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Kultur in Dachau:So wandelbar wie der Himmel

Nachdem bereits Werke von Heinz Mack und Günther Uecker von der Künstlergruppe Zero in der Galerie Lochner zu sehen waren, sind dort nun auch Bilder des dritten im Bunde, Otto Piene, ausgestellt. Seine Inspiration waren die Elemente der Natur

Von Gregor Schiegl, Dachau

Zwei der bekanntesten Vertreter der Künstlergruppe Zero waren in den vergangenen Monaten schon in der Galerie Lochner in der Dachauer Altstadt mit ihren Arbeiten zu sehen: Heinz Mack, berühmt für seine Lichtinstallationen in der Wüste, und Günther Uecker, dessen Nagelbilder die Wände internationale Museen schmücken. Nun folgt der Dritte im Bunde, der 2014 verstorbene Otto Piene, der sich einer breiteren Öffentlichkeit vor allem einen Namen mit seiner Sky Art gemacht hat, aufblasbare Skulpturen, die den Himmel schmückten. Bei der Münchner Olympiade 1972 ließ er einen Regenbogen aufsteigen, ein Friedenssymbol mit weltweiter Strahlkraft. Allerdings kann man solche Riesenobjekte aus naheliegenden Gründen nicht in einer winzigen Galerie zeigen, nur auf Fotografien dokumentieren - und das tut diese kleine Kunstschau in Dachau, wenn auch nur klein und ganz am Rande.

"Eigentlich wollte ich diese Ausstellung schon im Frühjahr machen", sagt Galerist Josef Lochner. Bekanntlich legte zu dieser Zeit das Coronavirus das öffentliche Leben und auch den Kulturbetrieb lahm, die ganze Planung geriet kräftig durcheinander, was dazu führte, dass der katalanische Künstler Antoni Tàpies in Dachau schon fast so etwas wie eine Dauerausstellung bekam. Der anbrechende Herbst ist für eine Otto Piene-Ausstellung aber geradezu ideal. Seine großen Themen sind genau das, was, man an grauen, kalten Tagen am meisten braucht: Farbe, Licht und Wärme. "Die Energie des Lichts verwandelt sich auf rätselhafte Weise über dem Felde des Bildes in vitale Energie des Sehenden", sagte der Künstler einmal, und wer seine Bilder gesehen hat, versteht auch sofort warum.

Otto Piene

Mit den bunten Bildern seiner früheren Phasen haben die späteren nur noch wenig gemein.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Von besonderer Leuchtkraft ist das an zentraler Position zwischen zwei Reliefsäulen der Galerie präsentiertes Blatt aus der Siebdruckserie "Addis Abeba". Obgleich Piene hier, im Jahr 1972, seine Arbeiten noch aus eher flächigen Farbformen komponiert, ergibt sich aus den Überschneidungen eine florale Form mit erstaunlicher Tiefenwirkung. Vor dem Auge entfaltet sich ein orchideenartiges Gebilde. Licht, Energie und Leben - hier sieht man, wie all dies zusammenhängt und bei Piene auf höchst sinnliche Weise zusammenfließt. "Addis Abeba" ist nach der äthiopischen Hauptstadt benannt, dies aber mit Hintersinn, denn der Name bedeutet auf deutsch "Neue Blume".

Noch vereinfachter zeigt sich der auf zweierlei Rot- und Blautöne reduzierte Siebdrucke "Ciel rouge, ciel bleu" - roter Himmel, blauer Himmel - wobei die Raumwirkung ähnlich artifiziell erscheint wie die knalligen Farben: Der Eindruck von Tiefe stellt sich erst ein, wenn man die Farbflächen gewissermaßen als hintereinander gestellte Ebenen betrachtet. Dann aber entfaltet das von harten Farbkontrasten vibrierende Bild einen Sog, wie man ihn bei allzu langem Wolkengucken manchmal erleben kann. Das kommt nicht von ungefähr. Otto Piene, Jahrgang 1928, verbrachte oft Stunden damit in den Nachthimmel zu starren - allerdings nicht zu seinem Vergnügen, sondern als jugendlicher Flakhelfer im Zweiten Weltkriegs. Diese Erfahrung war prägend für ihn. "Denn im Krieg fiel der Strom oft aus, es gab gesetzliche Vorschriften zur Verdunkelung", erzählte er einmal in einem Interview. "Und als der Krieg vorüber war, gehörte es zum ersten, das passierte, nämlich dass den Menschen erlaubt wurde, ihr Licht wieder einzuschalten, und das Licht konnte durch die Fenster scheinen, die Straßen waren wieder beleuchtet. Dies hatte die Bedeutung eines existenziellen Wechsels und war eine wirklich bedeutende Erfahrung."

