Kultur in Dachau:Total verspult

Die Münchner Künstlerin Ellen Kettelake-Sick hat ein Faible für Garn. Material und Motiv liefern ihr Anknüpfungspunkte für Betrachtungen über das Leben. Zu sehen ist ihre Ausstellung im Wasserturm

Von Karolin Arnold, Dachau

In der aktuellen Ausstellung im Dachauer Wasserturm ist der Name Programm: "Der rote Faden": Bereits außen am Turm, schlängelt sich der Faden hinein in die Ausstellung der Künstlerin Ellen Kettelake-Sick. Die Münchnerin widmet sich in unterschiedlichen Ausdrucksformen dem Handwerk der Spinnerei. Die Garnrollen, die in den verschiedensten Formen und Farben zu sehen sind, haben eine hohe Symbolkraft für die Künstlerin.

Kultur in Dachau: Die Garnrolle steht für den richtigen Weg.

Die Garnrolle steht für den richtigen Weg.

(Foto: Toni Heigl)

Bereits seit dem Studium beschäftigt sie das Thema Faden. Schon damals sei sie fasziniert gewesen von einer Spinnerei, deren Inneres sie oftmals als Fotomotiv genutzt habe. Die Fabrik musste kurze Zeit später schließen. Der Künstlerin sind als Erinnerung, Kistenweise Garnrollen aus der Spinnerei geblieben, mit denen sie lange nichts anzufangen wusste.

Erst viele Jahre später habe sie angefangen, mit den Garnrollen zu experimentieren und in den Rollen menschliche Züge entdeckt. Was für den Besucher auf den ersten Blick skurril erscheinen mag, wird bei näherer Betrachtung verständlich.

Die Garnrollen seien industriell aufgespult worden, für den weiteren Verarbeitungsprozess werden sie aufgerollt. Wir Menschen würden diese Erfahrung in gewisser Weise auch machen, sagt sie. Die Gesellschaft, alte Traditionen und frühere Generationen gäben uns einen Weg vor. Unsere Aufgabe sei es, die eigene Geschichte und Traditionen "aufzuspulen", zu entwirren und zu merken, von welchen Zwängen wir uns lösen möchten, erklärt sie. Der Lebensfaden fungiere als Orientierungshilfe und eigne sich als Metapher für den eigenen Lebensweg, so die Münchnerin.

Besonders auffällig sind die großen, dreidimensional wirkenden Holzkisten, die, die Kunstschaffende an einer Wand platziert hat. Am äußeren Rand der Kisten hat die Künstlerin durch eine Stempeltechnik tapetenartige Muster aufgedruckt. In der Mitte eröffnet sich durch einen Schnitt der Blick in das Innere der Kiste. Immer wieder tauchen diese Einschnitte und kleinen Einblicke, die nicht alles offenbaren, in ihren Werken auf. "Wir Menschen suchen oft nach einem Tapetenwechsel, wollen hinter die Oberfläche schauen", sagt Kettelake-Sick. So zeichnet sich ab, worum es der Künstlerin in dieser Ausstellung geht: Hinter die Fassade blicken, vor allem hinter die eigene und den eigenen roten Faden finden.

Kultur in Dachau: Die Spinnerei lag auf ihrem Weg zur Uni.

Die Spinnerei lag auf ihrem Weg zur Uni.

(Foto: Toni Heigl)

Die rötlich leuchtende Kiste zeigt eine Garnrolle, die das geschafft habe, sagt Kettelake-Sick. Die industrielle Garnrolle wickelt sich auf und in den weiteren kleinen Ausschnitten des Bildes erkennen die Besucher, wie sich der weiße Faden an einer zweiten Spule ganz anders, weniger geradlinig, nach oben windet. Im wahrsten Sinne des Wortes spricht die Künstlerin von einer "individuellen Entwicklung", die auch auf den Menschen übertragbar sei. Jeder müsse zu sich finden und Lasten aus früheren Generationen ablegen und die eigene Rolle im Leben finden, so Kettelake-Sick.

Die Besucher bekommen zumindest für die Ausstellung einen roten Hilfsfaden an die Hand. Dieser spannt sich über die drei Stockwerke hinweg an den Wänden entlang. Mal verläuft der Faden geradlinig, mal im Zickzack und dann diagonal von einer Wand zur anderen. Dies sei wie im Leben, mal begeben sich Menschen auf Umwege und manchmal auch auf Irrwege. "Man geht nicht immer den gleichen Weg und kann dann immer wieder woanders anknüpfen", ergänzt die Künstlerin.

An manchen Stellen hat sie thematisch passende Zitate von Dichtern und Schriftstellern an den roten Faden geheftet. Das für sie wichtigste Zitat stamme von Marc Aurel. Er spreche über einen unsichtbaren Faden, der im Innersten verborgen sei. Kettelake-Sick interpretiert den Satz für sich so: "Es geht dabei um den Zufall im Leben und den Schicksalsfaden, der einen in eine bestimmte Richtung zieht."

Garn Künstlerin Ellen Kettelake-Sick Dachau

Jeder müsse zu sich finden, Lasten aus früheren Generationen ablegen und die eigene Rolle im Leben finden, so Kettelake-Sick.

(Foto: Toni Heigl)

In anderen Werken widmet sich die Künstlerin auch den düsteren Seiten des Lebens. Eines der Gemälde wirkt sehr einschüchternd und zeigt in dunklen Farben, wie qualvoll es sein kann, wenn der rote Faden reißt. Auch die Angst vor dem Leben und die Unsicherheit über den richtigen und falschen Weg greift die Künstlerin auf.

Besonders die Angst vor Entscheidungen werde durch zu langes Zögern immer größer, so die Künstlerin. Aber wenn man die Angst überwinde, sei dies oft mit einen Gefühl von Freiheit verbunden.

So seien ihre Werke auch eine Aufforderung zu mutigen Entscheidungen im Leben. Jeder, der die Ausstellung besucht, darf sich aus einem Koffer einen roten Faden nehmen. Dieser fungiere als Inspiration den eigenen Lebensfaden in die Hand zu nehmen. Der rote Faden der sich durch ihr Leben zieht sei die Kunst, so Kettelake-Sick.

Mit musikalischer Begleitung von Andre Kuhmann, wurde die Ausstellung am Donnerstag eröffnet. Den Besuchern steht sie ab sofort bis zum 4. Oktober, jeweils von Donnerstag bis Sonntag offen.

© SZ vom 24.09.2021
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