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Kultur in Dachau:Der Zerrissene

Der Schriftsteller Albrecht Haushofer ist eingeweiht in das Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944, doch nie Teil einer aktiven Widerstandsgruppe. Seine Regimekritik versteckt er in Büchern. Norbert Göttler nähert sich nun in einer literarischen Collage diesem widersprüchlichen Menschen

Von Gregor Schiegl, Dachau

Als Literat ist Albrecht Haushofer weitgehend in Vergessenheit geraten. In einschlägigen Lexikoneinträgen wird er als "Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus" geführt. Haushofer pflegte Kontakte zu einer ganzen Reihe von Regimegegnern, er war in das Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 eingeweiht, wurde verhaftet und zum Tode verurteilt. Kurz vor der Befreiung Berlins, in der Nacht zum 23. April 1945, holte man ihn aus seiner Zelle unter dem Vorwand, ihn zu verlegen. Von einem SS-Trupp wurde er hinterrücks erschossen. Allerdings war Haushofer selbst nie Teil einer aktiven Widerstandsgruppe. Er versuchte seinen mäßigenden, auf Friedenswahrung abzielenden Einfluss im Inneren des braunen Machtapparats geltend zu machen und wurde so, nolens volens, selbst zu einem Rädchen der mörderischen Maschinerie. Haushofer war als Diplomat sogar als Dolmetscher für Hitler tätig.

Auch als "Widerstandskämpfer" lässt sich Haushofer kaum einordnen, zu keiner Gruppe gehörte er selbst dazu. Weder war er ein Mann der Tat wie der Attentäter Georg Elser, noch einer, der sich durch eine beispielhafte Haltung hervorgetan hätte wie die Geschwister Scholl von der Weißen Rose. Dieses Indifferente, Widersprüchliche, ja, bisweilen Schizophrene erlebte auch der Bezirksheimatpfleger und Autor Norbert Göttler zu seinen Kindertagen in seiner Heimat Dachau. Das Konzentrationslager Dachau, in dem auch Albrecht Haushofer zeitweise inhaftiert war, diente in der Nachkriegszeit als Flüchtlingslager. Göttler nimmt es wahr als "Umschlagplatz für menschliches Schwemmgut aus ganz Europa". Erst nach und nach erkannte der Junge, dass die aufregenden Orte, an denen er herumtollte, historische Schauplätze von Terror und Leid waren.

Albrecht Haushofer tritt aus der Masse der Geschundenen früh in Göttlers Bewusstsein: "Die Ratten treiben tot im Meer", heißt es in einem der ersten Kapitel seines Buchs. "Mit etwa zwölf oder dreizehn Jahren hat der Junge auf dem Traktor diese Zeilen erstmals im Deutschunterricht gelesen. Zu diesem Zeitpunkt, 1971 oder 1972, weiß er weder, was Sonette sind, noch wo Moabit liegt. Den Namen Albrecht Haushofer, den Verfasser der Moabiter Sonette, hat er nie gehört. Einen Eid könnte er darauf ablegen, dass die merkwürdigen Gedichtzeilen nichts mit ihm und seinem zukünftigen Leben zu tun haben."

Ausstellung Schinnerer

Bezirksheimatpfleger Norbert Göttler.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Man ahnt schon: Der Junge irrt.

Norbert Göttler hat mit vielen Zeitzeugen gesprochen, mit Carl Friedrich von Weizsäcker, der Albrecht Haushofer noch persönlich gekannt hat, aber auch mit Nachfahren der Familie Haushofer. Eine Biografie im klassischen Sinne ist dabei nicht herausgekommen, das Ergebnis wäre bei all den offenen Fragen wohl auch höchst unbefriedigend gewesen. Stattdessen bedient er sich des Kunstgriffs einer literarischen Collage, möglicherweise der einzig adäquaten Form, sich einem zerrissenen Menschen wie Haushofer anzunähern, den niemand so richtig gekannt zu haben scheint, ein Sonderling, der nie irgendwo richtig dazugehörte.

In seinem Buch verwebt Norbert Göttler Orts- und Zeitgeschichte, Erlebnisse und Beobachtungen seiner Recherchereisen und immer wieder Kindheitserinnerungen und seine Familiengeschichte: Der Gutsbesitzer Johann Göttler und Prittlbachs Bürgermeister Benno Westermayr waren seine Großväter. Sie stehen weder auf den Listen der Täter noch auf denen der Opfer. "Auf welchen Listen der Geschichte stehen sie dann?" Das ist auch bei Haushofers die Frage.