Otto Piene

Die "Twins" sind kurz vor Pienes Tod entstanden.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Otto Piene wandte sich den Elementen der Natur zu: der Luft, dem Licht, dem Rauch, dem Dampf, dem Feuer und das keineswegs nur in seinen Sujets. In verdunkelten Räumen ließ er Lichter tanzen zum kunstvoll choreografierten "Sternenballett", und in seinen berühmten Feuergouachen, durch das Verbrennen der Farben auf dem Bilduntergrund ließ er seine bekannten Feuergouachen entstehen, bei denen die Oberflächen zu bizarren Strukturen verbacken voller Krusten und Blasen. "Bilder kochen" hat Piene das genannt, gerade so, als wäre er ein Alchemist bei der Arbeit. Auch der beim Brand entstehende Ruß wird als gestalterisches Element mit einbezogen. Seine "Twins", zwei kalt weiß leuchtende runde Gebilde auf schwarzem Grund, erscheinen wie zwei Kometen, die hell gleißen in entgegengesetzten Richtungen aneinander vorbeirasen - diesen Eindruck legen die Rußschweife nahe. Bei näherer Betrachtung erkennt man kraterähnliche Strukturen auf den Zwillingskörpern und einen geheimnisvollen schwachen Glanz wie von Gneis. "Die Künstler der Gruppe Zero sind der Liebe und dem Kosmos verschrieben", so Piene.

Die "Twins" oder auch der mysteriöse blaue Himmelskörper "Blue Beard" sind Arbeiten, die 2014, kurz vor Pienes Tod entstanden und nur noch wenig gemein haben mit den reduzierten, flächigen Bilder der frühen Phase. Formen und Farben sind komplex, vielschichtig und filigran, und obwohl die Bilder abstrakt angelegt sind, sieht man oft gestochen scharf gegenständliche Motive. Besonders frappierend ist das bei "Unknown Tree", der sich, hergestellt in einem aufwendigen Reliefsiebdruckverfahren, präsentiert wie eine üppiger Laubbaum bei Dunkelheit, dessen obere Krone aber grell von einer Straßenlaterne beleuchtet wird.

Otto Piene

Die "Feuergouachen" sind ein bekanntes Stilmittel Pienes.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Beim ersten Blick in die Galerie Lochner könnte man meinen, hier wären Arbeiten von zwei verschiedenen Künstlern ausgestellt. Josef Lochner und sein Bilderpräsentationsexperte Gerhard Niedermair hatten erst Mal Schwierigkeiten, eine Hängung zu finden, die nicht nach einem totalen Durcheinander ausschaut. "So lange wie diesmal haben wir noch nie gebraucht", sagt Josef Lochner kopfschüttelnd. Später haben sie dann festgestellt, dass sie, ohne es zu wissen, die Arbeiten exakt nach dem Jahr der Entstehung gehängt haben. Wer sich beim Eintreten in die Galerie nach rechts wendet, um die Bilder gegen den Uhrzeigersinn zu studieren, kann die Entwicklung des Künstlers chronologisch nachvollziehen. Sein Vorbild, so sagte der Künstler einmal, sei der Himmel: "Der verändert sich auch ständig."

Otto Piene. Ausstellung in der Galerie Lochner, Altstadt, Konrad-Adenauer-Straße 7. Öffnungszeiten: Donnerstag, 16 bis 19 Uhr, Samstag, 12 bis 15 Uhr, Sonntag, 14 bis 17 Uhr; am Donnerstag, 3. Oktober, 14 bis 17 Uhr und nach Vereinbarung, Telefon 08131/667818 oder 0162/4559699. Zu sehen bis 15. November.Coronabedingt lagern die Kunstwerke der Victor-Vasarely-Ausstellung und der Antoni-Tàpies-Ausstellung noch bei Galerist Josef Lochner in der Münchner Straße 66. Sie können dort ebenfalls zusammen mit einem großen Bestand an Arbeiten von Markus Lüpertz nach Terminvereinbarung besichtigt werden.

© SZ vom 21.09.2020

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