Süddeutsche Zeitung

Kultur in Dachau:Sanfte, sommerliche Klänge im Regen

Die beiden Australier Tim McMillan und Rachel Snow begeistern ihr Publikum in Dachau

Von Viktoria Hausmann, Dachau

Dunkle Wolken ziehen über Dachau auf. Trotzdem drängen sich gut zwei Dutzend Leute unter den großen Sonnenschirmen des Biergartens an der Dachauer Kulturschranne. Darunter viele Freunde und alte Bekannte des Künstlerduos und viele Mitglieder des Vereins Tollhaus e.V. , der das Biergartenkonzert organisiert hat. Bis zur letzten Minute überlegen Tim McMillan und Rachel Snow, ob sie das Konzert nach drinnen verlegen sollen. Doch das Publikum möchte draußen bleiben. Also greift McMillan seine Akustik-Gitarre und Snow legt die Violine an. Es sind sanfte, leichte, sommerliche Klänge, voller Dynamik und Wärme, die sie ihren Instrumenten entlocken. Sie passen perfekt zum Biergarten, nur nicht ganz so zum Regen.

Die Texte sind tiefgründig, oft Natur bezogen und nachdenklich. Es geht ums Schlafwandeln, den Wind, die Flut, um tanzende Eulen, wilde Kinder, die durch die Nacht tollen und laufende Kaninchen. Passend, da sie bald Eltern werden. "Ich habe mich beim letzten Lied verspielt," scherzt McMillan zwischendurch mit dem Publikum: "Wenn das in Australien passiert, kommt der Bürgermeister mit dem Kopf eines Wombats zur Bühne und that means you're bannend for the next six month," erklärt er und entschuldigt sich kurz darauf für sein "schlechtes Deutsch". Sechs Monate Bühnenverbot, klingt dann doch etwas hart. Zumal die Kultur allgemein schon so unter Corona leidet. Der Zweite Bürgermeister Kai Kühnel, ein Freund und Fan der ersten Stunde, lässt natürlich Milde walten und Ruckteschell-Altstipendiat McMillan gelobt prompt während des Konzerts mindestens sechzig Prozent Deutsch zu sprechen.

Die Musik der beiden Melbourner lässt sich nicht auf ein Genre festlegen. Auch wenn Voreilige sie als Irish Folk bezeichnen würden. Das Duo wechselt zwischen Jazz, Blues, Gypsy Music, Folk, Klassik, Progressive Rock und Metal. So hört man in der Eigenkomposition "Caravan" eindeutige Balkanklänge gemischt mit einfachen Bluesakkorden. Im sogenannten "Bachdingsbums" - auch das ein Lieblingswort der beiden Wahldachauer - treffen klassische Pizzicati und Bachfugen auf Getrommel an der Gitarrenwand und natürlich hat die laut eigenen Aussagen "beliebteste Black Sabbath Tribute Band im Königreich Bayern" auch Lieder wie "Diary of a Madmen" von Ozzy Osbourne im Programm. Als kleine Erinnerungen an die Zeit in Italien, wo er für den selbsternannten Prince of Darkness gearbeitet hat.

Wenn Tim McMillan all diese Einflüsse in ein Genre stecken könnte, hieße es Goblin Core. Also so eine Art intensive Koboldmusik, die mal britisch, mal irisch, mal isländisch, mal klassisch klingt. Sie hat Ecken und Kanten und bleibt trotzdem leicht und wandelbar. Wie das Leben des Künstlerduos selbst. Tim McMillan war vor zehn Jahren der erste Künstler in der Ruckteschell-Villa. Seitdem ist er begeisterter Wahldachauer. Pendelt zwischen seinen Tourneen regelmäßig zwischen Australien, Dachau und Leipzig hin und her. So erzählt der Musiker zwischen den Pausen kleine Anekdoten von seinen Freunden im Publikum. Zum Beispiel, von Stefan, der ihm sagte, er wäre ungewöhnlich blass und dünn für einen Australier. Die wären doch eigentlich alle muskelbepackte Surfer. Der strikte Veganer McMillan rief daraufhin enttäuscht bei seiner Mutter an. "Und sie sagte zu mir, du bist ein Milchbubi", erzählt er der Menge: "Darauf wollte ich trainieren und brach mir den Ellenbogen." Er zeigt gespielt empört auf den Mann vor ihm im Publikum: "Du bist schuld, dass ich die Tour damals absagen musste, Stefan." Das Publikum lacht.

Die meisten Nummern an diesem Abend sind aus dem aktuellen Album "Reveries", dass sie 2019 im Dresdener Schloss aufgenommen haben. Diese Träumereien - das bedeutet Reveries auf Deutsch - schweben leicht und beruhigend durch den Regen, fast wie Schlaflieder, zu denen man in der nächsten Sekunde wieder ausgelassen tanzen möchte. Immer wieder bleiben Passanten stehen und hören zu. Obwohl der Regen stärker wird. So endet das Konzert dann doch drinnen. McMillan und Snow touren schon seit drei Jahren zusammen um die Welt. In ein paar Wochen werden sie zu dritt sein. Vierzehn Tage nach der Geburt ihres Kindes wollen sie wieder auf die Bühne - mit Babytrage und neuen Anekdoten.

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SZ vom 08.07.2021
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