Kultur in Dachau:Unendliche Weiten

Die Künstlervereinigung Dachau eröffnet am Sonntag ihre große Sommerausstellung "Alien Polka". Zu sehen sind vielfältige zeitgenössische Druckgrafiken von 33 Künstlern aus ganz Deutschland

Von Gregor Schiegl, Dachau

Die fliegende Untertasse ist winzig, kaum größer als ein Kinderplanschbecken, das Alien in dem gepunkteten Anzug muss sich da schon richtig rein quetschen. Ohren hat das fremde Wesen nicht, auch keine Nase oder Fühler, dafür ein großes Auge, mit dem es neugierig in die Welt glubscht. So schwirrt der Außerirdische als illustratives Detail über die Rückseite des Katalogs zur neuen Schlossausstellung der Künstlervereinigung Dachau (KVD). Der Titel: "Alien Polka". Das klingt nach Weltraum mit jauchzendem Brauchtum, "Alien Polka", so könnte auch ein Sci-Fi-B-Movie mit windschiefen Pappkulissen heißen. Doch solche Assoziationen bringen einen leicht auf die falsche Umlaufbahn.

Kultur in Dachau: Die Plakate zur Ausstellung sind schon gedruckt: Margot Krottenthaler, Johannes Karl und Florian Marschall vom KVD-Vorstand.

Die Plakate zur Ausstellung sind schon gedruckt: Margot Krottenthaler, Johannes Karl und Florian Marschall vom KVD-Vorstand.

(Foto: Toni Heigl)

In der alle zwei Jahre stattfindenden Schlossausstellung dreht sich in diesem Jahr alles um die Druckgrafik, eine äußerst vielseitige künstlerische Technik und zugleich ein frühes Massenmedium. Im 15. Jahrhundert wurden Andachtsbilder im Einblattholzschnitt unter die Gläubigen gebracht, als sakrale Gebrauchsgüter für die Andacht zuhause, in Masse produziert und daher auch für den armen Sünder leistbar. Der Buchdruck brachte Wissen in die Köpfe, neue Ideen und bisweilen auch neue Bilder von der Welt, man denke nur an Dürers gepanzertes "Rhinocerus". Dieser bodenständige Teil der Geschichte erklärt das Wort "Polka" im Titel: "Das ist das Klassische, Traditionelle, das jeder von uns im Kopf hat, wenn er etwas von Druckgrafik hört", sagt Margot Krottenthaler, Mitglied des KVD-Vorstands.

Aber wie kommt man jetzt bitte von Ritter, Tod und Teufel zu den Aliens? Da könnte man nun die Route über Bietigheim-Bissingen nehmen. Dort bestaunte Margot Krottenthaler vor nicht allzu ferner Zeit eine Ausstellung mit zeitgenössischen Druckgrafiken. Sie zeigte, dass das künstlerischen Vehikel der Druckgrafik - so alt es ist - im modernen Kontext zur Rakete taugt, in der man in ganz neue Sphären vordringen kann wie das Raumschiff Enterprise. Eine ähnliche Unternehmung in Dachau zu wagen, das lag nahe. "Die Druckgrafik ist ja auch in Dachau verortet", sagt Margot Krottenthaler. Von Andreas Kreutzkam, Bruno Schachtner, Klaus Eberlein, und Alfred Ullrich kann man behaupten, sie seien in der Druckgrafik zuhause. "Uns war wichtig, dass wir eine möglichst breite Palette zeigen", sagt die Künstlerin. Die Druckgrafik bietet schließlich einen ganzen Kosmos an Ausdrucksmöglichkeiten. "Alien Polka" beweist es.

Alien Polka

Aus der Serie "History goes Pop" von Christian Sedelmayer.

(Foto: KVD)

Wie bei früheren Schlossausstellungen hat die KVD auch diesmal Gastkünstler aus ganz Deutschland nach Dachau eingeladen, allesamt Experten ihres Fachs. "Der KVD ist es von jeher wichtig, über den eigenen 'artspace' hinauszublicken und möglichst vielfältigen, vielleicht auch 'fremden' Sichtweisen einen Raum zu bieten", heißt es dazu im Katalog, wo man schon einen ersten Eindruck der ausgestellten Arbeiten bekommt. Zusammengefasst kann man sagen: Sie sind größer, bunter, komplexer, origineller und oft sogar auch sehr viel räumlicher als erwartet. Vielfach steht auch der künstlerische Prozess al solcher im Fokus.

