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Kultur in Dachau:Freiraum für zuhause

Von Gregor Schiegl, Dachau

Beim Dachauer Jugendzentrum Freiraum hätten sie schon Lust gehabt, im März richtig abzufeiern: 13 Jahre Freiraum! Ist kein rundes Jubiläum, okay, aber wen juckt's. Eine alte Bauernweisheit sagt, man solle die Feste feiern, wie sie fallen. Nur fallen sie dieses Jahr leider ins Leere, Corona ist der große Partykiller. Auch der Freiraum, dieses vom gutbürgerlichen Teil Dachaus oft misstrauisch beäugte Refugium junger Subkultur, musste wegen des Lockdowns erst mal dichtmachen. Licht aus, Ton aus, war's das? Natürlich nicht!

Der Freiraum präsentiert nun stolz ein Novum, den "Freiraum Sampler Vol. I" mit abendfüllenden 38 Tracks. Auf dem Cover steht in Bravo-Manier "Die besten Sommer-Hits 2021", ein bisschen Spaß muss sein, denn natürlich geht es auf dem Sampler nicht um gefälliges Pop-Gedudel mit Vanilleeis, hier wird gesungen wie einem der Schnabel gewachsen ist und wie einem die Akkorde in die Hände fallen, laut und dreckig, aber natürlich auch mal chillig, cool und hochprofessionelle gemixt und mit anarchischem Humor. Typisch Freiraum eben.

Versammelt sind auf dem Sampler, so schreibt es der Freiraum in der Presseankündigung selbst, "unsere liebsten Bands, Musiker*innen und Crews. Eine Compilation, so divers und bunt wie unser Veranstaltungsprogramm im Freiraum." Was stimmt und auch eine Chance ist für die im natürlichen Verspießerungsprozess fortgeschrittenen, aber prinzipiell offenen Erwachsenen reiferen Alters. Hier können sie ihren Lauschern mal einen Eindruck geben, was so alles aus den Resonanzkammern des Freiraums schallt: Punkrock, Reggae, Elektro, Dub, Hip Hop. So kann man sich selbst ein bisschen Freiraum nach hause holen.

Die Dachauer Punkband Sabot Noir ist auf dem Sampler mit dem Track "Raff dich auf" vertreten. Deren Zuschussantrag entfesselte im vergangenen Jahr eine hitzige Debatte um Kulturförderrichtlinien und befeuerte alte Vorurteile über die umstürzlerischen und - der Herr steh uns bei - womöglich sogar gewaltbereite Gesinnung des linken Freiraum-Publikums! Das ist zwar ausgemachter Unsinn, wird von rechtskonservativer Seite aber trotzdem gerne immer wieder aufgewärmt wird wie das Sauerkraut vom Vorabend. Der Sampler zeigt, dass die Bandbreite im Spektrum des Freiraums viel weiter gespannt ist als die meisten denken würden. Die Bigband Dachau, ein Ableger des traditionellen Blasvereins der Knabenkapelle ist mit dem "Song for Thomas" ebenso vertreten wie die Black Cat Dub Federation. Letztere fasst in ihrem Song "Ernst Toller" dessen literarischen Stil, aber auch die gespannte Atmosphäre der Revolutionszeit in ein beeindruckendes musikalisches Klangbild, man kann schon fast von einem Werk der Hochkultur sprechen, während Screaming Party in "Fuck Bayreuth" den braunen Untergrund des Grünen Hügels mit grandioser Brachiallyrik frei pflügt: "Schwarzweißrot färbt sich der Himmel / Wenn im Sommer sich die Ränge füllen / Der Vorhang hebt sich, atmet aus / Tradition und Zyklon B". Das ist jugendlicher Furor, Sprachwucht ungefiltert. Und: "Diese Leiche ist zu fett für jeden Sarg." Diese Zeile hätte auch von Karl Kraus sein können.

Herunterladen kann man den Sampler kostenlos bei Bandcamp auf www.freiraumdachau.bandcamp.com. Mit dem Sampler verbunden ist ein Aufruf zum Spenden: Auf der Seite www.freiraum-dachau.de/sampler listet der Freiraum Projekte auf, die der gerne durch eine Geldspende unterstützt sehen würde. Wer den Verein Freiraum unterstützen will, kann dies auch direkt über die Bandcamp-Seite tun. Ansonsten gilt die Devise "Geht raus und tut Gutes!" In Zukunft will der Freiraum den Sampler bei Veranstaltungen auch physisch gegen Spende anbieten: als CD und/oder USB-Stick zusammen mit gedruckten Special-Jubiläums-Plakaten.

© SZ vom 17.04.2021
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