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Kultur in Dachau:Präzise Improvisation

Die musikalische Darbietung des Trio "Kwestia", bestehend aus Geigerin Laura Schuler, Gitarrist Ronny Graupe und Schlagzeuger Alfred Vogel klingt mitunter exquisit - und wird im Laufe des Konzertabends dramaturgisch immer spannender.

(Foto: Toni Heigl)

Das Trio "Kwestia" zeigt sich beim Jazz e.V. in der Kulturschranne vielseitig: Zunächst wirkt die Musik feinsinnig und austariert, später wird sie konkreter, dem Rhythmischen kommt eine immer größere Bedeutung zu

Eine Zeit lang bekommt man beim Auftritt des Trios Kwestia beim Jazz e.V. in der Kulturschranne das Gefühl, einem recht besinnlichen Konzert beizuwohnen. Die Geige als Melodieinstrument führt - so klangschön, wie Geigerin Laura Schuler sie spielt und ihre instrumentalen Linien obendrein auch noch synchron mit ihrer Singstimme unterstützt - zu klassisch-musikalischen Assoziationen. Hinzu treten von Ronny Graupes E-Gitarre anfangs ein eher reduziertes Ostinatospiel oder bordunartige Grundierungen, von Schlagzeuger Alfred Vogel mit den Besen gespielte Soundkulissen, die mehr einen klangfarblichen als einen rhythmischen Beitrag zum Arrangement leisten. Das ist im Ergebnis eine sehr feinsinnig austarierte Musik, eine Musik, die sich Zeit lässt, in der die aufeinanderfolgenden Formteile nach einer Art Stop-and-Go-Prinzip klar voneinander abgegrenzt sind: Oftmals gibt es in den Arrangements kurze Haltepunkte, gerne mit einem Ritardando angesteuert, dann geht es mit leicht verändertem Aussagegehalt weiter - im Grunde genommen ein geschmackvoller Variationssatz, den man hier erleben darf.

Er klingt sehr hübsch. Es beschleicht einen aber die Sorge, dass der Jazzabend in der Kulturschranne diesmal etwas betulich werden könnte - er wird es nicht. Und das liegt daran, dass das Trio nach einiger Zeit beginnt, seine musikalische Ausdrucksweise einem steten Veränderungsprozess zu unterziehen. Die Musik wird konkreter, dem Rhythmischen kommt immer größere Bedeutung zu. Natürlich ist ein erster Schritt hierzu, dass Vogel von den Besen zu den Drumsticks wechselt. Aber es folgt weit mehr: Wenn Schuler wieder zu ihrer Geige singt, etabliert sie nun häufiger eine eher herbe, auch Dissonanzen einschließende Zwiesprache von instrumentaler und menschlicher Stimme. Häufig übernimmt sie auch gar nicht mehr den melodischen Part, sondern unterstützt die Rhythmik der Musik durch ein präzises Ostinato. Stattdessen widmet sich Graupe auf seiner E-Halbakustikgitarre öfter virtuosen Aufgaben, rast durch schnelle Skalen, dreht den Lautstärkeregler hoch, den seines Verzerrers auch, scheint zeitweise auf seinen sechs Saiten gleichzeitig Solo-, Rhythmus- und Bassgitarrist zu sein. Die Übergänge zwischen diesen musikalischen Abschnitten gestaltet das Trio nun meist fließend, was der Musik eine homogenere, improvisatorischere Anmutung verleiht als zuvor - obgleich manche Riffs in ihrer präzisen Koordination zwischen den Instrumenten definitiv auskomponiert sind, denn sonst würden sie Schuler und ihren Kollegen nicht so exakt von der Hand gehen. Manchmal entstehen geradezu rockmusikalisch laute Klangverdichtungen, dann wiederum wird die Musik ätherisch, spielt Schuler flirrende Sphärentremoli, Vogel wiederum ein leises klangfarbenerforschend angelegtes Solo mit dem Schlagzeug (unter Verwendung von allerhand kleinen Becken, Gongs und sogar einer Spieluhr, die zur Resonanzverstärkung auf einer Floor Tom liegt). Diese Darbietung von Kwestia klingt mitunter sehr exquisit - und wird im Laufe des Konzerts dramaturgisch sogar immer spannender. Das ist eine große Qualität dieses Abends. Am Ende der Zugabe zupft Graupe einen freundlichen, schlichten Bluesschluss. Großer Applaus.

Das nächste Konzert des Jazz e.V. findet bereits am Samstag, 7. März, statt. Zur Aufführung kommt dabei Musik des legendären südafrikanischen Schlagzeugers Louis Moholo-Moholo. Anders als von den Programmverantwortlichen bislang erhofft, kann Moholo selbst die Reise nach Dachau aber nicht antreten. Mark Sanders, der einst schon mit Elliott Sharp zu Gast war, wird Moholos Part übernehmen.

© SZ vom 24.02.2020
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