Die Leipzigerin Julienne Jattiot hat 50 verschiedene Linolschnitte in mehrfarbigem Druck hergestellt und jeden Druckvorgang einzeln abfotografiert. Die 277 so entstandenen Bilder wurden im Stop-Motion-Verfahren zu einem "Apokalyptischen Roadmovie" von 58 Sekunden arrangiert. Zu sehen ist ein Knochenmann mit verbeultem Anzug und Hut (der Voodoo-Schutzheilige Papa Legba), der seinen alten Cadillac durch eine Landschaft tanzender bunter Quadrate steuert.

Alien Polka

Julienne Jattiots "Apokalyptischer Roadmovie".

(Foto: KVD)

An Experimentierlust lassen es auch die örtlichen Künstler nicht missen. Der Vierkirchener Marian Wiesner hat alle Materialien für sein Mixed-Media-Objekt "Präsenz"selbst erzeugt: Der Druckstock ist eine Scheibe aus dem Bienenwachs seiner eigenen kleinen Imkerei. Das Flachsbüttenpapier hat er aus den Fasern seiner selbst angebauten Leinpflanzen hergestellt, die Druckfarbe besteht aus dem gepressten Leinöl derselben Pflanzensaat und Ruß. "Die beiden Materialien Flachs und Wachs sind für mich sehr präsent, weil ich viel damit zu tun habe", erklärt der Künstler im Katalog seine Arbeit. "Umgekehrt betrachtet, könnte man sagen: In der vielen Handarbeit, beim Anbau, der Herstellung und der Gewinnung fühle ich mich präsent."

Alien Polka

Gesa Puells Kuben.

(Foto: KVD)

Für Florian Marschall, der sich als punktgenauer fotorealistischer Feinzeichner einen Namen gemacht hat, war die Arbeit mit der Druckgrafik noch Neuland, das er aber ohne Furcht betreten hat. Ein drei Meter langes Fichtenbrett bearbeitete er so lange mit Stahl- und Kunststoffbürsten, bis nur noch die harten Teile der Maserung übrig blieben. "Als ich gesehen habe, dass man die auch mit fünf Metern kaufen kann, kam der Größenwahn", sagt er lachend. Die Auflage des zweifarbigen XXL-Drucks - ob hoch oder quer, kann sich jeder selbst aussuchen - hat eine Auflage von vier Stück. Aber eigentlich sind es Unikate, denn das Ergebnis sieht im Detail dann doch immer etwas anders aus.

Alien Polka

Margot Krottenthalers "Expedition Planet Past".

(Foto: KVD)

Als Medium mit eigenen Gesetzmäßigkeiten verteidigt die Druckgrafik nach wie vor ihre Eigenständigkeit. Eine einmal getroffenen Entscheidung ist unumkehrbar. Das Material und der handwerkliche Prozess bringen eine Reihe von Unwägbarkeiten mit sich und auch darin liegt ihre Anziehungskraft: "Die Druckgrafik ist oft das Überraschendere", findet Margot Krottenthaler. Für ihren Beitrag "Expedition Planet Past" hat sie ein etwa 100 Jahre altes Gruppenfoto auf eine Linolplatte übertragen. Das erforderte eine gewisse Vereinfachung, bei der es unzählige Detailentscheidungen zu treffen galt. Jeder Schnitt war für die Künstlerin zugleich eine "Ent-Fremdung" von der Vorlage im wörtlichen Sinne und eine erneute Aneignung. Die Herausforderung: "dass es den Ausdruck des Fotos am Ende trotzdem noch wiedergibt". Nicht als simple Nachahmung, sondern als dichtes Konzentrat durch Reduktion.

So darf man sich auf eine ungewöhnlich experimentierfreudige Ausstellung freuen, mit einigen altbekannten und vielen neuen Künstlern. Eröffnet wird der schwerelose Tanz am Samstagvormittag. Raumanzug und Helm sind nicht vonnöten, wohl aber die auf dem Planeten Erde seit einiger Zeit obligatorische FFP2-Maske.

Alien Polka. 33 Positionen zeitgenössischer Druckgrafik. Große Sommerausstellung der KVD im Schloss Dachau. Eröffnung am Sonntag, 1. August, 11 Uhr. Geöffnet jeweils Mittwoch bis Samstag 16 bis 19 Uhr und Sonntag 14 bis 18 Uhr. Zu sehen bis 5. September.

© SZ vom 29.07.2021/gsl
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