Kultur in Dachau:Was auf der Strecke bleibt

Neun Künstlerinnen und Künstler thematisieren in der aktuellen Ausstellung der Neuen Galerie Dachau die ständige Zeitknappheit und den Geschwindigkeitsrausch, aber auch das Warten und Innehalten

Von Gregor Schiegl

Wir erklären, dass sich die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert hat: die Schönheit der Geschwindigkeit." So ist es im "Manifest des Futurismus" zu lesen, das die Zeitung Le Figaro am 20. Februar 1909 abdruckte. "Ein Rennwagen, dessen Karosserie große Rohre schmücken, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen", schwärmten die Wortführer der neuen Bewegung, "ein aufheulendes Auto, das auf Kartätschen zu laufen scheint, ist schöner als die Nike von Samothrake." Und dann schalten sie noch einen Gang höher. "Schönheit gibt es nur noch im Kampf. Ein Werk ohne aggressiven Charakter kann kein Meisterwerk sein."

Zweifellos hätten die Futuristen an der aktuellen Ausstellung "Tempo?" in der Neuen Galerie Dachau ihre helle Freude gehabt. In der Plastik von Stefan Rohrer mit dem Titel "Capri gegen Manta" wirbeln ein grüner Ford und ein gelber Opel (mit Rennstreifen) um eine enge Kurve wie Spielzeugautos in einer Carrera-Bahn: Die rasenden Karosserien verziehen sich im Raum zu einem Gewirr gekrümmter Linien und laufen in Kühlerhauben von unglaublicher Länge aus.

Kultur in Dachau: Rasant in die Kurven geht es bei "Capri gegen Manta" des Stuttgarter Künstlers Stefan Rohrer.

Rasant in die Kurven geht es bei "Capri gegen Manta" des Stuttgarter Künstlers Stefan Rohrer.

(Foto: Toni Heigl)

In der bereits seit einigen Wochen laufenden Ausstellung hat sich das quietschbunte Vier-Meter-Werk zum absoluten Publikumsrenner entwickelt, was auch an ihrem postfuturistischen Witz liegt. Die Fliehkräfte ziehen die Räder aus dem Chassis und die beiden Fahrer schießen mit ihren Schleudersitzen himmelwärts: Beide Fahrzeuge zerlegt es im Stile eines Comics, sehr bunt, sehr actionreich aber völlig unblutig. Der deutsche Tempowahn als infantiles Straßenkampf-Spektakel.

Die zeitgemäßere Version liefert der Fotograf und Rennradler Olaf Unverzart mit seinen Schwarz-Weiß-Fotos alpiner Passstraßen. Die Landschaft ist dabei nur von randständigem Interesse. Nachträglich eingefügte rote Linien auf der Fahrbahn zeigen, wie man am flottesten um die Kurven brettern kann. Tempo ist auch eine Frage der (Selbst-)Optimierung. Aber zu jeder Bewegung gibt es auch eine Gegenbewegung. Eine Sehnsucht nach Entschleunigung. Und dann ist da ja auch noch Corona: Die Pandemie hat die betriebsame Gesellschaft brutal ausgebremst, insbesondere den Kulturbetrieb.

Tempo?

Auch in der Fotoserie "The Line" von Olaf Unverzart spielen Kurven eine zentrale Rolle.

(Foto: Neue Galerie)

Die Ausstellung in der Neuen Galerie hatte Jutta Mannes schon für 2020 geplant gehabt mit dem Titel "Tempo!" Das Ausrufzeichen ist einem Fragezeichen gewichen, was nicht nur besser zur Ambivalenz unserer Zeit passt, sondern auch zum Thema: Es gibt ja nicht nur das Rasen und die Getriebenheit des modernen Menschen, sondern auch die jene Momente, in denen der Zeitflusse ins Stocken gerät.

Diese Erfahrung kann man gleich an der ersten Station dieser Ausstellung machen: Die Dachauer Künstlerin Verena Seibt hat einen Raum eingerichtet mit all den nüchternen und immer ein wenig beklemmenden Requisiten eines ärztlichen Wartezimmers: Industrieteppich, Neonröhren, pflegeleichte Holzmöbel, sogar selbst gestaltete Gala- und Bunte-Heftchen liegen aus. Statt Promiklatsch findet sich darin allerlei Anatomisches, auf dem Boden führen Schläuche in organische Gebilde aus Gips. "Man ist an solchen Orten auch auf seine Körperlichkeit zurückgeworfen", erklärt Jutta Mannes.

Werner Alt braucht für seine Betrachtungen über das Warten nur ein Blatt mit 40 Lochverstärkern. Ein überzähliger Lochverstärker klebt daneben an der Wand. Möglicherweise wartet er darauf, dass ein Loch frei wird - ein Platz zum Kleben. In diesem Readymade aus der Schreibwarenhandlung steckt viel Witz, doch viele Besucher hat das Werk ratlos zurückgelassen. "Manche waren davon überfordert", sagt Jutta Mannes. Aber das nehme sie in Kauf. "Man muss die Leute auch ein bisschen fordern."

Kultur in Dachau: Die Dachauer Künstlerin Verena Seibt setzt die Besucher ins Wartezimmer, wo man geradezu physisch spüren kann, wie nichts vorwärts geht.

Die Dachauer Künstlerin Verena Seibt setzt die Besucher ins Wartezimmer, wo man geradezu physisch spüren kann, wie nichts vorwärts geht.

(Foto: Toni Heigl)

Dafür sorgen auch drei Arbeiten aus der Sparte Videokunst. Mit lärmenden Soundeffekten buhlen sie um die Aufmerksamkeit des Besuchers: In einem Guckkasten von Clea Stracke kann man sich zu einer melancholischen "Winterreise" auf die Münchner Theresienwiese aufmachen. Die Bewegungen der Kamera sind langsam, die Wege verschneit, der Himmel hell, während flaumige Flocken zu den Geräuschen der Stadt niedertaumeln. Die polnische Künstlerin Aleksandra Signer hat in einem knapp zehnminütigen Film aus dem Fenster eines fahrenden Zuges gefilmt. Am Takt der vorbeiziehenden Strommasten erkennt man die Geschwindigkeit; eine Landschaft ist nicht zu sehen, nur das verregnete Fenster, von dem der Fahrtwind die Tropfen wischt. Und aus schnell wechselnden Schwarzweiß-Einzelbildern - gesichtslose Rohbauten und die Gerippe riesiger Baukräne - hat Stefanie Unruh einen Film in Endlosschleife über die permanente Bautätigkeit der Städten geschaffen, den ein Mix aus Baustellengeräuschen, Straßenlärm und treibenden Beats in ein flackerndes Stahlbetongewitter verwandeln.

Was auf der Strecke bleibt, wenn man zu schnell unterwegs ist, hat Susanne Neumann zusammengetragen. Auf der Route zwischen Florenz nach Scandicci gibt es eine beliebte Abkürzung, die allerdings recht kurvig und eng ist und an einigen Mauern vorbei führt. Hier bleiben die flotten Fahrer immer wieder mit ihren Seitenspiegeln hängen. Die zerborstenen, teilweise überfahrenen Spiegel in unterschiedlichen Farbtönen und Formen (von der Vespa bis zum Zementlaster) hat Neumann zu einem Ensemble schmückender Objekte zusammengetragen. Ob die glitzernden Hinterlassenschaften des automobilen Zeitalters schöner sind als die Nike von Samothrake muss am Ende jeder selbst für sich entscheiden.

Tempo? Reflexionen über Geschwindigkeiten. Neue Galerie Dachau. Zu sehen bis 28. November.

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