eine Verbindung zur Kommunikation zwischen Menschen und zwischenmenschlichen Beziehungen. Die Frage danach, wo sich die Menschen in ihren Ansichten überschneiden, greife sie durch "die grafischen Überschneidungen" der Schattenlinien auf. Eine vollkommen andere Ausdrucksform hat Pfanzelt mit dem abgetrennten Kuhkopf gewählt. Dabei möchte sie für den Betrachter offen lassen, was dieser darin sieht. Der einzelne Kuhschädel könne sowohl in einem wohligen Sandbett liegen, als auch in Asche. Die Kuh stellt für die Künstlerin einen Heimatbezug dar. Aber auch der unterschiedlich hohe Stellenwert des Tieres in verschiedenen Ländern und Kulturen, beschäftigt die Künstlerin schon länger.

Nichts ist für die Ewigkeit

Bettina Paschke widmet sich in ihrer Bilderserie dem Anspruch auf Perfektion.

(Foto: N.P.JØRGENSEN)

Die Ausstellung verlangt den Besuchern in Teilen viel Vorstellungskraft ab. Manchmal ist die Intention sofort erkennbar und manchmal lassen die Werke hingegen viel Platz, um die eigenen Weltansichten in den Werken zu lesen und diese zu hinterfragen. Das gesellschaftliche Zusammenleben, innere und äußere Prozesse und die Bedeutung verschiedner Symbole, vereint die fünf Kunstschaffenden. Auch Bettina Paschke, Künstlerin aus Graz, verarbeitet sehr persönliche Prozesse in ihren Werken. Sie zeichnet mal nur winzige Striche, mal bilden die Linien Muster. Die Künstlerin erhält dabei aber stets ihre eigene Handschrift. Mit der Serie "Rapid Lines" widmet sie sich ihrem eigenen Anspruch, perfekt sein zu wollen. Sie gehe an die Arbeiten heran, in dem Wissen, dass sie diesem Anspruch eigentlich nicht gerecht werden könne. Die Striche sollten beispielsweise immer die gleiche Neigung haben. Das Scheitern an der Perfektion, mache die Arbeit erst lebendig, so Paschke. Die Grazerin bezieht den Willen, keine Fehler zu machen, aber nicht nur auf sich selbst, sondern auch auf ein gesamtgesellschaftliches Gefühl. Dabei trifft sie womöglich bei vielen einen Nerv. Die Forderungen, möglichst gute, nahezu perfekte, Leistungen zu erbringen, begegnen vielen im Alltag, im Job und im Privaten. Auch Themen wie Entschleunigung und der Rückzug spielen bei Paschkes Werken eine große Rolle. Sie lasse die Zeichnungen "ganz langsam wachsen" und "entscheide sich bei jedem Strich neu", sagt sie. Sie frage sich immer wieder, ob sie in diese Richtung gehen wolle oder doch etwas dagegen setze. Auch bei einem kleinen Papierformat erscheine das Blatt anfangs unendlich, es gehe nur in kleinen Schritten voran. Irgendwann sei das Blatt voll, erklärt die Künstlerin "und dann fange ich die nächste Ewigkeit an".

© SZ vom 02.09.2021
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