Göttler und Haushofer verbindet "ein ähnliches Herkunftsmilieu, ähnliche philosophische Neigungen". Aber man darf auch die Unterscheide nicht vergessen: Es ist eine andere Generation, eine andere Zeit, andere Umstände. Als Historiker und Heimatkundler ist Göttler gewohnt, wissenschaftlich sauber zu arbeiten. Er nutzt seine erzählerischen Mittel kunstvoll, aber immer gewissenhaft zum Zwecke der Aufklärung. Da sagt der Freund und konservative Minister Johannes Popitz einmal zu Haushofer, dass sie, die sich als mäßigende Kräfte gegen die Nazis sähen, letztlich doch nichts anderes seien als Kollaborateure. Fragen, Vorwürfe und Zweifel handelt Göttler in Monologen, die Widerspruche ab, innere Konflikte und schuldhafte Verstrickungen legt er im grellen Licht von Verhörzimmern offen. Der alte Karl Haushofer, der als Professor für Geopolitik ideologischer Vordenker für die Lebensraumpolitik der Nazis ist, muss sich vor einem US-Offizier rechtfertigen. Der Sohn, Albrecht Haushofer, wird von einem SS-Mann mit ganz anderen Vorhaltungen gequält - nämlich dass er eigentlich schon immer ein Teil der Bewegung gewesen sei und nur leider vom rechten Weg abgekommen. Aber noch könne er sich retten.

Der Literat Albrecht Haushofer.

(Foto: Arlet Ulfers)

So stattgefunden haben diese Verhöre tatsächlich nie. "Fiktive Dialoge und Monologe sind eine von vielen Möglichkeiten der Spurensuche", schreibt Göttler. "Sie sind fiktiv, aber nicht beliebig. Sie sind historisch verantwortbar und - hoffentlich - erhellend." Und in der Tat gelingt es Göttler, die Konfliktlinien klar und in einer fast schmerzhaften Schärfe herauszuarbeiten. Obgleich dieser recht schmale Band viele Erzählebenen hat, fühlt man sich als Leser von Göttler mit sicherer Hand geführt. Besonders verdienstvoll: Auch den namenlosen Helden und Randfiguren, über die die Geschichte längst stillschweigend hinweggegangen ist, gewährt Norbert Göttler ihren Auftritt und verschafft ihnen so wieder die ihnen zustehende Geltung: ein Kleinbauer und Handwerker, der unter Lebensgefahr Häftlinge heimlich mit Lebensmitteln versorgt hat, "die Sängerin", die zerlumpt über die Dörfer tingelt und Opern singt. Es waren andere Zeiten.

Auch der Ton ist richtig gesetzt, empathisch, aber ohne Kitsch: "Ende 1943 finden die Machthaber, dass es an der Zeit sei, das Tausendjährige Reich von Rentnern, Invaliden und Kindern verteidigen zu lassen", schreibt Göttler mit bitterer Ironie. Diese Opfer aus seinem nächsten persönlichen Umfeld macht er wieder sichtbar: den 17-jährigen Martin Göttler, der als Grenadier an die Westfront beordert wird und nach vier Wochen bei Luxemburg einen sinnlosen Tod stirbt, ein Junge namens Michael, 14 Jahre alt, der in Prittlbach im April '45 von einem flüchtenden SS-Mann vom Fahrradsattel geschossen wird. Der 16-jährige Nevio Vitelli, der seiner Familie entrissen wird, und im KZ zugrunde gerichtet wird. Der Gefallene, der vom Hunger ausgezehrte, der beim Einmarsch der Amerikaner "Umgekommene". "Die Wahrheit ist: alle drei wurden ermordet."

Diese Kraft zur Klarheit hatte Haushofer oft nicht, obwohl er schon früh erkannt hatte, dass die Politik der Nazis auf einen mörderischen Krieg hinauslaufen musste, dass die Drangsalierung, Verfolgung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung ein zivilisatorische Dammbruch sein würde, dessen Strudel jedermann mitreißen konnte. Macht und Gewalt, das warenzentrale Themen in seinen Dramen. "Immer versteckte Regimekritik, immer Andeutungen. Immer gerichtet an mitfühlende Geister", bilanziert Norbert Göttler. Aber auch immer unentdeckt, unentschlüsselt und damit auch unwirksam." Umso mehr Wucht entfalten Haushofers "Moabiter Sonette", die er erst am Ende seines Lebens in der Haft verfasste. Die strenge Form half womöglich "als Korsett des Geistes gegen das Verrücktwerden, als man ihn in eine winzige Zelle sperrte". Albrecht Haushofer starb mit 42 Jahren.

Dachau, Moabit und zurück. Eine Begegnung mit Albrecht Haushofer. Literarische Collage von Norbert Göttler. 126 Seiten. Allilitera Verlag 2020. Zu beziehen über www. Allitera.de, 18 Euro.

© SZ vom 11.04.2020

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